W-Seminar: erneuter Archivbesuch in der KZ-Gedenkstätte Dachau

Fünf Schüler des aktuellen Gedächtnisbuch-W-Seminars am Ignaz-Taschner-Gymnasium in Dachau haben einen Nachmittag lang im Archiv der KZ-Gedenkstätte Dachau recherchiert. Sabine Gerhardus berichtet.

Aus dem Bücherstapel eines Schülers: Cover-Ausschnitt

„Ich war also wieder mit einer Gruppe von fünf Schülern einen ganzen Nachmittag im Archiv der Gedenkstätte. An dieser Stelle möchte ich die Gelegenheit nutzen, den beiden Archivaren Andre Scharf und Alex Pearman für ihre Hilfe zu danken, dass sie uns die Möglichkeit gaben zu recherchieren.

Alex hat sogar mehrere Aktenschachteln aus den CID-Beständen vorab durchgesehen und den Schülern die für sie wichtigen Seiten vorab herausgesucht – eine große Hilfe! Das hat den Schülern die Suche erleichtert und Zeit eingespart. Für eine Schülerin hat er zwei Fotos aus einer Bildersammlung herausgesucht, die die gerade befreite Häftlingsärztin Ella Lingens bei der Behandlung von Kranken zeigen. So musste die Schülerin die Sammelmappe mit Fotos nicht selbst durchsehen – ebenfalls eine große Erleichterung, denn der Anblick der Bilder, die kurz nach der Befreiung aufgenommen wurden, ist nur schwer zu ertragen.

Nun haben die Schüler die Recherchen in den beiden Gedenkstätten Dachau und Auschwitz, sowie die Online-Recherche in den Arolsen Archives geschafft. Ab jetzt werden sie individuell weiter arbeiten.

Das Foto zeigt einen Cover-Ausschnitt von einem Buch, das der Schüler Maxi Schinabeck in seinem Stapel hatte. Das Buch ist im Jüdischen Verlag des Suhrkamp-Verlags erschienen und heißt im Untertitel „Die Augenzeugenberichte der Wiener Library, London“. Maxi recherchiert über den Münchner Rabbiner und Religionslehrer Bruno Finkelscherer.“

(25.1.23; Foto Cover Suhrkamp-Verlag; Text: Sabine Gerhardus)

 

Studienfahrt Auschwitz/ Oświęcim: Geschichte der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau

Krystyna Oleksy, langjährige Mitarbeiterin der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau und von 1990 bis zu ihrem Ruhestand 2012 deren stellvertretende Direktorin, referierte über die Geschichte der Gedenkstätte bis in die 90er Jahre.

Offiziell sei die Gedenkstätte 1947 eröffnet worden, aber besser sei wohl die Feststellung, dass es sie seit dem Krieg gäbe, erzählt Krystyna Oleksy. Die ersten Besucher kamen bereits im Sommer 1945, Angehörige, die nach Spuren ihrer Familienmitglieder suchten. Aber das Besucherbuch des Geländes zeigt, dass bereits zu diesem Zeitpunkt Gruppen kamen.

Zunächst geht Krystyna Oleksy auf das Aussehen der Gedenkstätte ein. Die Objekte hätten damals anders ausgesehen als heute. „Diese vielen Jahre spürt man, obwohl von Anfang an alles Mögliche getan wurde, um die Objekte zu schützen.“, so Oleksy. Zum Bewuchs des Lagergeländes sei zu sagen, dass die meisten Bäume später (nach)gepflanzt wurden. Die Birken aber seien aus der Lagerzeit, die Pappeln haben jedoch nicht so lange überlebt und wurden nachgepflanzt. Die Todeswand zwischen Block 11 und 12 wurde erst abgebaut, aber sie sei so wichtig für polnische Häftlinge gewesen, dass sie bald rekonstruiert wurde. Teilweise wurde das Material der Baracken in der Umgebung als Baumaterial verwendet, Spuren davon kann man bis heute finden.

Konzeption und Umfang der Gedenkstätte

Die Gedenkstätte wurde 1947 in einer großen Veranstaltung mit dem polnischen Ministerpräsidenten eröffnet. Das Gesetz des polnischen Parlaments stammt vom Sommer 1947, das war der offizielle Gründungsakt. Im Gesetz steht, dass das Gelände mit den Objekten für die Ewigkeit erhalten werden muss. Ein zweites Gesetz stammt aus dem Jahr 1979, der Staat Polen verpflichtete sich damit, alles für immer zu erhalten.

Für die Gedenkstätte stellte sich zunächst auch die Frage nach ihren räumlichen Grenzen. Es gab mehrere Konzepte. Krystyna Oleksy berichtet: „Manche wollten alles entfernen.“ Diese Personengruppe wollte die Objekte des Leidens entfernen und nur ein Denkmal bauen. Weiter gab es beispielsweise Überlegungen, alle drei Teile des Lagers als Gedenkstätte zu bewahren, auch Monowitz. Schließlich wurde dann entschieden, nur das Stammlager und das Lager Auschwitz II Birkenau zu erhalten.

Das damit entstehende Gedenkstättengelände umfasst heute zwei Hektar Gelände, 154 Gebäude und Hunderte von Ruinen. In den 90er Jahren wurden die bestehenden Betonpfosten aufwendig restauriert, zum ersten Mal unterstützte die bundesdeutsche Regierung die Gedenkstätte zu diesem Zeitpunkt finanziell.

Kunstwerke und Dokumente

Nicht alles, was in der Gedenkstätte bewahrt wird, ist auch zu sehen. Die Gedenkstätte Auschwitz Birkenau hat beispielsweise eine sehr große Sammlung von Kunstwerken aus der Lagerzeit. Eine riesige Sammlung  von Dokumenten findet sich im Archiv, solche, die auf dem Lager nach der Befreiung gefunden wurden, aber auch andere Bestände, etwa Sterbebücher aus Moskau. Polnische Spezialisten konnten viele in sowjetischen Archiven lagernde Bestände auf Mikrofiches sichern. Aktuell gibt es keine Kontakte zu russischen Archiven oder nach Moskau, berichtet Krystyna Oleksy.

Diskussionen in den 90er Jahren

Anfang der 90er Jahre organisierte die Gedenkstätte eine internationale Konferenz zum Thema der Zukunft von Auschwitz. Es war möglich, Überlebende, Kunsthistoriker, Historiker, Konservatoren und andere Spezialisten aus der ganzen Welt einzuladen. Das Ergebnis bezeichnet Oleksy als widersprüchlich. Einige traten für weitgehende Rekonstruierungen ein, andere setzten sich für den Schutz des noch Bestehenden ein. Inzwischen bestünde Einigkeit, dass erhalten soll, was noch steht, darunter auch frühe Rekonstruierungen.

Immer wieder ist die Rede von einem „Symbol Auschwitz“. Vor allem in den 90er Jahren gab es heftige Diskussionen darüber, an welche verfolgten Gruppen besonders erinnert werden soll.

Die Referentin verdeutlicht die Bedeutung des Lagers Auschwitz für Polen: Für die Verfolgung von Polen wurde das Lager gegründet, sie waren die ersten Häftlinge, sie hatten die meisten Widerstandskämpfer im Lager und Auschwitz ist für Polen der größte Ort, wo auf geringem Platz so viele Menschen getötet wurden.

Für Juden gilt Auschwitz als das größte Vernichtungslager. Zu dieser Argumentation gehöre eine Unterscheidung zwischen Juden und den anderen nationalen Gruppen in den besetzten Länder. „Aber ich glaube, entscheidend dafür, dass Auschwitz für Juden so eine große Bedeutung hat, ist die Zahl der Überlebenden.“, so die Referentin. „Die Zahl der Überlebenden und die Zahl der Objekte. Ein weiterer Grund ist, dass die jüdischen Häftlinge aus allen besetzten Ländern Europas stammten.“ Auch hätten sich jüdische Historiker und andere Eliten sofort nach dem Krieg mit der Verfolgungsgeschichte beschäftigt. Die Sinti und Roma dagegen hatten solche Leute nicht.

Ausstellungen in der Gedenkstätte Auschwitz

Eine erste Ausstellung von 1947 gab es bis in die 50er Jahren. Das was heute größtenteils gezeigt wird, sind Teile der zweiten Ausstellung aus den 50er Jahren. Oleksy zeigt einige Fotos der ersten Ausstellung, die z.B. auch Stalin-Zitate beinhaltete. Auch für die zweite Ausstellung gab es politische Vorgaben: Insbesondere sollte der kommunistische Widerstand in Polen betont werden.

Denkmäler in der Gedenkstätte

Das erste Denkmal, das 1948 auf der Ruine von Krematorium 2 gebaut wurde, war das jüdische Denkmal mit einer Inschrift in den drei Sprachen Polnisch, Jiddisch und Hebräisch. Das zweite Denkmal wurde 1967 gebaut mit einer Inschrift auf einer Tafel. In den 90er Jahren wurde die Tafel entfernt, vor allem weil die Zahl der Opfer nicht mehr für richtig befunden wurde. Modernere Tafeln auf dem Gelände sind in der Regel vor allem Gedenktafeln.

Opferzahlen

Lange Jahre fußte die Geschichte des Lagers auf einer Zahl von vier Millionen Opfern, vorwiegend als Symbol, Historiker hätten sich in dieser Zeit damit nicht gründlich beschäftigt. Auch hätte es über die Zahl der jüdischen Opfer keine wirkliche wissenschaftliche Auseinandersetzung gegeben, meint die Referentin. Zum ersten Mal wurde 1982 von einem Chemiker ein Artikel mit der Zahl von 1,5 Millionen veröffentlicht. Auch darüber hätte es keine weitere Diskussion gegeben. Die erste wirkliche Diskussion entstand, nachdem die Gedenkstätte ein Buch von Frantiszek Piper veröffentlichte, das die Zahl diskutierte und korrigierte.

Diskussion um religiöse Symbolik in den 90er Jahren

Wie kam es zu den internationalen Auseinandersetzungen um religiöse Symbolik in Auschwitz? Krystyna Oleksy berichtet, dass auf der Wiese in der Nähe der sogenannten Sauna polnische Jugendliche, die jedes Jahr für drei Wochen für Aktion Sühnezeichen von Warschau nach Auschwitz kamen, Kreuze gebaut hätten. Aber die meiste Asche, die dort liegt, ist die Asche der jüdischen Opfer. Daraufhin bauten die Jugendlichen Davidsterne. Aber auf einem jüdischen Friedhof gibt es keine Davidsterne. Gleichzeitig stellten Nonnen eines bereits seit mehreren Jahren existierenden Karmelterinnenklosters ein Kreuz in der Mitte einer ehemaligen Kiesgrube auf, an einem Ort, an dem viele Häftlinge erschossen worden waren. Es war jenes Kreuz, das an der Rampe gestanden hatte, an der der Papst während seines ersten Besuchs in Auschwitz die Messe gehalten hatte und das von einer katholischen Gemeinde aufbewahrt worden war. Daraufhin protestierte ein jüdischer Rabbiner aus den USA sehr scharf.

Was dann folgte, waren jahrelange scharfe Diskussionen in allen möglichen Medien, auch international. Die Klosterschwestern zogen sich schließlich nach der entsprechenden Bitte des Papstes in andere Klöster zurück und die verschiedenen religiösen Symbole wurden  an entsprechende Institutionen in der Nähe gegeben.  „Wissen Sie, alles war so empfindlich.“ sagt Krystyna Oleksy heute zu der öffentlichen Debatte. „Das war ein Sturm. Wenn ein Stuhl in der Gedenkstätte umgestellt wurde, dann war er sofort Bestandteil der Diskussion.“

(18.1.2023; IS)

Studienfahrt Auschwitz/ Oświęcim: Zweiter Besuch der Gedenkstätte Auschwitz, Rundgang Birkenau

4 Stunden lang erkundeten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Studienfahrt in Begleitung von Halina Sviderska und Weronika Brill das Gelände des Lagers Birkenau.

Das weitläufige Gelände legt mit den erhaltenen Ruinen, Betonpfählern und Zäunen Zeugnis ab von den hier verübten Verbrechen der Nationalsozialisten. Die deutschen Besatzer schickten mehr als 1,1 Millionen Menschen in den Tod. An einigen Stellen im Gelände finden sich Denkmäler und Erläuterungstafeln, die den Umfang der Mordaktionen verdeutlichen und die Erinnerung wachhalten sollen.

Selbst auf den ersten Blick harmlos erscheinende Landschaftsabschnitte bergen den Schrecken des Massenmords: Die Asche der Ermordeten wurde in die Flüsse Soła und Weichsel gekippt, aber auch in Gruben, die sich bald durch den hohen Grundwasserspiegel des Sumpfgebiets mit Wasser füllten.

Ab 1941 bauten die deutschen Besatzer das Gelände planmäßig zu einer Kombination aus Konzentrationslager und Vernichtungsstätte aus. Vor ihrem Abzug und der Befreiung des Lagers durch die Sowjetarmee gelang es der SS, Gerätschaften zum Massenmord in weiter westlich gelegene Konzentrationslager zu transportieren und die Krematorien und Gaskammern zu sprengen. Die Nazis vernichteten Dokumente ihrer Verbrechen und zündeten das Effektenlager mit seinen 30 Baracken an, das fast eine Woche brannte.

Die seit 2001 zugängliche Neue Sauna bzw. Entwesungs- und Desinfektionsanlage zeigt eine raumfüllende Fotoinstallation mit dennoch erhaltenen und in Auschwitz aufgefundenen Fotos aus dem Besitz der Ermordeten und Deportierten.

(9.1.2023; Foto: Ludwig Schmidinger, IS)

Rückblick auf das vergangene Jahr im Gedächtnisbuch-Projekt

Allerhand geschah im Gedächtnisbuch in den letzten Monaten. Unsere Chronik berichtet über die Ereignisse im Jahr 2022.

 

Start des neuen Freiwilligenjahrs im September 2022

Das Gedächtnisbuch hat nun wieder zwei Freiwillige von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste, das deutsch-polnische Projekt konnte mit einer Studienreise starten, ein neues W-Seminar am Ignaz-Taschner-Gymnasium begann, die Wanderausstellungen des Gedächtnisbuchs fanden wieder ihr Publikum.

All dies lässt sich hier im Blog nachlesen oder aber in einer Zusammenfassung auf unserer Chronikseite:
Chronik 2022

(27.12.2022; IS)

Archivrecherche in der KZ-Gedenkstätte Dachau

Am Dienstag, den 13.12. recherchierte Projektleiterin Sabine Gerhardus mit fünf Seminarteilnehmerinnen im Archiv der KZ-Gedenkstätte Dachau.

Die Archivare Andre Scharf und Alex Pearman, hatten Dokumente, Zeugenaussagen, Zeitungsartikel und Bücher vorbereitet. Sophia, Julia, Sophie, Isabella und Marcel vom W-Seminar „Namen statt Nummern“ am Dachauer Ignaz-Taschner-Gymnasium sichteten das Material und arbeiteten es in ihre Unterlagen ein.

Im Januar gibt es noch einen weiteren Archivtermin in der Gedenkstätte für diejenigen, die am Dienstag nicht dabei sein konnten. Für Marcel und Isabella lag so viel archivalisches Material bereit, dass sie nach den Ferien noch einmal mit ins Gedenkstättenarchiv kommen werden.

(17.12.22; Sabine Gerhardus/IS)

Jetzt online: Gedächtnisblätter zu Walter Beier und Georg Partheymüller

Wieder konnten wir zwei Gedächtnisblätter in das Online-Verzeichnis des Gedächtnisbuchs aufnehmen. Hier auf der Website lassen sich jetzt die Lebensgeschichten von Walter Beier und Georg Partheymüller nachlesen.

Walter Beier mit seinem kleinen Bruder, 1924

Walter Beier war ein schlesischer Student, der wegen regimekritischer Äußerungen das Studium nicht beenden konnte, nach Österreich zog und nach dem Anschluss Österreichs verhaftet und in den KZs Dachau und Flossenbürg inhaftiert wurde. Nach dem Krieg lebte Walter Beier in München.

Gedächtnisblatt Walter Beier

Ebenfalls regimekritische Äußerungen legten die Nationalsozialisten dem im fränkischen Marktzeuln lebenden Müller und Gutsbesitzer Georg Partheymüller zur Last. Von Juni 1937 bis September 1937 sperrten ihn seine Gegner in das KZ Dachau. Nach dem Krieg wurde Partheymüller von den Amerikanern zum Bürgermeister ernannt. Die erste Wahl 1946 bestätigte ihn in diesem Amt, das er neben anderen kommunalpolitischen Mandaten bis 1966 ausübte. Partheymüller war Mitglied der CSU und des Bayerischen Senats.

Gedächtnisblatt Georg Partheymüller

(11.12.22; Foto: privat; IS)

Studienfahrt Auschwitz/ Oświęcim: Besuch der Gedenkstätte Auschwitz, erster Rundgang

An zwei Tagen besichtigten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Studienfahrt die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. Die Führungen dauerten jeweils 4 Stunden, der erste Rundgang führte durch das Stammlager, die zweite Führung am darauffolgenden Tag zeigte das Lager Auschwitz-Birkenau.

Am 27. Januar 1945 befreiten sowjetische Truppen das Lager. Von dem, was die sowjetischen Befreier vorfanden, ist vieles erhalten und kann heute in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau gesehen werden.

Das Konzentrationslager Auschwitz

Ab der Errichtung des Konzentrationslagers Auschwitz 1941 bis zur Befreiung im Januar 1945 erlitten etwa 1,3 Millionen Menschen das Lager Auschwitz. Bis heute ist die Zahl der Häftlinge nicht exakt bekannt, vielleicht waren es sogar 1,5 Millionen Menschen.

Von der ersten Stunde an diente das KZ der „Vernichtung durch Arbeit“. Mitte Juni 1940 traf der erste Transport politischer Gefangener aus Polen im Konzentrationslager Auschwitz ein. In den Folgejahren wurden viele Angehörige der übrigen europäischen Widerstandsbewegungen nach Auschwitz deportiert. Nach der Wannseekonferenz bauten die Nationalsozialisten das KZ Auschwitz zu einen zentralen Ort der Massenvernichtung von Juden und Sinti und Roma aus.

Ab 1941 begann der weltweit größte Chemiekonzern, die I.G. Farbenindustrie AG, den Aufbau ihrer Produktionsanlagen in Auschwitz. Das Anlage trug den Namen Buna-Werk, so hieß ein dort hergestellter Kunststoff. Himmler verfügte 1941, dass die zu diesem Zeitpunkt 12.000 Einwohner umfassende Stadt Oświęcim/Auschwitz für die Mitarbeiter des Buna-Werks geräumt werden musste. Sämtliche Juden der Stadt wurden zu diesem Zeitpunkt deportiert. Zehntausende der Häftlinge im Konzentrationslager Auschwitz gingen bei der Sklavenarbeit in den Buna-Werken zugrunde. Der Bereich des Geländes, an dem sich die Buna-Werke befanden, gehört nicht zum Gelände der Gedenkstätte.

Führung durch das Stammlager

Der erste Tag des Rundgangs über die Gedenkstätte Auschwitz Birkenaus führte über das Stammlager, den ältesten Teil des Lagers. Halina Sviderska begleitete die Erwachsenengruppe und Weronika Brill die Schülergruppe. Benutzt wurde dabei ein Audiosystem. Aufgrund des großen Besucherandrangs ist der Besuch der Gedenkstätte jeden Tag bis 15 Uhr nur in einer geführten Gruppe und in einem streng durchgetakteten System möglich. Selbst Ende Oktober waren hier so viele Besuchergruppen unterwegs, dass es anders nicht gegangen wäre.

Das Stammlager umfasst den ältesten Teil des KZ. Während der österreichischen Zeit lebten hier Saisonarbeiter, ab 1918 entstand dann ein Kasernengelände der polnischen Armee. Ab dem 30. April 1940 hatte Rudolf Höß, der Kommandant des Konzentrationslagers, seinen Dienstsitz in Auschwitz. Die staunenden Gedenkstättenbesucher erfuhren, dass die von Höß und seiner Familie bewohnte Villa heute noch existiert, nicht zur Gedenkstätte gehört und als privates Wohnhaus genutzt wird.

Die Blöcke des Stammlagers zeigen ausführliche Ausstellungen zur Geschichte des Konzentrationslagers. Die Sowjets übergaben im Sommer 1945 das Lagergelände den polnischen Behörden, ein Regierungsbeschluss sicherte ab Mai 1945 Geld für die Konservierung des Gebäudebestands und der Gegenstände, für Forschung und Dokumentation. Bereits die erste Ausstellung ab Mitte 1945 machte Teile des Raubguts der Nationalsozialisten der Öffentlichkeit zugänglich. 1947 eröffnete die erste Dauerausstellung der Gedenkstätte, die grundlegend für weite Teile der Ausstellung ist. Die ausgestellten Haare, Schuhe, Koffer und Taschen machen auch heute noch fassungslos.

In Block 11 im Stammlager befand sich das Lagergefängnis, in dem Häftlinge in winzigen Einzelzellen bestialisch gequält wurden. Im Keller von Block 11 testete die SS die Wirkung des Giftgases Zyklon B. Auch den Innenhof zwischen Block 10 und 11 besichtigten die Studienreisenden. Hier erschoß die SS Tausende von Menschen. Gezielte Tötungen von ganzen Personengruppen gab es im Konzentrationslager Auschwitz von Anfang an.

Neben der Dauerausstellung gibt es verschiedene nationale Ausstellungen in der Gedenkstätte. Die meisten davon konnten die Teilnehmer der Exkursion aus Zeitgründen nicht sehen. Eine dieser Länderausstellungen sticht seit ihrer Neugestaltung heraus: Die israelische Ausstellung in Block 27, die 2013 in neuer Form wiedereröffnet wurde. Die Neugestaltung dieser Ausstellung hatte Yad Vashem übernommen und sich das Ziel gesetzt, die Ausstellung der gesamten Shoa zu widmen.

Yad Vashem sammelt seit jeher den Namen jedes einzelnen Shoa-Opfers. Im „Buch der Namen“ in der Shoa-Ausstellung finden sich die Namen von 4,2 Millionen Opfern der nationalsozialistischen Judenvernichtung. Etwa 1,1 Millionen von ihnen wurden in Auschwitz ermordet.

(4.12.2022; IS)

Polnische Städte: Oświęcim und Krakau

Die Studienfahrt nach Auschwitz/Oświęcim zeigte auch das moderne Leben in den beiden Städten Oświęcim und Krakau. Die Stadtrundgänge boten jede Menge Informationen zur polnischen Geschichte und Kultur.

Sylwia Stańska am Marktplatz

Sylwia Stańska führte die Reisegruppe durch die knapp 40000 Einwohner umfassende Stadt Oświęcim und hatte dabei auch einen Besuch im Jüdischen Museum des Orts eingeplant.

Oświęcim, an wichtigen Handelswegen gelegen, wurde im Hochmittelalter erstmals urkundlich erwähnt. Die Stadt war dem Magdeburger Recht unterstellt, eine Stadtrechtsform, die sowohl den Handel wie auch die Koexistenz verschiedener Religionen förderte.

Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beherbergte Oświęcim mehr jüdische als katholische Einwohner, auch vorher war der Anteil der jüdischen Bevölkerungsgruppe groß. Ab 1772 und bis 1918 gehörte die Stadt zum Habsburgerreich. So gut wie alle Einwohner bekannten sich bei den Volkszählungen der österreichischen Doppelmonarchie zur polnischen Sprache. 1939 zählte die Stadt etwa 14000 Einwohner, darunter mindestens 7000, womöglich sogar bis zu 8000 Juden. Der weitgehend friedlichen Koexistenz von Juden und Katholiken bereitete die deutsche Besetzung 1939 ein schreckliches Ende.

Jüdisches Museum Oświęcim

Der österreichische Gedenkdiener im Jüdischen Museum präsentierte den Studienreisenden das Museum und in die Synagoge. Ein Teil der ausgestellten Gegenstände waren bei Ausgrabungen am Platz der durch die Deutschen zerstörten Großen Synagoge  gesichert worden.

Das Museum gibt Einblick in das Leben des jüdischen Bevölkerungsteils in Oświęcim mithilfe von Fotos, Dokumenten und Gegenständen; es zeigt wirtschaftliche Bedeutung und kulturelle Vielfalt, durch die Shoah unwiederbringlich beendet.

Stationen des Stadtrundgangs

Die Geschichte der Burg Oświęcims geht bis ins 12. Jahrhundert zurück. Mehrmals abgebrannt und wiederaufgebaut beherbergt sie heute ein Museum zur Stadt- und Schlossgeschichte. Sie thront über der Soła, dem Fluss, der die Stadt durchzieht.

Direkt neben der Soła gibt es in Oświęcim einen einzigen Stolperstein, er geht auf die Initiative eines Architekten zurück und erinnert an Franziska Henryka Haberfeld. Eine weitere Station des Stadtrundgangs führte zum Platz der Großen Synagoge, heute ein Gedenkpark. Die Synagoge selbst hatten die Deutschen 1939 niedergebrannt. Bei Ausgrabungen fanden sich Teile der Ausstattung der Synagoge, die heute im Jüdischen Museum zu sehen sind.

Der Marktplatz schließlich war die letzte Station des Rundgangs durch die Stadtgeschichte Oświęcims. Dank Eisdielen, Cafés und Einkaufsmöglichkeiten in nächster Nähe punktete hier die Gegenwart der Stadt.

Krakau

Einen Tag lang flanierten die Studienfahrer durch Krakau, die zweitgrößte Stadt Polens, 50  Kilometer von Auschwitz entfernt. Weronika Brill führte über den Burgberg, den Wawel, und durch die Altstadt.

Ausgangspunkt war der Busbahnhof, unterhalb des Wawels direkt an der Weichsel gelegen. Die Promenade am Fluss erfreut sich auch bei Einheimischer großer Beliebtheit und führte zunächst an der Drachenhöhle vorbei (– der Legende nach hat der Stadtgründer den Drachen besiegt.

Der Burgberg Wawel

Die heutige Kathedrale auf dem Wawel geht auf das 14. Jahrhundert zurück, hatte aber bereits zwei Vorgänger. Neben ihr steht das ehemalige Königschloss, ein prachtvoller Renaissancebau.

Auf dem Wawel ist die wechselvolle Geschichte Polens zum Greifen nahe. Mit dem Umzug der polnischen Hauptstadt nach Warschau, der Besetzung durch die Schweden im 17. Jahrhundert und in der Zeit der polnischen Teilung unter habsburger Herrschaft verfielen die Prachtbauten, Wien stationierte eine Garnison auf dem Burgberg. Während der Besatzung durch die Nazis residierte der deutsche Generalgouverneur Hans Frank auf dem Wawel und organisierte von hier aus den deutschen Vernichtungsfeldzug in Polen.

Die heutige Pracht der Bauten ist umfangreichen Renovierungsarbeiten zu verdanken.

Krakaus Altstadt

Die mächtige Stadt Krakau erhielt im 13. Jahrhundert das Magdeburger Stadtrecht. Von ihrer Bedeutung zeugt die Altstadt mit ihrem symmetrischen gitterförmigen Straßennetz und unzähligen prunkvollen Palais und Kirchen. Der Marktplatz mit den Tuchhallen, dem Trompeter an der Marienkirche und nicht zuletzt seinem gastronomischen Angebot lockte zum Verweilen.

Leider blieben viele Krakauer Sehenswürdigkeiten unbesichtigt und warten auf künftige Besuche.

Gefördert durch die Europäische Union und den Landkreis Dachau.

(21.11.22; IS)

Studienfahrt nach Auschwitz/Oświęcim

Zu den zentralen Programmpunkten des deutsch-polnischen Partnerschaftsprojekts von Gedächtnisbuch und Dachauer Forum gehörte die Studienfahrt nach Auschwitz/Oświęcim im Oktober 2022. Sieben Tage dauerte die Exkursion, allein die An- und Abreise mit dem Bus nahm zwei ganze Tage in Anspruch.

An der Studienfahrt beteiligten sich alle Schülerinnen und Schüler des im September gestarteten W-Seminars „Namen statt Nummern“ am Ignaz-Taschner-Gymnasiums in Dachau. Lehrerin Hedi Bäuml, die Leiterin von Gedächtnisbuch und Projekt Erinnern Sabine Gerhardus sowie weitere erwachsene Teilnehmende vorwiegend aus Stadt und Landkreis Dachau, alle dem Bereich Zeitgeschichte und dem Gedächtnisbuch verbunden, fuhren ebenfalls mit. Annerose Stanglmayr, Geschäftsführerin des Dachauer Forums, leitete die Studienfahrt. Trotz der weiten Anreise nahm Marese Hoffmann, stellvertretende Dachauer Landrätin, zwei Tage in Oświęcim am Programm der Studienfahrt teil.

Das Programm in Oświęcim betreute Sylwia Stańska, die Leiterin der Bildungs- und Programmabteilung der Internationalen Jugendbegegnungsstätte Oświęcim. Es umfasste sowohl gemeinsame Veranstaltungen für Jugendliche und Erwachsene wie auch Programmpunkte, bei denen beide Gruppen getrennte Wege gingen.

Besuch in der Gedenkstätte

Zentral war für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Studienfahrt der Besuch der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. Zwei jeweils vierstündige Rundgänge durch das Stammlager und über das Lager Auschwitz-Birkenau informierten die Teilnehmenden über die Vorgänge im deutschen Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz in den Jahren 1940 bis 1945. Bis heute ist die Zahl der hier Ermordeten nicht eindeutig geklärt, sie bewegt sich im Bereich zwischen 1,1 und 1,5 Millionen Menschen.

Einblicke in die Geschichte der Gedenkstätte und die heutigen Herausforderungen, die sich dem Gedenkort stellen, wurden in weiteren Programmpunkten deutlich: Krystyna Oleksy erläuterte die Geschichte dieser seit 1947 bestehenden Institution. Die Arbeit des Archivs der Gedenkstätte erklärte Krystyna Leśniak der gesamten Gruppe.

Den Schülerinnen und Schülern bot sich dann die Gelegenheit, bereits an Ort und Stelle mit vorbereiteten Archivalien und Online-Ressourcen an ihren Gedächtnisblättern und den Biographien für das Projekt Erinnern des BLLV zu arbeiten. Nicht für alle Lebensgeschichten fanden sich Archivialien im Archiv der Gedenkstätte Auschwitz, aber dank der Hinweise auf digitalisierte und online veröffentlichte Bestände anderer Archive gab es für jeden Seminarteilnehmer Anknüpfungspunkte zur Recherche.

Parallel dazu erläuterte Margrit Bormann der restlichen Gruppe, wie die Gedenkstätte die Herkulesaufgabe bewältigt, bauliche Überreste, Dokumente und jene Güter zu konservieren, die den Ermordeten gehört hatten und die die SS nicht mehr wegschaffen oder zerstören konnte.

Erinnerungskultur in Auschwitz/Oswiecim

Zufällig war es möglich, Pfarrer Manfred Deselaers, Theologe, Buchautor und Mitarbeiter des katholischen „Zentrums für Dialog und Gebet“ in  Oświęcim, im Plenum der Studienfahrt zu begrüßen. Deselaers erzählte, wie es dazu kam, dass er seit über 30 Jahren in Auschwitz lebt und was ihn motiviert, in unmittelbarer Nähe des ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslagers Bildungs- und Versöhnungsarbeit zu leisten.

Der Erinnerungskultur vor Ort verpflichtet ist die Internationale Jugendbegegnungsstätte Oświęcim. Ein Vortrag von Elżbieta Pasternak, Pädagogin an der Jugendbegegnungsstätte, machte die Exkursionsteilnehmer mit der Geschichte dieser seit 1986 bestehenden Institution vertraut.

Nur für die Erwachsenen ergab sich die Gelegenheit, die raumgreifenden Zeichnungen und Installationen des Künstlers Marian Kołodziej in den Ausstellungsräumen des Franziskanerklosters Harmęże zu besichtigen. Kołodziej überlebte die Konzentrationslager Auschwitz, Buchenwald, Sachsenhausen, Gusen und Groß-Rosen. Seine Kunstwerke spiegeln die Monströsität und unfassbare Grausamkeit des Erlebten.

Land und Leute, Geschichte und Gegenwart

Mehrere Programmpunkte ermöglichten, mehr über polnische Geschichte und Gegenwart zu erfahren: Gleich am ersten Tag des Aufenthalts informierte sich die gesamte Gruppe bei einem Stadtrundgang in Oświęcim und einem Besuch des Jüdischen Museums über die Geschichte der weitgehend jüdischen Kleinstadt Oświęcim vor 1945 und die Gegenwart der heutigen Stadt. Die jugendlichen Teilnehmer tauschten sich am dritten Tag der Exkursion in einer zweistündigen Begegnung mit polnischen Jugendlichen aus und hörten etwas über deren Erinnerungsprojekte. Ein eintägiger Aufenthalt in Krakau inklusive einer Stadtführung bot schließlich allen die Gelegenheit, sich in der zweitgrößten Stadt Polens umzuschauen.

Gefördert durch die Europäische Union und den Landkreis Dachau.

Hinweis
Detailliertere Berichte über die einzelnen Programmpunkte der Studienfahrt sind in Vorbereitung und können dann hier im Blog gelesen werden.

(6.11.22; Irene Stuiber)