Neu online: Biographien zur Geschichte der Stadt Dachau

Drei Biographien stehen jetzt online, die Einblicke in das Leben von Dachauer Bürgern im 20. Jahrhundert ermöglichen: Hermann Enzmann, Franz Klein und Anton Mang.

Kiosk von Franz Klein in Dachau

Nina Schiffner ist die Enkelin von Franz Klein und Anton Mang. Das Gedächtnisblatt zu Franz Klein hat sie selbst verfasst, die Biographie von Anton Mang schrieben Laura Breiling und Sabine Gerhardus. Franz Klein und Anton Mang waren in der Dachauer KPD aktiv und wurden als Gegner der Nationalsozialisten in das KZ-Dachau gesperrt. Von 1945 bis 1956 vertrat Franz Klein die KPD im Dachauer Stadtrat.

Über Hermann Enzmann verfasste Peter Frey ein Gedächtnisblatt. Enzmann wurde ebenfalls wegen seines Engagements in der Arbeiterbewegung verhaftet, er engagierte sich in sozialdemokratische Organisationen in der tschechoslowakischen Republik. In der Nachkriegszeit lebte er in Dachau.

Hier geht’s zu den Gedächtnisblättern:
Hermann Enzmann
Franz Klein
Anton Mang

(22.5.22; Foto: Gedächtnisblatt, privat; IS)

Online: Film von 1965 zeigt Schicksal der Hofgiebinger Familie Meier

Seit 2020 gibt es Gedächtnisblätter über den Hofgiebinger Bauern Wolfgang Meier und seine Söhne Wolfgang und Martin. Bereits 1965 erzählte die Familie Meier einem Fernsehteam des BR von ihrem Schicksal. Dieser Film steht nun online in der ARD-Mediathek.

Familienbild aus Hofgiebing (Ausschnitt)

Der Bayerische Rundfunk hat sein Fernseharchiv geöffnet und eine Fülle von Reportagen aus den 60er Jahren online gestellt. Darunter eine, die die Familie Meier in Hofgiebing ausführlich zu Wort kommen lässt. Die Hofgiebinger Bauernfamilie hatte den Jesuitenpater Augustin Rösch auf ihrem Hof versteckt, die Gestapo verhaftete mehrere Familienmitglieder. Der Vater Wolfgang Meier starb im Februar 1945 im KZ Dachau. Seine Söhne überlebten das Konzentrationslager Dachau und erzählen im Film ihre Geschichte. Gedreht wurde in Hofgiebing. Ausgestrahlt wurde der 15-minütige Film im Mai 1965, also vor 57 Jahren.

Hier gehts zum Film:
Bauernfamilie im KZ Dachau

Die Gedächtnisblätter zu Wolfgang Meier (geb. 1878), Wolfgang Meier (geb. 1907) und Martin Meier finden sich hier:
Wolfgang Meier (geb. 1878)
Wolfgang (geb. 1907) und Martin Meier

(14.5.22; IS)

 

Englischsprachiges Video stellt Gedächtnisbuch vor

Karla Steeb stellt in einem englischsprachigen Video das Gedächtnisbuch vor. Die Studentin arbeitete für einige Monate im Projekt mit und konzipierte ihren Film für Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Internationalen Jugendbegegnung.

Der Film lässt viele Mitwirkende zu Wort kommen und erzählt die Geschichte des Projekts und einzelner Gedächtnisblätter. Hier geht’s zum Film:

https://vimeo.com/685411178

Schon seit einiger Zeit gibt es eine deutschsprachige Doku zum Gedächtnisbuch. Auch zwei Projektpräsentationen können als Video gesehen werden. Eine Übersicht über die Filme folgt demnächst.

(9.5.22; IS)

Gedächtnisbuch-Ausstellung tourt durch Schulen im Landkreis Roth

Die Wanderausstellung „Namen statt Nummern“ des Gedächtnisbuchs tourt in den nächsten Wochen durch einige Schulen im Landkreis Roth.

Die Ausstellung ist jeweils schulöffentlich zu sehen vom

  • 2. bis 13.5.2022 in der Dr. Mehler Schule , Georgensgmünd,
  • 16. bis 20.5.2022 in der Mittelschule Rednitzhembach und
  • und vom 23.5. bis 3.6.2022 in der Realschule Hilpoltstein.

Organisiert wird das Ganze vom Kreisjugendring Roth.

Weitere Informationen zur Wanderausstellung des Gedächtnisbuchs finden sich hier:
https://www.gedaechtnisbuch.org/internationale-wanderausstellung/themen-und-inhalte/

(1.5.22; IS)

 

Teil 2: Elf neue Gedächtnisblätter

Hier der zweite Teil des Berichts über die Jahrespräsentation des Gedächtnisbuchs am 22. März 2022 in Dachau.

 

Vorgestellt wurden im zweiten Teil des Abends die Gedächtnisblätter zu Alfred Grünebaum, Georg Wagner, Nico Staal, Josef Gunzenhäuser, Josef Pröll und Karl Nolan. Ebenfalls auf dem Programm stand ein Grußwort von Josef Pröll jun.

Ein großes Dankeschön an die Kinder Alfred Grünebaums

Ihr Gedächtnisblatt zu Alfred Grünebaum erarbeitete Mileen Sentürk im W-Seminar am Ignaz-Taschner-Gymnasium.

Der jüdische Lehrer Alfred Grünebaum wirkte ab 1930 in Obbach als Religionslehrer und Kantor. Nach der Reichspogromnacht erlitt er Gefängnis- und Konzentrationslagerhaft. Anfang Januar 1939 wurde Grünebaum aus dem KZ Dachau entlassen und bemühte sich um die für die Emigration nötigen Unterlagen für sich und seine Familie. Die nötigen Visa-Papiere erhielt er schließlich nach vielen Mühen im Mai 1940, im September 1940 konnte er via Lissabon mit seiner Familie in die USA reisen. Die Grünebaums nannten sich fortan Gruen und lebten von der Tätigkeit Alfred Grünebaums als Kleinunternehmer, seinen eigentlich Beruf als Lehrer konnte er nicht mehr ausüben. Alfred Gruen starb in Tennessee im Mai 2007.

Mileen Semtürk bedankte sich mit einem „großen Dankeschön“ bei den Kindern Alfred Gruens, die „bereit waren, so viel wie möglich über das Leben ihres Vaters mit mir zu teilen.“

Georg Wagner: aktives KPD-Mitglied in Dachau

Anna Brandmair vom Ignaz-Taschner-Gymnasium referierte über den Lebensweg Georg Wagners, der als Bauhilfsarbeiter ab 1928 auf jenem Gelände wohnte, auf dem die Nazis 1933 das Konzentrationslager Dachau errichteten. Wagner arbeitete als Hilfsarbeiter auf dem Bau und war aktives Mitglied der KPD. Er erlitt deswegen eine 15-monatige KZ-Haft, später nochmals eine zweijährige Haft in einem Arbeitshaus. Schwere gesundheitliche Folgen, sein ganzes Leben lang, und Arbeitsunfähigkeit waren die Folge.

„Ich bin der Lebensgeschichte von Georg Wagner sehr nahegekommen.“, fasste Anna Brandmair ihre Erfahrungen mit der Arbeit am Gedächtnisblatt zusammen.

Nico Staal: Erfahrungen der Haft prägten den Nachkriegsalltag seiner Familie

Der Niederländer Jos Sinnema berichtete über den Amsterdamer Widerstandskämpfer Nico Staal und seine Familie. Eigens für die Präsentation nach Dachau gereist war die Tochter Nico Staals, Nicolien, mit ihren beiden Kindern.

Nico Staal und seine Frau Mien versteckten während der NS-Besetzung Juden und Widerstandskämpfer in ihrer Wohnung, Nico Staal war auch am Flugblatt „Vry Nederland“  beteiligt. Mehrere Jahre musste Nico Staal im Gefängnis und in Konzentrationslagern verbringen. Sinnema erläuterte, wie stark die Auswirkungen der Haft auf den Alltag der Familie in der Nachkriegszeit waren. So erinnere sich die Tochter an Alpträume des Vaters, der nachts schreiend aufgewacht sei, und an häusliche Gewalt. Dass er beschädigt  aus dem KZ heimgekehrt sei, so Sinnema, zeigte sich auch an einer „eiskalten, mechanischen Erziehung“ der Kinder.

Für die Arbeit am Gedächtnisblatt nutzte Jos Sinnema Briefe, die der Familie bis dahin unbekannt waren. Die Enkelin Nico Staals habe, so der Referent, zum entstandenen Gedächtnisblatt gesagt: „Es sorgt dafür, dass unsere Familiengeschichte nicht mehr so Schwarz-Weiß ist. Es zeigt, dass es Graufarben dazwischen gibt und dass sie hoffentlich sanfter werden kann.“

Josef Gunzenhäuser: Rückkehr nach Deutschland trotz Auslandsaufenthalt

Trotz der umfangreichen Recherche zum Leben Josef Gunzenhäusers seien für sie noch Fragen offen geblieben, fasste Anna Schlichenmayer ihre Arbeit am Gedächtnisblatt zusammen.

Josef Gunzenhäuser lebte als promovierter Rechtsanwalt in München, ab 1933 durfte er als Jude seinen Beruf nicht mehr ausüben und unterrichtete als Sprachlehrer in den israelitischen Kultusgemeinden München und Augsburg. Von 1936 bis 1938 hielt er sich in Italien auf, wurde aber durch die Nicht-Verlängerung seines Reisepasses gezwungen, nach Deutschland zurückzukehren. 4 Monate Konzentrationslager erlitt er nach der Reichspogromnacht. 1941 zwang man ihn und seine Mutter, in ein sogenanntes Judenhaus zu ziehen, dann in das Sammellager Berg am Laim, schließlich in das Lager Milbertshofen. Hier zog sich Josef Gunzenhäuser eine Blutvergiftung zu, die zu einem Krankenhausaufenthalt führte. Von hier aus wurde er in das Ghetto Theresienstadt gebracht. Auch Gunzenhäusers Mutter wurde nach Theresienstadt deportiert. Sie überlebte das Ghetto und berichtete später, als sie schon in den USA lebte, in einer Erinnerungssammlung vom Tod ihres geliebten Sohnes im Juli 1942 in Theresienstadt.

Für Anna Schlichenmayer stellt sich vor allem die Frage, wieso Josef Gunzenhäuser von Italien nach Deutschland zurückkehrte und nicht wie sein Bruder emigrierte. „Doch ich befürchte, dass dies wohl vorerst ein Geheimnis bleiben wird.“, so die Gedächtnisblatt-Autorin.

Josef Pröll: ein Augsburger Arbeiterschicksal

Emilie-Sophie Gebhardt widmete ihr Gedächtnisblatt dem aus Augsburg stammenden Arbeiter Josef Pröll. Er trat mit 18 Jahren dem Kommunistischen Jugendverband bei, später dann der KPD. Dies brachte ihm bereits während der Weimarer Republik eine Wohnungsdurchsuchung und ein Hochverrats-Verfahren ein, das allerdings wegen Mangels an Beweisen eingestellt wurde. Die Nazis verhafteten ihn bereits am 10. März 1933, nach mehrwöchigem Gefängnisaufenthalt überstellten sie ihn in das KZ Dachau. 1935 wurde er aus dem KZ entlassen, 1936 folgte dann wieder eine vierwöchige U-Haft, bei Kriegsbeginn steckten ihn die Machthaber wieder ins KZ. Am 11. April 1945 wurde Pröll in Buchenwald befreit. Der Neuanfang in Augsburg gelang nach dem Krieg nicht, die Familie zog nach Gersthofen.

Die Verfasserin des Gedächtnisblatts meinte: „Besonders bewegt hat mich die Familiengeschichte der Familie Pröll, was die Familie alles durchmachen musste und wie sie alle unter dem Naziregime gelitten haben.“

Karl Nolan: KZ-Haft nach Gefängnisstrafe

Demselben politischen Umfeld wie Josef Pröll gehörte Karl Nolan an, über dessen Schicksal Anna-Lena Köpf berichtete. Auch Nolan war bereits vor der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten in ein Hochverratsverfahren verwickelt, er wurde Anfang Januar deswegen vom Reichsgericht zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Nach seiner Entlassung 1934 stand er unter ständiger Polizeiaufsicht. Im März 1935 wurde er wieder zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, ihm wurde unterstellt, dass er sich an Aktionen einer Widerstandsgruppe beteiligt hätte. Nachdem er auch diese Gefängnisstrafe verbüßt hatte, deportierte man ihn ins KZ Dachau. Hier kam er am 31.10.1937 ums Leben. Die Referentin betonte besonders die vollkommene Willkür der tödlich endenden KZ-Haft.

Josef Pröll: „Gedenken allein genügt schon lange nicht mehr“

Als Ehrengast richtete Josef Pröll seine Worte an das Publikum. Pröll, der denselben Name wie sein von den Nazis verfolgter Vater trägt, sprach als Nachkomme ehemaliger Verfolgter und als Vertreter der Lagergemeinschaft Dachau. Er äußete sich zu Erinnerungskultur und Friedensbewegung.

„Es betrifft jeden von uns. Gedenken allein genügt schon lange nicht mehr.“, so Pröll. „Gedenkstätten, das haben wir schon oft festgestellt, sind Lern- und Begegnungsstätten und – Friedhöfe.“ Er formulierte ein dringendes Anliegen für die Zukunft: „Anders als bisher sollten wir eine Streitkultur entwickeln, die uns trotz unterschiedlicher Meinungsbilder und dadurch zwangsläufig entstehenden Streitgesprächen Menschen bleiben lässt.“ Pröll appelliert an das Publikum: „Wir müssen eine Streitkultur entwickeln, die nicht ausgrenzt, nicht beleidigt, andere nicht diffamiert. Solch eine Streitkultur zu pflegen, ist auch Friedensarbeit.“

Annerose Stanglmayr: „Leider muss ich zum Schluss noch über’s Geld reden“

Die Verabschiedung für den Trägerkreis übernahm Annerose Stanglmayr, Geschäftsführerin des Dachauer Forums. Sie bedankte sich herzlich bei allen Beteiligten. Leider musste die Rednerin, wie sie sagte, „ganz am Schluss noch über’s Geld reden“. Das Gedächtnisbuch benötigt dringend Spenden für die Fortführung seiner Arbeit.

Daher zum Ende dieses Artikels die Kontonummern für Spenden:

Sparkasse Dachau IBAN: DE68 7005 1540 0380 9352 62
BIC: BYLADEM1DAH

Volksbank Raiffeisenbank Dachau IBAN: DE05 7009 1500 0000 0155 55
BIC: GENODEF1DCA

Empfänger Dachauer Forum, bitte mit dem Vermerk: Spende Gedächtnisbuch

(18.4.22; IS. Das Foto Annerose Stanglmayrs ist dem Film von Josef Pröll entnommen.)

 

Wanderausstellung in den Niederlanden

In der Grote Kerk in Dokkum in den Niederlanden ist ab dem 16. April 2022 die Wanderausstellung des Gedächtnisbuches „Geen nummers maar Namen“ zu sehen.

Anlass für die Ausstellung ist die Stolpersteinverlegung für Josef Cohen, der Pfarrer in der Grote Kerk in Dokkum gewesen ist. Während des Zweiten Weltkriegs sprach sich Cohen von der Kanzel gegen die deutsche Besatzung der Niederlande aus. Er wurde deshalb verhaftet und nach Dachau verschleppt. Cohen wurde in Hartheim ermordet. Anne-Lise Bobeldijk verfasste 2016 das Gedächtnisblatt für Josef Cohen. In der Wanderausstellung gibt es seitdem auch ein Banner über ihn.

Wanderausstellung

Die Wanderausstellung in der Grote Kerk in Dokkum am Markt 2 hat an folgenden Tagen jeweils von 14 bis 17 Uhr geöffnet:
Samstag, 16., 23.  und 30. April,
Mittwoch 27. April (Königstag),
Sontag 1. Mai
und Donnerstag, 5. Mai (Befreiungstag).

Der Eintritt ist frei.

Lesung

Freitagabend, dem 19. April um 19.30 Uhr, gibt es in der Grote Kerk eine Lesung. Jos Sinnema, ehrenamtlicher Mitarbeiter des Gedächtnisbuchs, wird dann über drei niederländische Geistliche sprechen: Josef Cohen, Titus Brandsma und Jo Kapteyn. Alle drei sind in Dachau umgekommen. Müssen wir sie als Märtyrer betrachten? Was würden sie selbst dazu sagen?

Links zu den Gedächtnisblättern

Hier geht es zu den Gedächtnisblättern:
Josef Cohen
Titus Brandsma
Jo Kapteyn

(11.4.22; Jos Sinnema/IS)

 

Jahrespräsentation im Film

Josef Pröll, selbst Ehrengast und Redner auf der Veranstaltung, hat die Jahrespräsentation des Gedächtnisbuchs als Film aufgezeichnet. Vielen Dank dafür!

Josef Pröll

Hier nun der Link zum Film:
https://vimeo.com/694753479

Es sprachen in dieser Reihenfolge:

  • 02:30 – Björn Mensing, Pfarrer der Evangelischen Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau, für den Trägerkreis
  • 12:00 – Sabine Gerhardus, Projektleiterin des Gedächtnisbuch und Koordinatorin des Projekts Erinnern des BLLV
  • 20:07 – Marie-Sophie Albrecht, Schülerin des Ignaz-Taschner-Gymnasiums Dachau (ITG), über Ernst Fränkl
  • 26:20 – Petra Stemplinger, Enkeltochter von Xaver Kinateder, anstelle von Andreas Decker, über Xaver Kinateder
  • 35:40 – Emanuel Kieslinger, Schüler des ITG, über Leonhard Roth
  • 44:57 – Amelie Sparr, Schülerin des ITG, über Ernst Jetter
  • 52:24 – Hans Paulus, Pfreimd,  über Petrus Mangold
  • 1:03:51 – Hedi Bäuml und Mileen Sentürk, Lehrerin und Schülerin des ITG, über Alfred Grünebaum/Gruen
  • 1:17:57 – Anna Brandmeier, Schülerin des ITG, über Georg Wagner
  • 1:27:11 – Jos Sinnema, niederländischer Journalist, über Nico Staal
  • 1:35:24 – Anna Schlichenmayer, Schülerin des ITG, über Josef Gunzenhäuser
  • 1:41:38 – Emilie-Sophie Gebhardt, Schülerin des ITG, über Josef Pröll sen.
  • 1:48:25 – Anna-Lena Köpf, Schülerin des ITG, über Karl Nolan
  • 1:52:54 – Josef Pröll jun., Sohn von Josef Pröll sen. und Enkel von Karl Nolan, als Ehrengast
  • 2:02:08 – Annerose Stanglmayr, Geschäftsführerin des Dachauer Forums, für den Trägerkreis

Musikalische Begleitung: Streichquartett des Ignaz-Taschner-Gymnasiums: Ozan Gündogdu, Marie König: Violine, Jutta Wörther: Viola und Leitung, Jonas Wende: Violoncello

(6.4.22; IS)

 

Elf neue Gedächtnisblätter. Erster Teil

In der Dachauer ASV-Theaterhalle präsentierten die ehrenamtlichen Autorinnen und Autoren des Gedächtnisbuchs am 22. März 2022 elf neue Biografien. Wir berichten über die Veranstaltung in zwei Blogbeiträgen und in chronologischer Reihenfolge.

Die meisten der während der Jahrespräsentation vorgestellten Biografien entstanden im W-Seminar „Namen statt Nummern“ am Dachauer Ignaz-Taschner Gymnasium. Außerdem präsentierte Hans Paulus sein Gedächtnisblatt über Petrus Mangold, die Enkelin von Xaver Kinateder, Petra Stemplinger, sprang für den erkrankten Autor Andreas Decker ein und Jos Sinnema sprach über den Niederländer Nico Staal.

Ukraine: eine Kerze für die getöteten, die leidenden und die bedrohten Menschen

Björn Mensing, Pfarrer an der Versöhnungskirche, erinnerte in seiner Begrüßung für den Trägerkreis daran, dass exakt vor 15 Jahren am 22. März 2007 das Gedächtnisblatt für Wassyl Wolodko der Öffentlichkeit vorgestellt werden konnte. Heute lebt der 97jährige überlebende Dachau-Häftling etwa 20 Kilometer südwestlich von Kiew in der Datsche seiner Familie. Bereits seit Beginn des Krieges hört er die Einschläge und Detonationen des Kriegs. Das betreuende Maximilian-Kolbe-Werk hätte ihn gerne aus dem Gefahrenbereich herausgebracht, aber dies sei wegen der schweren Bettlägrigkeit seiner Frau nicht möglich, berichtete Mensing. Als Zeichen für den Frieden in  der Ukraine entzündete Mensing eine in der vorgangenen Woche von Schwester Benedikta im Karmel an der KZ-Gedenkstätte Dachau gestaltete Kerze und bat um eine Gedenkminute für die getöteten, die leidenden und die bedrohten Menschen in der Ukraine.

Nicht um der Erinnerung allein

Sabine Gerhardus, die Projektleiterin des Gedächtnisbuchs, sprach über die vielen Verbindungen des Gedächtnisbuchs in die Ukraine. „Von 2005 bis 2007 gab es sieben Arbeitsgruppen dort, mit Werkstattgruppenleitern und 40 Teilnehmenden, Kontakte zu KZ-Überlebenden, ihren Familien, dann die ASF-Freiwilligen, die bei unserem Projekt mitgearbeitet haben… Es ist unerträglich, sich vorstellen zu müssen, was ihnen in den letzten Wochen angetan wurde, wie ihre Lebensgrundlagen zertrümmert werden.“, so Gerhardus.

Das Gedächtnisbuch sei ein Projekt der Erinnerung, der Ehrung von NS-Verfolgten, des Sich-Stellens der Verbrechen des Nationalsozialismus, aber nicht um der Erinnerung willen allein, betonte die Rednerin. „Es geht doch darum, die Gesellschaft zu sensibilisieren für die Auswirkungen von Menschenrechtsverletzungen, darum, besser zu erkennen, wo Unterdrückung, Diskriminierung, Hetzpropaganda beginnt, einen anerkennenden und wertschätzenden Dialog über Grenzen hinweg aufrecht zu erhalten – und einen Beitrag zu leisten für die Stärkung der Demokratie und für unser aller friedliches Zusammenleben.“

Ernst Fränkl: Emigration nach Südafrika

Über den in Augsburg tätigen jüdischen Religionslehrer und promovierten Psychologen Ernst Fränkl berichtete Marie-Sophie Albrecht, die dessen Lebensgeschichte im W-Seminar am Dachauer Ignaz-Taschner-Gymnasium recherchiert und in einem Gedächtnisblatt festgehalten hat.

Fränkl wirkte in der jüdischen Gemeinde auch als Kantor sowie in mehreren anderen Funktionen. Kurz vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde er am 15. Januar 1933 zum Obmann des jüdischen Lehrervereins gewählt. Auch im Bayerischen Lehrerverein war Fränkl Mitglied. Nach der Reichspogromnacht 1938 wurde er für 8 Tage ins KZ Dachau gesperrt und am 20. November 1938 mit der Auflage entlassen, Deutschland zu verlassen. Im selben Jahr emigrierte Fränkl nach Südafrika. 1949 starb er in Kapstadt.

„Zu sehen, welche individuellen Schicksale hinter den großen Opferzahlen stecken, ist überwältigend.“, resümierte Marie-Sophie Albrecht ihre Erfahrungen im Gedächtnisbuch-Seminar.

„Ich habe ein Bild von meinem Großvater bekommen, den ich nie kennenlernen durfte“

Petra Stemplinger übernahm die Präsentation der Biografie ihres Großvaters, Xaver Kinateders, da der Verfasser des Gedächtnisblatts Andreas Decker wegen einer Krankheit leider nicht anwesend sein konnte. Sie berichtete, dass sie die Recherchen Deckers eng begleitet habe, auch selbst einmal mit in einem Archiv war. „Ich habe ein Bild von meinem Großvater bekommen, den ich nie kennenlernen durfte, das war schon toll.“, so die Referentin.

Xaver Kinateder lebte als Müller, Landwirt, Gastwirt und Politiker in der Nähe von Hauzenberg in Niederbayern. Wegen NS-kritischer Äußerungen wurde der BVP-Politiker er zweimal verhaftet, einmal davon nachweislich aufgrund einer Denunziation. Fünf Monate musste er im KZ Dachau verbringen. Nach dem Krieg engagierte sich Kinateder für die CSU in der Kommunalpolitik.

Der KZ-Überlebende stellte nach dem Krieg Antrag auf Entschädigung, das Verfahren zog sich über 16 Jahre, berichtete Petra Stemplinger. Vier Jahre nach dem Tod Xaver Kinateders erhielt die Familie einen Brief, dass das Verfahren eingestellt worden sei. Die Witwe erreichte eine Wiederaufnahme des Verfahrens und erhielt schließlich die Zahlung von 300 DM, bitter benötigtes Geld in der kinderreichen Familie.

Leonhard Roth: der einzige Priester mit schwarzem Winkel

Mit dem Lebensweg von Pater Leonhard Roth beschäftigte sich Emanuel Kieslinger im Rahmen des W-Seminars am Ignaz-Taschner-Gymnasium.

Kieslinger berichtete, dass Leonhard Roth bereits 1936 als Prior des „Studenkonvents für das Generalstudium“ in Walberberg in den Fokus der Gestapo geriet. Neben NS-kritischer Reden wurde ihm Homosexualität vorgeworfen. Roth gelang die Flucht in die Schweiz, die ihn allerdings 1941 nach Deutschland abschob. Es folgte eine Zeit im Gefängnis und danach im KZ Dachau. Hier lebte Roth als einziger Priester mit dem schwarzen Winkel im Priesterblock.

Nach dem Krieg wirkte Roth mit einer kurzen Unterbrechung in Dachau im Bereich des ehemaligen Konzentrationslagers als Seelsorger für SS-Internierte und Flüchtlinge. Als der Dachauer Bürgermeister Zauner die früheren KZ-Häftlinge gegenüber einem britischen Journalisten als mehrheitlich kriminell bezeichnete und eine KZ-Gedenkstätte heftig ablehnte, nahm Roth dagegen öffentlich Stellung. Dies führte zu seiner Suspendierung aus dem Seelsorgedienst. Leonhard Roth kam 1960 bei einer Wanderung ums Leben, die Behörden gingen von Suizid aus.

Emanuel Kieslinger schloß seinen Bericht mit folgender Einschätzung: „Ich persönlich finde Pater Roth sehr bewundernswert, weil er nach seiner KZ-Zeit mit seinen Peinigern zusammenlebte und ein gewisses Verständnis für sie aufbringen konnte. Außerdem finde ich sein Durchhaltevermögen sehr bemerkenswert, und seinen Kampf gegen den Nationalsozialismus während, aber auch nach dem Ende der NS-Herrschaft.“

Bewegende Erfahrung

Die Lebensgeschichte von Ernst Jetter schilderte Amelie Sparr, Teilnehmerin des W-Seminars am Ignaz-Taschner-Gymnasium. Jetter war Rechtsberater, Kaufmann und KPD-Mitglied. Innerhalb der NS-Zeit wurde er viermal inhaftiert und überlebte mehr als 11 Jahre in Gefängnissen und Konzentrationslagern. Jetter trat als Zeuge in den Dachauer Prozessen auf und erzählte als Zeitzeuge über seine Erlebnisse in den Konzentrationslagern.

„Die Recherche über Ernst Jetter und seine Geschichte sowie das Kennenlernen seiner Tochter haben mich sehr bewegt.“, berichtete die Referentin dem Publikum.

Ehemalige Plantage: „Das ist erschütternd, wie der Zustand ist“

Hans Paulus hat sich die letzten beiden Jahre intensiv mit dem Leben von Petrus Mangold beschäftigt. Der Franziskanerpater Mangold geriet ab 1934 immer wieder in Auseinandersetzungen mit den Nationalsozialisten.

Charakteristisch für Mangold ist die Aussage: „Wir beugen uns nicht dem Zeitgötzen, wir bleiben Franziskaner.“ 1940 berief ihn die Generalkurie zum Kommissar für die Klöster der sudetendeutschen Länder. Kritische Äußerungen in einem Zirkular und die Weigerung, weitere Räume in den Klöstern in Mährisch-Trübau und Eger an den nationalsozialistischen Staat abzutreten, führten, so Paulus, wohl zu seiner Verhaftung am 29. März 1941.

In seiner Zeit im Konzentrationslager Dachau, gelang es Mangold zusammen mit einem früheren Bekannten, eine Liste von 225 inhaftierten Priestern aus dem Lager zu schmuggeln. Ab April 1942 musste Petrus Mangold im Konzentrationslager Dachau auf der berüchtigten Plantage arbeiten – bis zu seinem Tod am 18. Juli 1942.

Paulus konnte vor seinem Vortrag noch die Gedenkstätte und die Überreste der Plantage besichtigen. „Das ist erschütternd, wie der Zustand ist.“, schilderte Hans Paulus seine Eindrücke von den verfallenden Gewächshäusern. „Hier sollte dringend etwas getan werden, dass zumindest die Reste dieses schicksalhaften Geländes erhalten bleiben.“

(Ein Bericht über die weiteren Vorträge des Abends folgt am 18. April 2022.)

(30.3.2022; IS)

Jahrespräsentation des Gedächtnisbuchs am 22. März 2022

Die Vorbereitungen für die Jahrespräsentation am Dienstag laufen auf Hochtouren. Am Dienstag, dem 22. März 2022, um 19:30 Uhr stellt das Projekt die neuen Gedächtnisblätter der Öffentlichkeit vor.

Wie immer gibt es vor einem solchen Abend viel zu tun: Passen die Referate? Funktioniert die Präsentationstechnik? Kann ein erkrankter Referent ersetzt werden?

Aufgrund der Corona-Situation findet die Jahrespräsentation im ASV-Theatersaal an der Gröbenrieder Str. 21 in Dachau statt.

Informationen zur Veranstaltung gibt es in diesem PDF:
22.3.22: Einladung und Programm

Wir bitten um Anmeldung unter Dachauer Forum, Telefon 08131 99688-0.
Die Präsentation findet unter den aktuell gültigen Hygieneregeln statt.

(20.3.22; IS)