Minsker Arbeitskreis informiert sich über Gedächtnisbuch und Geschichtswerkstatt

Der Interreligiöse Arbeitskreis aus dem weißrussischen Minsk informierte sich im Rahmen einer Studienfahrt nach Dachau und Flossenbürg am 9. November 2018 im Dachauer Forum über Gedächtnisbuch und Geschichtswerkstatt.

Sabine Gerhardus informiert Besucher aus Minsk

Annegret Braun, Leiterin der Geschichtswerkstatt im Landkreis Dachau, stellte die Arbeit der Geschichtswerkstatt vor. „Was wir erforschen, ist die Geschichte unserer Region und die Geschichten der ganz normalen Menschen, die nichts Spektakuläres erlebt haben.“ Die Geschichtswerkstatt arbeitet mit ehrenamtlichen Forschern, die ihr eigenes Dorf zum Thema machen. Bei Annegret Braun ist das Sulzemoos. Ihr ist, wie allen anderen Mitwirkenden, das Vertrauen der interviewten Zeitzeugen sehr wichtig.  „Wir schreiben nichts ohne ihr Einverständnis.“ Thema der Geschichtswerkstatt ist die Nachkriegszeit, der momentane Schwerpunkt liegt in den 50er Jahren. Die Forschungen münden in Ausstellungen, die vor Ort gezeigt werden.

Gedächtnisbuch-Leiterin Sabine Gerhardus sprach über das Projekt „Das Lager und der Landkreis“ und über das Gedächtnisbuch. Sie informierte ausführlich über die Recherche und die Auswertung von historischen Quellen.  „Ich bin davon ausgegangen, dass das für die Teilnehmer von Interesse ist, da sie ebenfalls biographisch arbeiten wollen.“ Ein Einblick in die NS-Verfolgung in den Gemeinden des Landkreises Dachau und zwei beispielhafte Biographien ergänzten ihre Ausführungen.

Die Besucherinnen und Besucher stellten viele Fragen, sowohl zu einzelnen Inhalten aber auch zur Vorgehensweise. Wie kann es gelingen, dauerhaft das Interesse an der Erinnerungsarbeit bei jungen Leuten zu erhalten? Die weißrussischen Gäste fragten auch, wie die Projekte mit Informationen über Täter umgehen und ob es schwierig ist, wenn Schüler in Archiven recherchieren.

Beide Referentinnen freuten sich über die Dankesworte und Geschenke der Gäste und vor allem über das Interesse an zukünftiger Kooperation. Sabine Gerhardus meint: „Ich freue mich, dass ich den Kontakt auch nutzen kann, um vielleicht Unterstützung bei der Recherche nach einem jüdischen Lehrer zu bekommen, der nach Minsk verschleppt und dort ermordet wurde.“

Organisiert wurde die Studienfahrt vom Internationalen Bildungs- und Begegnungswerk Dortmund.

 

(12.11.2018; Fotos: Dachauer Forum, Text: Irene Stuiber)

Ankündigung: Andreas Kreutzkam berichtet über Erwachsenenbildung und Erinnungsarbeit

Das Gedächtnisbuch hat Andreas Kreutzkam viel zu verdanken: Der frühere Geschäftsführer des Dachauer Forums gehört zu den Initiatoren des Projekts und unterstützt es seitdem mit großem Engagement. Mit seinen Ausführungen eröffnet er am 11. November 2018 die Veranstaltungsreihe „O-Töne – Stimmen aus den Anfängen des Dachauer Forums“.

1988

In der Einladung heißt es: „Persönlichkeiten, die die katholische Erwachsenenbildung im Landkreis aufgebaut und vorangetrieben haben, erzählen: Wie ging es los? Hintergründe und Anlässe, Konflikte und Visionen und wohin die Zukunft einer kirchlichen Bildungsarbeit in einer sich differenzierenden Gesellschaft führt.“

Zur Teilnahme an der Veranstaltung ist eine Anmeldung erforderlich.

Termin: Sonntag, 11.11.2018 von 16.00-18.00 Uhr, Spende erwünscht
Moderation: Peter Heimann, ehemaliger theologischer Mitarbeiter im Dachauer Forum
Gast: Andreas Kreutzkam
Ort: Dachauer Forum, forum4, Ludwig-Ganghofer-Str. 4, D-85221 Dachau
Anmeldung: Dachauer Forum, Telefon 08131/99688-0

(31.10.18; Text: Irene Stuiber)

W-Seminar Grafing: Besuch im Staatsarchiv

Vom Besuch des Grafinger W-Seminars im Staatsarchiv München berichten unsere ASF-Freiwilligen Anastasiia Lapteva und Maeva Keller.

Am Donnerstag, den 18. Oktober haben die Grafinger Schüler das Staatsarchiv München besucht. Ihr Ziel war, etwas über das Arbeitsprinzip des Staatsarchivs und über die Möglichkeiten für eine Recherche zu erfahren.

Im W-Seminar müssen die Schüler eine Recherche durchführen und das Projekt „Gedächtnisbuch“ hilft ihnen dabei. Die Schüler werden Biographien von ehemaligen NS-Verfolgten schreiben, deshalb müssen sie verstehen, wie das Archivsystem funktioniert. Die Aufgabe ist, nicht nur eine Biographie zu schreiben, sondern auch mit Information richtig zu arbeiten.

Die Mitarbeiterin des Staatsarchivs hat eine ausführliche Präsentation gehalten. Die Schüler diskutierten unter anderem folgende Aspekte:

  • Was ist ein Archiv?
  • Wer ist der Archivträger?
  • Was muss man über Archive wissen?
  • Wie viele Staatsarchive gibt es in Bayern?

Obwohl es sehr ausführliche Informationen gab, stellten die Schüler viele Fragen. Das bedeutet, dass sie großes Interesse an der Recherche und an neuem Wissen haben. Natürlich werden ihnen die Mitarbeiter des Staatsarchivs und des Gedächtnisbuch-Projekts dabei helfen.

(26.10.2018; Text und Foto: Anastasiia Lapteva und Maeva Keller/IS)

W-Seminar Grafing: Wer schreibt über wen?

Die Qual der Wahl haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des W-Seminars in Grafing. Sabine Gerhardus stellte die Eckdaten der Biographien von 18 Dachau-Häftlingen oder jüdischen Lehrern vor. Jeder Seminar-Teilnehmer entschied sich für drei Personen, über die er gerne recherchieren und schreiben möchte.

Projektleiterin Sabine Gerhardus berichtet: „Am 4.10. habe ich dem W-Seminar 18 Personen – Häftlinge des KZ Dachau sowie jüdische Lehrer und Lehrerinnen – vorgestellt und ihnen dazu eine Einschätzung der Materiallage gegeben. Auch die Themen, die mit der jeweiligen Biographie verbunden sind, sind für die Schüler wichtig für ihre Auswahl. Jeder Schüler konnte sich bei 3 oder mehr Personen eintragen, für die er sich interessiert. Die Einteilung der Projekte erfolgt, sobald ich von allen uns bekannten Überlebenden und Angehörige das Einverständnis vorliegt.“

Auch zwei russisch-sprachige Überlebende sind unter den vorgestellten Personen. Bei der Überwindung der Sprachhürde wird Anastassia Lapteva helfen. Die russische AFD-Freiwillige verstärkt dieses Jahr das Gedächtnisbuchteam. Das Interesse der Grafinger W-Seminarler an diesen beiden Biographien ist groß, eine Antwort der beiden Dachau-Überlebenden auf eine entsprechende Anfrage steht allerdings noch aus.

Zur Zeit bereiten sich die Grafinger Schüler auf ihre Recherchen vor. Die Bayerische Staatsbibliothek ist das nächste Exkursionsziel.

(19.10.2018; Foto: Petra Köpf; Text: Irene Stuiber)

Ausstellung niederländische Häftlinge: Kuratorin Karen Tessel im Gespräch

Karen Tessel, Kuratorin der Ausstellung „Namen statt Nummern. Niederländische politische Häftlinge im KZ Dachau“, spricht im Interview über Schwerpunkte und Grundgedanken der Ausstellung. Bis Februar 2019 ist die Ausstellung in der KZ-Gedenkstätte in Dachau zu sehen.

V.l.n.r.: Karen Tessel, Willemijn Petroff-van Gurp , Jos Sinnema. 2015

To the interview in English

Karen, was genau war deine Rolle bei dem Ausstellungsprojekt?

Namen statt Nummern wurde im April 2015 im niederländischen Widerstandsmuseum in Amsterdam eröffnet. Jos Sinnema und ich haben bei der Entwicklung der Ausstellung eng zusammengearbeitet. Jos übernahm die Recherche und die Verbindung zum Schulprojekt. In diesem Projekt haben Oberstufenschüler Biographien von niederländischen Dachau-Häftlingen für das Gedächtnisbuch für die Häftlinge des KZ-Dachau geschrieben. Ich arbeitete für die Ausstellung als Kuratorin und Ausstellungsmacherin, entwickelte das Konzept und die Handlungsstränge, die Filme und die interaktiven Elemente, wählte Geschichten und Objekte aus und leitete das Ausstellungsdesign und die Produktion. Es ist großartig, dass die Ausstellung nun in der KZ-Gedenkstätte Dachau zu sehen ist.

Was war deine erste Idee, als du begonnen hast, an der Ausstellung für das Widerstandsmuseum Amsterdam zu arbeiten?

Wir am niederländischen Widerstandsmuseum waren beeindruckt von Jos Projekt für das Gedächtnisbuch. Der biographische Zugang war von Anfang an das Herz des ganzen Projekts. Wir finden, dadurch werden große und schwierige Themen verständlicher und greifbarer. Zwölf ehemalige Dachau-Häftlinge stehen im Zentrum der Ausstellung. Mit ihrer Auswahl soll den Besuchern ein repräsentativer Eindruck vom Leben in den Konzentrationslagern vermittelt werden. Ich betone die Mehrzahl des Wortes “Lager”, denn ohne Ausnahme waren die Gefangenen in mehreren Lagern und Gefängnissen, bevor sie in Dachau inhaftiert wurden. Ein zweites wichtiges Grundelement von Anfang an war es, ihre Geschichten durch die Präsentation von persönlichen Gegenständen zu zeigen. Diese Gegenstände machen deutlich, wie die Gefangenen versuchten, ihre Menschlichkeit und Würde in einem System zu bewahren, in dem alles auf Entwürdigung angelegt war.

Hattest du einen roten Faden, eine wichtige Idee, die sich durch die Ausstellung ziehen sollte?

Ich erinnere mich sehr lebhaft an einen Abend im November 2014. Ich war in einem Restaurant in Amsterdam zum Abendessen eingeladen. Am Tisch saßen die 95-jährige Willemijn Petroff-van Gurp und ihre Biographen Jop Bruin und Jelle Braaksma. Auch am Tisch saß Jos, der Jop und Jelle betreut hatte, und Marcel Mulders, der Geschichtslehrer von Jop und Jelle am Cartesius Lyceum. Jos Frau Corrie war auch mit dabei. Alle zusammen waren wirklich eine ganz besondere Gruppe. Wir hatten einen tollen Abend und sprachen über alle möglichen Dinge. Andere Gäste im Restaurant wurden auf uns aufmerksam und kamen sogar, um zu fragen, was genau die Verbindung zwischen uns war. Das war eine gute Frage.

Jop und Jelle kannten Willemijn seit zwei Jahren, durch das Gedächtnisbuch-Projekt. Sie waren Freunde geworden. Willemijn war zu einer Art Adoptiv-Großmutter für die Jungen geworden. Ich war beeindruckt, dass sich zwischen den jungen Biograpieschreibern und Willemijn so eine enge Verbindung entwickelt hatte. Das war keine Ausnahme. Diese Verbindung zwischen den Generation war der rote Faden, den ich in der Ausstellung zeigen wollte.

Gibt es ein Ausstellungsstück, an das du dich noch in 20 Jahren erinnern wirst? Warum?

Die Menge an wundervollen Ausstellungsgegenständen macht es mir wirklich schwer zu wählen! Eine Ausstellung zusammenzustellen, bedeutet eine Auswahl zu treffen, einen Schwerpunkt zu setzen, einen Rahmen zu finden. Wir haben zwölf Häftlinge ausgewählt, aber es waren mehr als 2000 Niederländer in Dachau in den Jahren 1941 bis 1945 inhaftiert. Für sie alle haben wir ein interaktives Denkmal in der Ausstellung errichtet. Die zwölf Häftlinge der Ausstellung stehen im Focus, aber neben ihnen stehen alle niederländischen Dachau-Häftlinge. Jeder von ihnen hat einen eigenen kleinen Block an der Wand, dadurch wird die große Menge der vielen anderen ehemaligen  Häftlinge neben den 12 herausgehobenen  Häftlingen dargestellt. Diese kleinen Blöcke haben alle dieselbe Form und Größe. Jeder  Block besteht aus Schichten, weil  jeder Mensch vielschichtig ist, aber auch weil hinter jedem niederländischen Gefangenen viele Gefangene anderer Nationalitäten verborgen sind.

Die Besucher können nach den Menschen hinter den Lager-Nummern suchen. Wo kamen sie her? Wie alt waren sie? Wie viele Frauen waren in Dachau eingesperrt? Wie viele der Gefangenen waren in Nebenlagern? Wir haben die Besucher eingeladen, ihre Informationen durch eine App auf der Website mit uns zu teilen. Wir hoffen, es wird noch mehr werden, nun, nachdem die Ausstellung nach Dachau gereist ist. Hier ist der Link: http://www.verzetsmuseum.org/dachau

Was ist der Unterschied zwischen der Ausstellung in Amsterdam und der Ausstellung in Dachau?

Der wichtigste Unterschied besteht darin, dass der Abschlussteil fehlt. In Amsterdam hatten wir ein abschließendes “Kapitel” zu politischen Gefangenen heute hinzugefügt. Wir haben es in Zusammenarbeit mit der niederländischen Sektion von Amnesty International entwickelt. Es ist scheint räumlich und zeitlich weit weg zu sein, aber auch jetzt, während unseres Gesprächs, versucht Amnesty, kontinuierlich Bewusstsein und Kampagnen für Menschen zu entwickeln, die aus politischen Gründen eingesperrt sind.

Einige Schüler haben Biographien über drei dieser Gefangenen geschrieben, genau auf dieselbe Art und Weise wie es Schüler über die ehemaligen Dachau-Häftlinge getan haben. Wir haben diese drei heutigen Gefangenen ausgewählt, weil die Gründe ihrer Verhaftung und ihrer Inhaftierung so ähnlich sind. Ihre Geschichten wurden getrennt von den Dachau-Häftlingen vorgestellt.

Zum Beispiel Aster Fissehatsion aus Eritrea. Dieses Land wird manchmal als afrikanisches Nordkorea bezeichnet. Aster hat zusammen mit 14 anderen 2001 einen offenen Brief an den Präsidenten Eritreas geschrieben. Dieser Präsident hatte sich in den Jahren zuvor zu einem Diktator entwickelt. In ihrem Brief fordern die 15 Schreiber einen demokratischen Dialog. Sie wurde verhaftet wegen sogenannter “Verbrechen gegen die Sicherheit des Staates”. Seitdem gibt es von ihr und den 14 anderen keine Spur. Sie sind verschwunden in “Nacht und Nebel”…

Ibrahim, Asters Sohn, war zu dieser Zeit fünfzehn. Wenige Jahre später ist er in die Niederlande geflohen und er war tapfer genug, um mit uns an diesem Projekt zu arbeiten. Die Schüler interviewten ihn und es gab etwas ganz Besonderes: In der Ausstellung konnte der Mantel seiner Mutter gezeigt werden. Eine wirklich eindrucksvolle Aussage. Genau diesen Mantel hat Aster getragen, die Frau, die spurlos verschwunden ist.

Verändert der Ort die Ausstellung?

Natürlich ist der Ausstellungsraum in der Gedenkstätte anders als der in Amsterdam, so dass das Team der Gedenkstätte die Ausstellung anpassen musste. Sie haben das großartig gemacht! Ich denke auch, dass der Eindruck für die Besucher emotional ein anderer ist, denn die Ausstellung steht nun dort, wo das alles geschehen ist. Im bin sehr neugierig zu erfahren, wie Besucher die Ausstellung in der Gedenkstätte erleben.

 

(12.10.2018; Interviewfragen und Übersetzung: Irene Stuiber)

 

 

Exhibition “Names, not Numbers”: Interview with curator Karen Tessel

Karen Tessel, curator of the exhibition “Names, not Numbers. Dutch political prisoners in Dachau Concentration Camp” talks about the main themes of the exhibition. Until February 2019 the exhibition can be seen in the Dachau Memorial Site.

 

Karen Tessel, Willemijn Petroff-van Gurp , Jos Sinnema. 2015

Zum deutschen Interview

How were you involved in the exhibition project?

Names, not numbers opened in April 2015 at the Dutch Resistance Museum in Amsterdam. Jos Sinnema and I worked closely together, developing the exhibition. Jos was the researcher and liaison to the educational project. In this project, secondary school students wrote biographies of Dutch former Dachau prisoners for the Gedächtnisbuch für die Häftlinge des KZ Dachau. I worked on the exhibition as curator/ exhibition maker, developing the concept and storylines, films, and interactive elements, selecting stories and objects, and overseeing the exhibition design and production. It’s great the exhibition is now on display at the KZ-Gedenkstätte Dachau.

What was your first idea when you started working on the exhibition in Verzetsmuseum Amsterdam?

We, at the Dutch Resistance Museum, were impressed by Jos’ project for the Gedächtnisbuch. The biographical approach was the core of the entire project from the start. We believe this makes large and incomprehensible themes more comprehensible and palpable. Twelve former Dachau prisoners became the focus of the exhibition. They are chosen in such a way, to give visitors a reasonably representative impression of life in the concentration camps. I emphasize the word ‘camps’, because without exception, prisoners stayed in multiple camps and prisons before being incarcerated in Dachau. Also a key concept from the start is to tell their stories by displaying personal objects. These objects show how prisoners tried to preserve their humanity and dignity in a system in which everything was focused on dehumanization.

Did you have a ‘golden thread’, a main idea, you wanted to run through the exhibition?

I vividly remember an evening in November 2014. I was invited for diner at a restaurant in Amsterdam. Sitting at the table was 95-year old Willemijn Petroff-van Gurp and her biographers Jop Bruin and Jelle Braaksma. Also at the table were Jos, who mentored Jop and Jelle, and Marcel Mulders, Jop and Jelle’s history teacher at the Cartesius Lyceum. Jos’ wife Corrie was also there. All together it was quite a special group. We had a great evening, talking about all kinds of things. We drew the attention of other guests at the restaurant, who even came to ask how we were connected to each other. That was a good question.

Jop and Jelle got to know Willemijn two years earlier, through the Gedächtnisbuch project. They became friends. Willemijn had become kind of an adoption grandmother to the boys. I was impressed such a connection had developed between the young biographers and Willemijn. They are not an exception. This connection between generations was the golden thread I wanted to show in the exhibition.

Is there any piece in the exhibition you will remember in 20 years? Why?

The sheer amount of powerful personal objects in the exhibition makes it difficult to choose! Making an exhibition is about making a selection, deciding on a focus, on a frame. We selected twelve former prisoners, but there were more than 2,000 Dutch imprisoned in Dachau between 1941 and 1945. For all of them, we erected an interactive monument in the exhibition. Next to the twelve former prisoners in the spotlight, are all Dutch former Dachau prisoners. Each former prisoner has his or her own little block on the wall, symbolising the masses behind the 12 highlighted former prisoners. These blocks have the exact same shape and size. But symbolically every block is layered, because every human is, but also because behind every Dutch prisoner, masses of prisoners from other nationalities are hidden.

Visitors can search for the humans behind the camp numbers. Where did they come from? How old were they? How many women have been imprisoned in Dachau? How many of the prisoners were in sub camps? Who of them died, who were liberated or were taken to other camps? We invited visitors to share information through an application on our website. Many did. We hope it will be enriched even more, now the exhibition has travelled to Dachau. Here is the link: http://www.verzetsmuseum.org/dachau

What’s the difference between the exhibition in Amsterdam and the exhibition in Dachau?

The major difference is the absence of the closing part of the exhibition. In Amsterdam we had staged a closing ‘chapter’ about political imprisonment nowadays. We developed this in collaboration with Amnesty International The Netherlands. It seems far away, in time, and space, but Amnesty continuously makes an effort to raise awareness and campaign for people who are imprisoned for political reasons as we speak.

Students wrote biographies on three of these prisoners; exactly the same way students did about the former Dachau prisoners. We selected these three contemporary prisoners because they had similar reasons for being arrested and incarcerated. Their stories were staged separately from the former Dachau prisoners.

For example, Aster Fissehatsion from Eritrea. This country is sometimes called ‘the North Korea of Africa’. Aster wrote an open letter to the president of Eritrea in 2001 with fourteen others. This president had developed into a dictator the previous years. In this letter, the fifteen writers called for a democratic dialogue. She was arrested for ‘crimes against state security’. Ever since, she, and the fourteen others, have been without a trace. Into Nacht und Nebel (Night and Fog)…

Asters son, Ibrahim, was fifteen at the time. He fled to The Netherlands a few years later, and he was brave enough to work with us on the project. Students interviewed him, and what was very special: in the exhibition his mother’s coat was on display. A very powerful statement. The very coat Aster had worn, the woman that had vanished from the earth…

Does the place change the exhibition?

The exhibition space at the Gedenkstätte off course is different from that in Amsterdam, so the team at the Gedenkstätte had to make adjustments to make it work. They did a great job! Also, I think for visitors the impact is different on an emotional level, because the exhibition is now staged at the place where it all happened. I’m eager to hear how visitors experience the exhibition at the Gedenkstätte.

(12.10.2018; Questions: Irene Stuiber)

W-Seminar in Grafing startet

Die Schülerinnen und Schüler am Gymnasium Grafing haben mit ihrem W-Seminar im Rahmen des Gedächtnisbuch-Projekts begonnen. Unter der Leitung von Geschichtslehrerin Petra Köpf findet dort bereits zum dritten Mal ein W-Seminar statt.

Sabine Gerhardus eröffnet das Grafinger W-Seminar

Die teilnehmenden 11 Schülerinnen und 3 Schüler werden im Verlauf der nächsten zwei Jahre Biographien für Gedächtnisblätter und für das BLLV-Kooperationsprojekt Erinnern erarbeiten.

Wir wünschen gutes Gelingen!

(5.10.18; Foto: Maeva Keller, Text: Irene Stuiber)

ASF-Freiwillige: Herzlich Willkommen, Anastasiia und Maeva!

Anastasiia Lapteva und Maeva Keller haben ihren Freiwilligendienst in Dachau begonnen. Ein Jahr lang werden die beiden jungen Frauen zwei Tage in der Woche das Gedächtnisbuch unterstützen.

Sabine Gerhardus zeigt Maeva und Anastasiia einige Gedächtnisblätter

Anastasiia und Maeva interessieren sich beide für internationale Geschichte und Politik. Nicht zuletzt deswegen haben sie sich für ein Freiwilligenjahr für Aktion Sühnezeichen Friedensdienste in Dachau entschieden.

Die 21jährige Anastasiia kommt aus Perm in Russland. Sie hat ein Linguistikstudium abgeschlossen und ist Übersetzerin und Dolmetscherin für Englisch und Deutsch. Der Geschichtsunterricht in der Schule hat sich weitestgehend auf die russische Geschichte beschränkt – nun möchte sie mehr über internationale Zusammenhänge und Zeitgeschichte erfahren. Anastasiia würde gerne Biographien von Dachau-Häftlingen und Häftlingen in Russland, z.B. in Gulags, vergleichen.

Der Heimatort der 22jährigen Maeva liegt im Elsass, in Mulhouse. Ihr Geschichtsstudium in Strassburg hat sie mit einem Bachelor abgeschlossen und danach in Paris ein Jahr lang internationale Beziehungen studiert. Die wechselvolle franzöisch-deutsche Geschichte war in ihrem Bekanntenkreis und in ihrer Familie immer sehr präsent, ihre Großeltern erlebten die deutsche Besatzung durch die Nationalsozialisten. Das KZ Dachau war ihr schon immer ein Begriff, nun möchte sie gerne Genaueres erfahren.

Wir wünschen Anastasiia und Maeva ein schönes und interessantes Jahr in Dachau. Herzlich Willkommen!

(23.9.2018; Foto und Text: Irene Stuiber)

Gedächtnisbuch trauert um Pjotr Stepanowitsch Kudin

Der ukrainische Widerstandskämpfer und KZ-Überlebende Pjotr Stepanowitsch Kudin ist am 16. September 2018 im Alter von 94 Jahren verstorben. Die Mitarbeiter des Gedächtnisbuch-Projekts trauern um einen guten Freund und Unterstützer. Kudin war mehrmals anlässlich der Befreiungsfeiern und zu Erinnerungsveranstaltungen des Gedächtnisbuchs in Dachau.

Pjotr Stepanowitsch Kudin am Münchner Flughafen (2010)

Hier geht’s zur russischen Übersetzung.

На русском.

Am 22. Juni 1941, als die deutsche Wehrmacht die Sowjetunion überfiel, war Pjotr Kudin 16 Jahre alt. Am selben Tag wollte der Schüler in die Armee eintreten, um sein Land zu verteidigen, aber er wurde abgewiesen: zu jung.

Er sei ein ausgezeichneter Schüler, aber ein „schrecklicher Rabauke“ gewesen. Zu seinen frühesten Erinnerungen zählen die Zwangsenteignungen der Bauern und die große Hungersnot, der in der Ukraine Millionen zum Opfer fielen. Er hatte Nachbarn und Spielkameraden vor Hunger anschwellen sehen.

Als der „glühende Komsomolze“ (Mitglied des kommunistischen Jugendverbands Komsomol) ansehen musste, wie die Deutschen seine Heimatstadt Orechow überfielen, die Schulen schlossen und die Jugend zur Zwangsarbeit verpflichteten, wurde aus dem Rabauken ein Kämpfer. Er war Augenzeuge, als die Juden zu Massenerschießungen zusammengetrieben wurden: „Die Leute gingen zu ihrer Erschießung mit der Überzeugung, dass sie nach Palästina übersiedeln“. Zu seinem Freund sagte er: „Die Juden haben sie schon umgebracht, jetzt beginnen sie mit uns.“ Seit Wochen hatte er sich für seinen Verband, den Komsomol, bereitgehalten, vergeblich. Schließlich wollte er nicht mehr untätig zusehen: „Ich organisierte eine Untergrundgruppe aus jungen Leuten. Mittel für den Kampf hatten wir keine, Erfahrung auch nicht, Ideen hatten wir, sonst nichts. Trotzdem gaben wir Flugblätter heraus. Wir machten Gegenpropaganda, für die Jugend, sie sollten nicht freiwillig nach Deutschland fahren.“ Bis April 1943 konnten sie sich halten, dann flog die Gruppe auf und Kudin kam zunächst in das Gefängnis der Bezirkshauptstadt Zaporoschije. 1944 wurde er ins Konzentrationslager Dachau gebracht.

„Meine Nummer war 55 996.“.Pjotr Kudin verbrachte eineinhalb Jahre im KZ Dachau. Er musste mit ansehen, wie Menschen vor Hunger starben oder für Sabotage aufgehängt wurden. Er musste schwere Zwangsarbeit leisten, in einem Bombenräumkommando, in der Lagergärtnerei und in der Flugzeugfertigung der Messerschmitt AG im Außenlager Augsburg-Haunstetten. Im Frühjahr 1944 überlebte er dort nur durch Zufall einen Bombenangriff. Im April 1945 musste Kudin mit Tausenden anderen Häftlingen den so genannten „Todesmarsch“ in Richtung Alpen mitmachen.

Nach der Befreiung und Repatriierung durfte er nicht in seinem Heimatstadt zurückkehren. Wie viele andere Heimkehrer stand er für die Sowjetbehörden unter dem Verdacht, mit den Deutschen kollaboriert zu haben. Ohne Papiere wurde er als „Sonderumsiedler“ in eine Baubrigade nach Orsk im südlichen Ural geschickt. Er hatte Glück, durfte studieren, wurde Bauingenieur und gründete eine Familie. Erst 1956 kehrte er mit seiner Frau und drei Kindern nach Zaporoschije zurück. Als Repatriant und da seine Ehefrau deutschstämmig war, wurde er nicht in die Partei aufgenommen. Trotzdem war er im Beruf sehr erfolgreich und wurde leitender Ingenieur des Zaporoschijer Wohnungsbaubetriebes.

»Mein Sohn, werde Imker und du wirst 100 Jahre leben«. Diesen Rat seines Vaters setzte Pjotr Kudin 1988 in die Tat um. Fortan hielt er Bienen und verfolgte den Plan, 100 Jahre alt zu werden. Seit 1999 besuchte er Dachau mehrere Male zu den Befreiungsfeiern. Bereitwillig teilte er seine Erinnerungen mit der jungen Generation.  Sein Optimismus und seine Kraft schienen unerschöpflich, ebenso wie sein Erinnerungsvermögen. Das Interview, das er 2006 der Studentin Viktoria Naumenko für das Gedächtnisbuch gab, dauerte 10 Stunden! Detailreich und nie langweilig konnte er von den Erlebnissen während der Hungersnot, der Besatzungszeit, dem Widerstand und der Gefangenschaft erzählen. Noch im Mai 2018 ging es dem 94-jährigen Überlebenden des Konzentrationslagers Dachau gut.

Am 16. September 2018 ist Pjotr Kudin im Kreise seiner Angehörigen verstorben. Die Mitarbeiter des Gedächtnisbuch-Projekts verlieren nicht nur einen engagierten Mitstreiter, sondern auch einen warmherzigen Freund, dessen Schalk und Charme keine Grenzen kannte.

„Für mich sind das Projekt `Gedächtnisbuch´ und die Biographie-Ausstellung `Namen statt Nummern´ ein Zeichen der Ehrerbietung an die Überlebenden und die Verewigung der Erinnerung an die im Konzentrationslager Dachau Verstorbenen. Ruhet in Frieden!“, schrieb Pjotr Kudin am 1.12.2007.

Mehr zur Biographie: https://www.gedaechtnisbuch.org/gedaechtnisblaetter/?f=K&gb=1420

(19.9.2018; Foto: Berufsfachschule für Kinderpflege München; Text: Sabine Gerhardus)