Ausstellungseröffnung: Zweimal Gedächtnisbuch in Dachau
Am 27. April 2018 um 15 Uhr beginnt die Ausstellung „Namen statt Nummern. Niederländische politische Häftlinge im Konzentrationslager Dachau“ in Dachau mit einer Eröffnungsveranstaltung. Zeitgleich zeigt die Versöhnungskirche die Wanderausstellung „Namen statt Nummern“ des Gedächtnisbuchs. Bis Ende September 2018 sind dann beide eng mit dem Gedächtnisbuch verbundene Ausstellungen gleichzeitig in Dachau in der KZ-Gedenkstätte zu sehen.
Ausstellung in der Versöhnungskirche
Im Sonderausstellungsraum der Gedenkstätte beginnt am 27. April um 15 Uhr die Ausstellung „Namen statt Nummern. Niederländische politische Häftlinge im Konzentrationslager Dachau“. Jos Sinnema, ehrenamtlicher niederländische Gedächtnisbuchmitarbeiter, Liesbeth van der Horst, Leiterin des Widerstandsmuseum Amsterdam sowie die Schülerin Sydney Weith, Autorin eines Gedächtnisblatts, führen in die Ausstellung ein. Weitere Redner sind Gabriele Hammermann, Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau, Peter Vermeij, Generalkonsul der Niederlande sowie ein Vertreter der Stadt München.
Im Anschluss an die Ausstellungseröffnung zeigen Karen Tessel, Kuratorin der Ausstellung in Amsterdam, und Jascha März, der die Ausstellung in Dachau vorbereitet hat, den Besuchern die Exponate in zwei parallelen Führungen. Die Ausstellung war bereits im Widerstandsmuseum Amsterdam zu sehen, ihr zugrunde liegen Gedächtnisblätter, die von niederländischen Schülern angefertigt wurden.
Parallel zu dieser Ausstellung zeigt die Versöhnungskirche die Wanderausstellung des Gedächtnisbuchs „Namen statt Nummern“. Hier können auch während der Ausstellung die bisher entstandenen Gedächtnisblätter analog und digital eingesehen werden.
Informationen zu Orten und Öffnungszeiten entnehmen Sie bitte dem Veranstaltungskalender rechts auf dieser Website.
(26.4.2018; Foto: Klaus Schultz; Text: Irene Stuiber)
20. April 2018
Niederländische Wanderausstellung jetzt mit Multimedia-Ergänzung
Von 20. April bis 30. Mai 2018 wird die Ausstellung „Geen nummers maar namen“ in Amsterdam im Geselligkeitsverein De Tweede Uitleg gezeigt, jetzt ganz neu mit multimedialer Ergänzung.
Lida Schoen und Jos Sinnema
Erstmalig können die Besucher der Ausstellung nicht nur Fotos und Texte über niederländische Häftlinge auf Ausstellungsbannern betrachten, sondern auch in Videos etwas über die jungen Verfasser der Biographien und ihre Beweggründe erfahren. Auf einem Tabletständer stehen jetzt dank einer von Berend Katz programmierten App entsprechende Kurzfilme bereit.
Die Gedächtnisbuchausstellung ist bis zum 30. Mai im Amsterdamer Geselligkeitsverein De Tweede Uitleg zu sehen. Das Zentrum wendet sich vor allem an ein Publikum 55+, aber jüngere Besucher sind in der Ausstellung und den dazugehörigen Veranstaltungen ebenfalls gern gesehen.
Lida Schoen organisiert für die Besucher des Zentrums ehrenamtlich ein anspruchsvolles Programm, in dessen Rahmen die Ausstellung gezeigt wird und neben der Eröffnung weitere Veranstaltungen auf die Besucher warten.
Im Film „de reis van Van Eijsden“ schildert Filmemacher Berend Katz, wie er den Spuren seines im Konzentrationslager Dachau umgekommenen Urgroßvaters folgt. Der Film wird am 4. Mai um 21 Uhr anlässlich der Ehrung der Toten des Zweiten Weltkriegs in der Soziätät De Tweede Uitleg in Anwesenheit des Autors gezeigt.
Am 9. Mai 2018 berichtet Jos Sinnema über zwei Personen, deren Banner in der Ausstellung zu sehen sind: Ernst Sillem und Jaap van Mesdag, die sich 1942 in einem Kanu auf den Weg nach England machten.
Die auf dem Tablet in der Ausstellung bereitgestellten Filme entstanden vor etwa zwei Jahren für die große Ausstellung im Amsterdamer Widerstandsmuseum, hier im Blog wurde schon einmal auf einige verlinkt:
Adresse, Öffnungszeiten und organisatorische Informationen zu den Veranstaltungen entnehmen Sie bitte unserem Veranstaltungskalender rechts.
Fotos zur Ausstellung
(20.4.2018; Text: Irene Stuiber)
9. April 2018
Gedächtnisbuch im Fernsehinterview
Björn Mensing, Pfarrer an der Versöhnungskirche, erläutert das Gedächtnisbuch in einem Interview mit Sybille Krafft bei BR alpha. Die Sendungsaufzeichnung findet sich in der ARD-Mediathek.
Weitere Themen des Interviews, das bereits im Mai 2017 ausgestrahlt wurde: Die Gedenkstättenarbeit der Versöhnungskirche, ihre Geschichte und die Rolle der evangelischen Kirche bzw. protestantischer Wähler im Nationalsozialismus. Schwerpunktmäßig um das Gedächtnisbuch geht es etwa ab Minute 19.
Im Interview wird Bezug genommen auf die Lebensgeschichte von Abdelkader Mesli, der als Imam und Mitglied der Résistance das KZ-Dachau erleiden musste. Sein Gedächtnisblatt findet sich hier auf unserer Website: https://www.gedaechtnisbuch.org/gedaechtnisblaetter/?f=M&gb=7299
Die Versöhnungskirche hat das Projekt Gedächtnisbuch 1999 mitgegründet, die Gedächtnisblätter sind in ihrem Gesprächsraum zugänglich. Björn Mensing, Theologe und Historiker, ist seit 12 Jahren Pfarrer an der Versöhnungskirche.
(9.4.2018; Text: Irene Stuiber)
25. März 2018
Jahrespräsentation 22. März 2018
Ein weites Spektrum der Verfolgung spiegelt sich in den zwölf Biographien von ehemaligen Dachau-Häftlingen, die ehrenamtliche Autoren des Gedächtnisbuchs bei der Präsentation am 22. März 2018 vorstellten. Im Publikum folgten eine ganze Reihe von Angehörigen der Porträtierten den Ausführungen der Referentinnen und Referenten.
Fabian Hoppmann mit seinem Gedächtnisblatt zu Adi Maislinger
Unter den Vortragenden befanden sich viele Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Grafing. Hier gibt es seit 2014 unter Leitung von Lehrerin Petra Köpf W-Seminare des Gedächtnisbuchs. Auch die musikalische Begleitung des Abends übernahmen Schüler des Grafinger Gymnasiums.
Die wohl jüngsten Referentinnen stellte die Theresia-Gerhardinger-Realschule in Weichs: Sie haben zusammen mit einigen Mitschülerinnen intensiv zur Biographie von Josef Nieberle recherchiert. Weitere Informationen zu Porträtierten und Porträtierenden folgen in diesem Bericht.
Leslie Schwartz: der Erinnerungsarbeit tief verbunden
Die Grafinger Gymnasiastin Johanna Grebner stellte den Lebensweg von Leslie Schwartz vor. Ihre Recherchen haben ergeben, wie viele Fügungen des Schicksals nötig waren, um sein Überleben zu ermöglichen. 1930 in Ungarn geboren, überlebte Leslie Schwartz das Ghetto Kisvarda und die Lager Dachau, Allach, Karlsfeld, Mittergars und Mühldorf-Mettenheim. Noch am Tag vor der Befreiung, am 28. April 2015, erlag Schwartz beinahe einer tödlichen Schußverletzung.
Die Erinnerungsarbeit bedeutet für den in den USA lebenden Holocaust-Überlebenden die große Aufgabe seines Lebens: Er sorgte für den Wiederaufbau der Synagoge in Budapest und führt bis heute viele Zeitzeugengespräche. Eines davon mit Johanna Grebner, für die dieses Gespräch der wichtigste Teil ihrer Forschungen ist: „Es war mir ganz besonders wichtig zu hören, wie er seine Geschichte erzählt.“
Johann Bieringer: standesgemäße Aversion gegen die Nazibonzen
Über das Schicksal Johann Bieringers berichtete Bernhard Weber, Dozent für Geschichte am Studienkolleg München. Bieringer wurde 1910 in Weichs geboren, die Familie lebte in Pasenbach im Landkreis Dachau und Johann Bieringer wuchs dort in einfachen Verhältnissen auf. „Er wollte sich der NSDAP nicht andienen“ und hatte „wohl eine standesgemäße Aversion gegen die Nazibonzen“ urteilt Weber. Ins Fadenkreuz der Nationalsozialisten geriet Bieringer, weil er dem kommunistischen Widerstand zumindest nahestand. Auch nach einem Freispruch durch das Sondergericht München wurde Bieringer wieder ins KZ Dachau gesperrt. Er fiel im Zweiten Weltkrieg in Russland.
Zwei Biographien aus Hohenkammer stellte Karl Strauß vor, der selbst lange Zeit in Hohenkammer gelebt hat. Er schildert einen Ort, der während der NS-Zeit politisch tief gespalten war. Sowohl Thomas Held wie auch Thomas Groß erlitten für ihre lokale Gegnerschaft zu den Nationalsozialisten KZ-Haft. Karl Strauß erzählte, dass er mit den Gedächtnisblättern einer moralischen Pflicht zur Dokumentation dieser Schicksale nachgekommen sei. Mit Thomas Held verband ihn eine gute persönliche Bekanntschaft, Thomas Groß dagegen starb bereits vor der Geburt des Referenten.
Die Grafinger Schülerin Lisa Obermaier berichtete über den Lebensweg George Scotts. Der ungarische Jude wollte sich als Jugendlicher den Partisanen anschließen, wurde aber verhaftet und durchlitt die Lager Auschwitz, Kaufering III, Kaufering I, Kaufering IV und schließlich Dachau. Befreit wurde er in Dachau, ein berühmtes Foto zeigt ihn mit vor Freude in die Luft geworfener Mütze hinter Stacheldraht bei der Befreiung des Lagers. George Scott lebt heute in Toronto.
Franz Klement: Zugehörigkeit zur sozialdemokratischen Arbeiterbewegung
Der Sozialdemokrat, Betriebsrat und Bürgermeister im böhmischen Dallwitz wurde nach der Annexion der Sudetengebiete verhaftet und im KZ Dachau eingesperrt, erst im April 1939 kam er wieder frei. Die Grafinger Schülerin Helena Strebl ist seinem Schicksal nachgegangen. Nach dem Krieg wohnte die Ehefrau des bereits 1944 verstorbenen Dachau-Häftlings zeitweise im sogenannten Wohnlager Dachau-Ost – also in den Häftlingsbaracken des vormaligen Konzentrationslagers.
Johann Neuberger: jüdischer Religionslehrer aus Franken
Beata Tomczyk, derzeit als Freiwillige von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste in Dachau, sprach über ihre Recherchen zu dem aus Franken stammenden jüdischen Religionslehrer Johann Neuberger. Einige Monate vor seiner Deportation heiratete Neuberger. Er selbst, seine Ehefrau und das im Lager geborene Baby überlebten den Holocaust nicht. Beata Tomczyks Recherchen sind noch nicht abgeschlossen: Offene Fragen will sie in den nächsten Wochen klären.
Henk Zanoli: anarcho-syndikalistischer Rechtsberater in den Niederlanden
Peter Mreijen, Geschichtslehrer am niederländischen Het Baarnsch Lyceum, stieß in seiner Nachbarschaft auf die Lebensgeschichte von Henk Zanoli. Dessen Familie wanderte im 19. Jahrhundert aus dem Tessin in die Niederlande ein. Zanoli engagierte sich für die sozial Schwächeren und wurde verhaftet, als die deutschen Besatzer im Zweiten Weltkrieg potentielle linke Widerstandskämpfer eliminierten. Briefe aus dem Lager zeigen die tiefe Hoffnung Zanolis auf eine bessere Welt nach dem Krieg, aber auch seine Befürchtung, diese Zeit nicht mehr zu erleben. Er starb im Februar 1945 in Mauthausen. Mreijen betonte, diese und andere Biographien von NS-Verfolgten seien eine ständige Mahnung zur Wachsamkeit in unserer politischen Gegenwart.
Adi Maislinger: mit Worten gegen brutale Gewalt
Mit Flugblättern bekämpfte Adi Maislinger das NS-Regime. Das brachte ihm eine Verurteilung durch den Volksgerichtshof ein, acht Jahre Zuchthaus, im Anschluss daran KZ-Haft bis zur Befreiung durch die Amerikaner. Der Grafinger Schüler Fabian Hoppmann recherchierte Maislingers Geschichte und führte dafür unter anderem ein Interview mit der langjährigen Leiterin der KZ-Gedenkstätte, Barbara Distel. Sie kannte Adi Maislinger besonders gut, denn nach seiner Pensionierung in den sechziger Jahren gehörte er zu den unermüdlichen Unterstützern der Gedenkstätte und dies bis zu seinem Tod im Jahr 1985. Fabian Hoppmann über seine Recherchen: „Ich habe Adi Maislinger als einen sehr besonderen Menschen kennengelernt. Ich war wirklich froh, einen Einblick in sein Leben zu bekommen.“
Imre Bródy: Ausnahmephysiker
Der jüdische Physiker, 1891 in Gyula/Ungarn, starb 1944 im Außenlager Mettenheim M1 des KZ Dachau. Bródy erfand die mit Krypton gefüllte Glühbirne. Sein Schicksal erläuterte Erhard Bosch, der zusammen mit Karl Wingler ein Buch über Imre Bródy verfasst hat. Nach der Besetzung Ungarns durch die Wehrmacht wurde Imre Bródy über das Sammellager Békásmegyer ins Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Am 18.9.1944 verlegte man ihn über das KZ Dachau ins Außenlager Mettenheim M1 und das Waldlager V/VI, schließlich wieder nach Mettenheim, wo er den Tod fand. Am meisten beeindruckt hat die Verfasser bei ihren Recherchen zur Biographie des Physikers, dass sich Bródy entschied, bei seiner Familie zu bleiben, obwohl er wusste, was die Deportation bedeutete.
Tief berührt vom Schicksal Engelmar Unzeitig zeigte sich Referent Sebastian Trohorsch, Schüler des Grafinger Gymnasiums. Der Pfarrer predigte in seiner böhmischen Gemeinde gegen die Judenverfolgung und wurde wegen „Kanzelmissbrauchs“ verhaftet. Im KZ Dachau half er anderen Häftlingen, wo er nur konnte. Freiwillig meldete er sich zur Versorgung der Typhuskranken und starb selbst im März 1945, einen Tag vor seinem 34. Geburtstag. Erst vor kurzem wurde Unzeitig selig gesprochen. „Ich finde, die Seligsprechung spricht für sich selbst.“, meinte Trohorsch. „Eine solche Ehrung, die ja nicht oft ausgesprochen wird, zeigt, wie besonders dieser Mensch war.“
Josef Nieberle: Bürgermeister und Bauernvertreter
Zwei Schülerinnen der Theresia-Gerhardinger-Realschule in Weichs referierten über die Forschungen ihres Geschichtsarbeitskreises zu Josef Nieberle, Bauer und Bürgermeister in Weigersdorf. Der fest im katholischen Millieu verankerte Nieberle war den Nazis bereits 1933 ein Dorn im Auge. 1933 und 1934 stürmten jeweils Hunderte von Nazi-Anhängern seinen Hof. Nieberle wurde ins Gefängnis gebracht, vom 11.10.1935 bis 21.12.1936 war er im KZ Dachau eingesperrt. 1945 setzten ihn die Amerikanern wieder als Bürgermeister in Weigersdorf ein. Das Gründungsmitglied des Bayerischen Bauernverband starb 1948. Die beiden Referentinnen meinten: „Durch die Erarbeitung dieses Gedächtnisblatts haben wir viele neue und tolle Erfahrungen gemacht und sind mit Themen in Berührung gekommen, die uns zuvor noch unbekannt waren.“
Im Publikum folgten viele Mitglieder der Familie Nieberle den Ausführungen der Schülerinnen. Ein Filmausschnitt von Julian Monatzeder, der derzeit einen Film über das Gedächtnisbuch dreht, zeigte die Schülerinnen bei ihren Recherchen auf dem Hof der Familie in Weigersdorf.
Leslie Schwartz wendet sich in einen Brief an die Anwesenden
Sabine Gerhardus, Leiterin des Gedächtnisbuchprojekts, verlas ein Schreiben von Leslie Schwartz aus New York: „Ich bin tief berührt, zu wissen, dass ich nicht vergessen worden bin und dass die zukünftigen Generationen diese Arbeit des Erinnerns und Heilen fortsetzen werden, bedeutet mir alles. Es gibt keine Ehrung, die mir wichtiger wäre. Ich wünschte, ich könnte heute persönlich hier sein.“, schrieb der Holocaust-Überlebende, der aus gesundheitlichen Gründen nicht zur Veranstaltung kommen konnte. „Haltet alle unsere Erinnerung am Leben und setzt euch ein für die ganze Menschheit und eine Welt ohne Hass und Ungerechtigkeit, in der Frieden herrscht und Liebe über den Hass siegt.“
Ein Dankeschön an alle Beteiligten
Klaus Schultz, Trägerkreisvertreter der Versöhnungskirche, erinnerte in seiner Begrüßung an ein Grundanliegen des Gedächtnisbuchs: „Die Überlebenden werden älter und weniger, ihre Stimme wird leiser. Umso wichtiger ist es, an sie zu erinnern und ihnen ein Gesicht, eine Stimme zu geben.“
Ludwig Schmidinger, Vertreter der Katholischen Seelsorge an der Gedenkstätte im Trägerkreis, bedankte sich bei den Mitwirkenden für die Einblicke in verschiedene Lebensgeschichten, die uns dazu ermutigen können, „auch das, was in unserem eigenen Leben los ist, was wir aktuell in unserer Gegenwart erleben, genauer anzuschauen, genauer wahrzunehmen und uns damit intensiv zu beschäftigen.“
Die Veranstalter bedanken sich sehr herzlich bei allen Mitwirkenden und Beteiligten, bei den beiden Dachau-Überlebenden Leslie Schwartz und George Scott, den Familienangehörigen aller porträtierten Personen und den Autorinnen und Autoren der Gedächtnisblätter.Vielen Dank auch an die Schüler Rosa Taccarelli, Robin Brunnthaler, Zoltan Botos und Jakob Skudlik vom Gymnasium Grafing für die musikalische Umrahmung des Abends. Eine besonders großes Dankeschön geht an die Schwestern vom Karmel Hl. Blut, die ihre schöne Klosterkirche für die Veranstaltung zur Verfügung stellten!
(27.3.2018; Text und Fotos: Irene Stuiber)
13. März 2018
Einladung zur Jahrespräsentation am 22. März 2018
12 neue Biographien von Häftlingen des KZ Dachau stellt das Projekt Gedächtnisbuch bei seiner Jahrespräsentation am Donnerstag, den 22. März 2018 um 19.30 Uhr in der Kirche des Karmel Heilig Blut in Dachau vor. Die porträtierten Personen stammen aus Ungarn, Deutschland und den Niederlanden.
Sichtung von Dokumenten auf dem Hof von Josef Nieberle
Adi Maislingers Lebensgeschichte recherchierte der Schüler Fabian Hoppmann im Rahmen eines W-Seminars am Gymnasium Grafing. Der 1903 in München geborene Adi Maislinger betätigte sich in der Arbeiterbewegung und organisierte nach dem Reichstagsbrand in München den Widerstand der KPD gegen die Nationalsozialisten. 1934 wurde Maislinger verhaftet, vom Volksgerichtshof wegen Hochverrats verurteilt und, nachdem er seine Gefängnisstrafe abgesessen hatte, 1942 im KZ Dachau eingesperrt. In der Nachkriegszeit engagierte sich Maislinger für überlebende KZ-Häftlinge und wurde zu einem der aktivsten Befürworter und Unterstützer der Gedenkstätte in Dachau. Nach seiner Pensionierung 1966 führte er häufig Besuchergruppen über das Gelände – vielen damaligen Besuchern ist er in lebhafter Erinnerung. In München erinnert eine Straße an Adi Maislinger.
Schülerinnen der Weichser Theresia-Gerhardinger-Realschule präsentieren die Biographie von Josef Nieberle. Mithilfe der Kinder und Enkel, vieler Dokumente und einer Recherche vor Ort zeichnen sie ein lebhaftes Bild Weigersdorfer Bürgers, der in der Bayerischen Volkspartei und im Bauernbund aktiv war. Die Erinnerung an die Verfolgung und Isolation während der NS-Zeit stellt auch heute noch einen wesentlichen Teil der Familiengeschichte dar.
Mit dem Schicksal des herausragenden ungarischen Wissenschaftlers Imre Bródy beschäftigen sich Erhard Bosch und Karl Wingler schon lange. Nun stellen sie ihr Gedächtnisblatt des jüdischen Ausnahmephysikers vor, ohne den es keine modernen Glühlampen geben würde. Bródy wurde 1944 im Alter von 52 Jahren deportiert und musste im Dachauer Außenlager Mühldorf Sklavenarbeit leisten. „Die Arbeitsbedingungen waren derart hart, dass die durchschnittliche Lebensdauer der KZ-Häftlinge maximal 80 Tage betrug.“, schreiben die Autoren in ihrer Biographie. Der Physiker starb am 25. November 1944.
Neun weitere Kurzreferate informieren ebenfalls über Lebensläufe von Dachau-Häftlingen. Ihre Autoren sind Ehrenamtliche des Gedächtnisbuch-Projekts in Deutschland und den Niederlanden und der Geschichtswerkstatt im Landkreis Dachau, unter ihnen Schüler des W-Seminars am Gymnasium Grafing. Robin Brunnthaler, Jakob Skudlik und Rosa Taccarelli vom Gymnasium Grafing begleiten die Veranstaltung musikalisch.
Weitere Informationen finden sich im Veranstaltungskalender rechts auf dieser Website.
Neues Buch von Rabbi Erwin Schild: The Crazy Angel
Erwin Schild, über den 2005 eine Schülerin ein Gedächtnisblatt geschrieben hat, veröffentlichte Ende 2017 sein neues Buch „The Crazy Angel“. Sabine Gerhardus hat es gelesen.
Unter dem Titel „The Crazy Angel“ ist Ende 2017 in Kanada das vierte Buch von Rabbi Erwin Schild erschienen. Erwin Schild, geboren 1920 in Köln-Mülheim, wurde im November 1938 als Student der Israelitischen Lehrerbildungsanstalt (ILBA) Würzburg verhaftet und ins KZ Dachau eingeliefert. Die schrecklichen Erinnerungen an die eigene Haft im KZ und die Ermordung seiner Verwandten und Freunde durch die Nazis haben sein Leben verändert. Erwin Schild ist zu einem unermüdlichen Mahner für Frieden, interreligiösen Dialog und die Erinnerungsarbeit geworden.
Die Schülerin Steffi Falk schrieb 2005 seine Biographie für das Gedächtnisbuch auf. Im Februar 2012 eröffnete Rabbi Schild an der Carleton University Ottawa die Internationale Wanderausstellung „Namen statt Nummern“ des Gedächtnisbuchs mit einer eindrucksvollen Rede, eigentlich einer Predigt. Darin ruft er seine Zuhörer auf, selbst Verantwortung für eine friedliche und menschenwürdige Zukunft zu übernehmen: „Die Ausstellung weist feige Versuche, zu verdrängen, abzustreiten und zu vergessen zurück. Stattdessen lädt sie ein, in Sorgfalt und Demut die Verantwortung anzunehmen, zu wissen und zu handeln.“ Die ganze Predigt ist nun unter dem Titel „A Dachau Meditation“ in diesem Band veröffentlicht, zusammen mit anderen Predigten und Erinnerungen an Freunde und Familie.
Erwin Schild hat mehr als 42 Jahre als vorsitzender Rabbiner der Adath Israel Congregation in Toronto gewirkt. Er hat zahlreiche Ehrungen erhalten, u.a.: Mitglied des „Order of Canada“; „Gold Medal for Peace through Dialogue“ und das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse.
Erwin Schild: The Crazy Angel, gewidmet den Mitgliedern der Adath Israel Congregation, Kanada 2017 (ISBN: 978-0-9689415-4-6)
Die Biografie von Josef Nieberle aus Weigersdorf steht auf dem Programm der Jahrespräsentation des Gedächtnisbuchs am 22. März 2018. Hier ein Blick auf die vorangegangene Recherchearbeit vor Ort.
Katharina Göpfert-Nieberle mit der Aktensammlung der Familie
Am 16. Dezember 2017 machten sich drei Schülerinnen der Theresia-Gerhardinger-Realschule Weichs, Celia Kluge, Alexandra Lang und Eva Richter, zusammen mit ihrer Lehrerin Bettina Korb auf den Weg ins Altmühltal. An diesem Samstagnachmittag trafen sie dort, auf dem Klausenhof in Weigersdorf, mit der Familie von Josef Nieberle zusammen, über den sie ein Gedächtnisblatt verfassen wollen. Sie wurden begleitet von dem Regisseur Julian Monatzeder und Sabine Gerhardus (Gedächtnisbuch).
Es war eine ganz besondere Begegnung mit den drei Enkeln von Josef Nieberle: Katharina Nieberle-Göpfert, Walburga Bauer-Strobl und Josef Hirschbeck. „Das hier war seine ‚Amtsstube‘, an diesem Tisch wurde eigentlich der Bayerische Bauernverband gegründet“, so begrüßte Katharina Nieberle-Göpfert die Schülerinnen, als sie sich auf der Eckbank der Bauernstube niederließen.
Josef Nieberle war Mitglied der Bayerischen Volkspartei (BVP) und Besitzer eines stattlichen Hofes direkt neben der Kirche des kleinen Ortes. Er war als Kreisbauernführer und politisch denkender Mensch ein wichtiger Ansprechpartner für die Bauern der Umgebung und die Anwohner. So wurde er noch 1933 zum Bürgermeister gewählt und versuchte die Anerkennung des Wahlergebnisses gegen die Nationalsozialisten bestätigen zu lassen. So bezog er offen Stellung gegen die NSDAP – mit fatalen Folgen.
Sehr eindrücklich schildern die Enkel, was ihre Mütter als Kinder miterleben mussten: Wie der Hof drei Mal von Hunderten pöbelnden Nazis überfallen wurde, die Fensterscheiben eingeschlagen, das Haus durchsucht wurde, der Vater jedes Mal gerade noch entkommen konnte. Mit Lastwagen wurden die Nazis, alles junge Männer, extra ins Dorf gekarrt. Die Enkel sind sich sicher, dass die aufgehetzte Menge ihren Großvater erschlagen hätte, hätten sie ihn gefunden. Selbst als er von der Polizei verhaftet und nach Eichstätt gebracht wurde, wurde ihm auf dem Wege aufgelauert und nur die Polizei konnte verhindern, dass ihm Gewalt angetan wurde. Schließlich wurde er ins KZ Dachau gebracht. Die Familie verbrachte die 12 Jahre NS-Herrschaft in Isolation, die Erinnerung an die schrecklichen Ereignisse bestimmten das Leben von Josef Nieberle und seiner Familie. Für die Kinder und und auch für die Enkel ist die Erinnerung daran bis heute ein wichtiger Teil ihres Lebens.
Alle drei Enkel dankten den Schülerinnen immer wieder, dass sie an Josef Nieberle erinnern wollen. Die Dankbarkeit war auch auf Seiten von uns Besuchern: Vielen Dank für die herzliche Gastfreundschaft und die Offenheit, mit der Sie uns Ihre Familiengeschichte erzählt haben. Und auch für die interessante Führung durch Haus und Hof. Und nicht zuletzt für das hervorragende Essen, bei dem wir noch so lange und schön zusammengesessen sind.
Fotogalerie
(28.2.2018; Fotos/Text: Sabine Gerhardus)
.
20. Februar 2018
Ausstellung der Geschichtswerkstatt in Dachau
„Die 50er Jahre – Wirtschaftswunder und Verdrängung“, so lautet der Titel der neuen Ausstellung der Geschichtswerkstatt im Landkreis Dachau. Sie wird am 21. Februar 2018 um 19 Uhr in der Sparkasse Dachau eröffnet.
Was steckte hinter dieser Zeit von Rock’n Roll, Petticoat, Nierentisch und Isetta? Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Geschichtswerkstatt präsentieren ein vielschichtiges Bild. Es zeigt, wie Zeitzeugen das Wirtschaftswunder im Landkreis Dachau erlebt haben. Die Forschungen verdeutlichen auch, wie sehr man die Erinnerung an den Nationalsozialismus verdrängt hat.
Die Ausstellung ist bis 9. März 2018 zu sehen.
Wer zur Ausstellungseröffnung kommen möchte, wende sich bitte an das Dachauer Forum unter der Telefonnummer 08131 996880 oder per E-Mail unter info@dachauer-forum.de.
(19.2.2018; Text: Irene Stuiber)
19. Februar 2018
Raden Mas Djajeng Pratomo ist gestorben
Am 15. Februar, genau eine Woche vor seinem 104. Geburtstag, ist in den Niederlanden Raden Mas Djajeng Pratomo gestorben.
Stennie und Djajeng 1938
Auf der Trauerkarte, die wir von seiner Tochter bekommen haben, steht das Gedicht „Der Überlebende“ von Primo Levi. „Seit dieser Zeit, zu ungewisser Stunde, kommt dieser Schmerz immer wieder“, lauten die ersten zwei Zeilen dieses Gedichts. Auf Djajeng, der während der mörderische Flecktyphusepidemie im KZ Dachau Pfleger im Revier war, treffen diese Zeilen äußerst genau zu. Von seinen Mithäftlingen wurde Djajeng wegen der selbstlosen Weise sehr geschätzt, in der er das Leiden der Patienten im Revier zu lindern versuchte. Doch quälten ihn die Erinnerungen an das, was er vor allem während dieser Zeit im KZ durchstehen musste, bis zu seinem Tod oft und sehr. Vor allem nachts wurde er von ihnen heimgesucht.
Djajeng wurde am 22. Februar 1914 in Bagan Si Api-Api auf Sumatra geboren, das damals zur Kolonie Niederländisch-Indien gehörte. Als Spross des adligen Hauses Pakualam bekam er bei seiner Geburt den Titel Raden Mas. Im Jahre 1936 fing er in den Niederlanden ein Medizinstudium an. Zugleich wurde er im kommunistisch orientierten Studentenverein Perhimpunan Indonesia aktiv, der bei der niederländischen Regierung die Unabhängigkeit von Indonesien befürwortete. Djajeng erkannte jedoch bald, dass der Faschismus in Japan und Deutschland eine noch viel größere Bedrohung für diese Unabhängigkeit darstellte als die damalige niederländische Kolonialmacht. Diese Gefahr sollte deshalb zuerst bekämpft werden.
Als die Niederlande von den Deutschen besetzt wurden, schloss Djajeng sich dem linken Widerstand an. Auch Stennie Gret, in die er sich 1937 verliebt hatte, wurde aktiv im Widerstand. Im Januar 1943 wurden beide verhaftet. Anfangs, als beide im KZ Vught inhaftiert waren, konnten sie sich ab und zu durch den Stacheldraht miteinander unterhalten. Doch das fand ein Ende, als Djajeng im Mai 1944 nach Dachau verschleppt wurde. Erst nach seiner Befreiung und seiner Heimkehr im Mai 1945, erreichte Djajeng der Bericht, dass auch Stennie noch lebte. Sie war nach Ravensbrück gebracht und von dort aus mit einem Rot-Kreuz-Transport nach Schweden evakuiert worden. Djajeng und Stennie schrieben Briefe, bis Stennie im September 1945 nach Hause kam und die beiden einander wieder in die Arme schließen konnten.
Djajeng und Stennie heirateten im Februar 1946. Djajeng wurde Chefredakteur beim Wochenblatt des Vereins Perhimpunan Indonesia und setzte sich damit gleich wieder für die Unabhängigkeit Indonesiens ein. Die kam im Dezember 1949. Doch sollte es noch lange dauern, bis er seine Heimat wiedersehen würde. Als er 1965 ein Flugticket gekauft hatte, verhinderte der Staatsstreich von Soeharto seine Reise. Im Zuge des Staatsstreichs wurden viele Kommunisten ermordet und dieses Schicksal hätte auch Djajeng treffen können, wäre er zurückgekehrt. Sein Land war zwar unabhängig, aber Freiheit gab es nicht.
Das niederländische Gedächtnisblatt und eine deutsche Zusammenfassung der Biographie von Raden Mas Djajeng Pratomo findet sich hier.