Hilfreiche Tipps für biografische Arbeit

Einer Einladung der Senefelder-Schule in Treuchtlingen zu einem Online-Seminar folgte Sabine Gerhardus, um dort ein W-Seminar über das Gedächtnisbuch zu informieren.

Das Foto zeigt ein W-Seminar der Senefelder-Schule Treuchtlingen bei einem Besuch der Gedenkstätte Dachau. Die Schülerinnen und Schüler wollten sich in ihrem Seminar auch über das Gedächtnisbuch informieren und haben daher Sabine Gerhardus, Projektleiterin des Gedächtnisbuchs, zu einem Online-Seminar am 30.11.2021 eingeladen.

Die Senefelder-Schule in Treuchtlingen ist Gesamtschule und „Schule ohne Rassismus“. Das W-Seminar findet unter der Leitung von zwei Lehrerinnen, Christine Venter und Frau Meyer, statt und befasst sich mit verschiedenen Themen zu Nationalsozialismus und jüdischer Geschichte in Treuchtlingen. Einige Schüler*innen sind auch an biografischer Arbeit interessiert.

Die Schüler*innen  sahen dafür den Projektfilm des Gedächtnisbuchs „Namen statt Nummern“. Sabine Gerhardus berichtet: „Anschließend haben sie mit mir über ihre W-Seminar-Themen, biografische Bezüge und das Erinnern in Projekten wie dem Gedächtnisbuch gesprochen. Aus der Erfahrung der Projektarbeit konnte ich den Schüler*innen  hoffentlich ein paar hilfreiche Tipps für ihre Arbeit geben.  Es würde mich freuen, wenn sich aus diesem Kontakt in einem der nächsten Schuljahre ein W-Seminar in Kooperation entwickelt.“

(2.12.21; Foto: Senefelder-Schule Treuchtlingen; Text: Sabine Gerhardus/IS)

 

Biographie von Paul Lachawietz in Ausstellungskatalog veröffentlicht

2014 schloss Annalena Elsner ihr Gedächtnisblatts zu dem aus Schlesien stammenden Pfarrer Paul Lachawietz ab. Nun findet sich ein Nachdruck dieser Biografie im Ausstellungskatalog „Galerie der Aufrechten“.

Paul Lachawietz mit seinen Eltern, ca. 1958

Noch bis 5. Dezember zeigt das Museum Altomünster die Ausstellung „Galerie der Aufrechten“ mit Porträts von von Widerstandkämpfern im Nationalsozialismus. Im Begleitkatalog zur Ausstellung findet sich die Biographie von Paul Lachawietz, die Annalena Elsner in einem W-Seminar am Josef-Effner-Gymnasium erarbeitete.

Lachawietz war von Juli 1941 bis Anfang April 1945 Häftling des KZ Dachau. In der Nachkriegszeit wirkte er als Kaplan in Altomünster und als Pfarrer in Sittenbach. Seinen Ruhestand verbrachte er in Altomünster. Informationen zu Paul Lachawietz finden sich im Verzeichnis der Gedächtnisblätter:
https://www.gedaechtnisbuch.org/gedaechtnisblaetter/?f=L&gb=3430

Der Katalog erscheint unter dem Titel „Galerie der Aufrechten. Porträts von Frauen und Männern gegen den Nationalsozialismus“. Herausgegeber sind Gerhard Gerstenhöfer und Wilhelm Liebhart.

(25.11.21; IS)

ASF-USA Programmdirektorin besucht Gedächtnisbuch

Monika Moyrer arbeitet seit zwei Jahren im Länderbüro von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste in den USA. Anlässlich eines Heimatbesuchs besuchte sie die Präsentation des Gedächtnisbuchs und traf sich mit dem Gedächtnisbuch-Team.

V.r.n.l.: Monika Moyrer und Sabine Gerhardus

Seit zwei Jahren ist Monika Moyrer Programmdirektorin im Länderbüro von Aktion Sühnezeichen  Friedensdienste in Philadelphia in den USA. Jetzt war sie auf Heimatbesuch in Baden-Württemberg und folgte kurz entschlossen der Einladung zur Präsentation der neuen Gedächtnisblätter am 25. Oktober in Dachau.

Sabine Gerhardus und die beiden Freiwilligen von ASF in Dachau, Ioanna Taigacheva und Zoriana Shainiuk, freuten sich über diese Gelegenheit, Monika Moyrer kennenzulernen. Es gab viel zu besprechen: Monika Moyrer betreut ASF-Freiwillige in amerikanischen Projekten und amerikanische Freiwillige, die sich darauf vorbereiten, ihren Freiwilligen-Dienst in Deutschland abzuleisten. So war es interessant für sie, einen wichtigen Einsatzort für die Freiwilligen kennenzulernen – und von Ioanna und Zoriana gleich Eindrücke aus erster Hand zu erfahren.

Überdies hat ASF-USA die Lagerung und Betreuung der englischsprachigen Version der Internationalen Wanderausstellung des Gedächtnisbuchs „Names Instead of Numbers“ übernommen. Besprochen wurden zahlreiche gemeinsame Interessen und Berührungspunkte in den jeweiligen Projekten: An der Wanderausstellung haben ASF-Freiwillige, auch aus den USA mitgearbeitet. Wenn die deutschen Freiwilligen in den USA die Banner während ihrer Seminare kennenlernen könnten, ergäben sich daraus möglicherweise eigene Projektmöglichkeiten für sie an ihren Einsatzorten. Auch die Biografiearbeit des Projekts Erinnern beim Gedächtnisbuch über jüdische Lehrer und Lehrerinnen könnte ein Ansatzpunkt für zukünftige Kooperationsprojekte werden: Es gibt bereits einige Gedächtnisblätter über bayerische jüdische Lehrende, die in die USA, vor allem nach New York, emigriert sind.

Sabine Gerhardus freut sich über das Treffen ganz besonders: „Ich war ja selbst ASF-Freiwillige in den USA, in New York, 1990/91 – das ist zwar schon sehr lange her, aber es war ein wichtige, prägende Erfahrung für mich. Die Arbeit von ASF in den USA liegt mir natürlich ganz besonders am Herzen. Auch der Initiator des Projekts Erinnern beim BLLV, Dieter Reithmeier, war ASF-Freiwilliger in den USA – noch einige Jahre vor mir.“, meint die Projektleiterin. Und seit vielen Jahren ist das Gedächtnisbuch selbst Einsatzort für Freiwillige, auch aus den USA. „So gibt es nicht nur viele inhaltliche, sondern auch personelle Überschneidungen. Schön, dass sich Monika so dafür eingesetzt hat, unsere Arbeit kennenzulernen. Wer weiß, welche Möglichkeiten sich dadurch für die Zukunft ergeben!“

Auch Monika Moyrer freute sich sehr, die Arbeit des Gedächtnisbuchs intensiv kennengelernt zu haben. Besonders vom Engagement der Schüler und Schülerinnen, die sie während der Präsentation im Theatersaal des ASV erlebt hat, zeigte sie sich beeindruckt.

(15.11.21; Text: Sabine Gerhardus/IS)

Gedenken an die Novemberpogrome 1938

Drei jüdische Häftlinge des Konzentrationslagers Dachau stehen im Mittelpunkt des ökumenischen Gedenkgottesdiensts der Versöhnungskirche am 14. November 2021 anlässlich des 83. Jahrestags der Novemberpogrome: Edith Grünberger-Taus, Heinz Landmann und Abraham Müller.

Zu Landmann und Müller liegen Gedächtnisblätter vor, die hier auf dieser Website eingesehen werden können:

Heinz Landmann/Henry Landman
Abraham Müller.

Abraham Müller und Heinz Landmann wurden beide am 10. November 1938 nach Dachau verschleppt. Abraham Müller war Lehrer und Kantor der Israeliti­schen Kultusgemeinde München. Heinz Landmann stammte aus Augsburg und arbeitete als Kürschner. Abraham Müller wurde am 8. Dezember 1938 im KZ Dachau ermordet, Heinz Landmann überlebte die Torturen und konnte 1939 über England in die USA fliehen. Edith Grünberger-Taus (1923-2021) aus der Slowakei steht für die im Zweiten Weltkrieg nach Dachau Deportierten.

Weitere Informationen zum Gottesdienst finden sich in dieser Pressemitteilung:
Ökumenischer Gottesdienst 14.11.21

Die Zeichnung, ein Ausschnitt der im Gedächtnisblatt verwendeten Illustration, stammt von der Gedächtnisblatt-Autorin Lisa Mainz und zeigt Abraham Müller.

(9.11.21; IS)

Aufruf: Hilfe für Flüchtlinge an der Grenze Polen-Belarus

Der ehemalige ASF-Freiwillige Jan Kwiatkowski und die Evangelische Versöhnungskirche bitten um Hilfe für die Flüchtlinge an der Grenze Polen-Belarus. Die Projektleiterin des Gedächtnisbuchs Sabine Gerhardus schließt sich diesem Aufruf an.

Das polnische Psalmwort auf dem Tor der Versöhnungskirche, auf Deutsch: Zuflucht ist unter dem Schatten deiner Flügel

„Mir ist es ein großes Anliegen, dass wir Menschen in Europa, und gerade auch wir in Dachau, nicht einfach wegsehen, wenn Flüchtlinge an der Grenze zu Polen in noch größere Not gebracht und auf so grausame und menschenverachtende Weise in den Tod getrieben werden. Die Menschen dort brauchen sofort, schnell und unbürokratisch aktive Hilfe, es sind schon mehrere Personen gestorben. Sie irren in Eiseskälte in den Wäldern umher und werden zwischen Polen und Belarus hin- und hergejagt: Kinder, Frauen und Männer – als ob sie keine Menschen wären, sondern Munition in einem zynischen Strategie-Spiel. Deshalb unterstütze ich diese Aktion der Versöhnungskirche und unseres ehemaligen ASF-Freiwilligen Jan Kwiatkowski in Polen und bitte ebenfalls um Weiterverbreitung und Unterstützung.“

Im Rahmen ihres Aufrufs hat sich die Versöhnungskirche dem dringenden Spendenaufruf der Evangelischen Kirche in Polen angeschlossen. Die Versöhnungskirche veröffentlichte dazu folgende Erklärung:
Spendenaufruf für Flüchtlinge im Gebiet Polen-Belarus (PDF)

(4.11.21; Foto: Versöhnungskirche, Sabine Gerhardus/IS)

Die graue Wand, auf der stand: „Drei Jahre KZ Dachau …“

Die Verfasserin des Gedächtnisblatts zu August Baumann, Amelie Kiermeier, zeigte sich auf der Präsentation neuer Gedächtnisblätter am 25. Oktober 2021 von dessen Lebensgeschichte zweifach beeindruckt: Zum einen zeigte sie sich fasziniert, davon, „er in seinem Leben alles erleben durfte“, zum anderen aber auch „schockiert darüber, was er alles erleben musste“. Neben der Biographie von August Baumann stellten ehrenamtliche Autorinnen und Autoren die Lebensgeschichten von neun weiteren Häftlingen des KZ-Dachau vor.

Amelie Kiermeier spricht über August Baumann

August Baumann hatte 1932 an der „Ersten Deutschen Arbeiter-Kaukasus-Expedition“ teilgenommen. Dadurch galt er den Nazis als aktives Mitglied der Arbeiterbewegung und saß 1933 zwei Monate lang in einem Münchner Gefängnis in Schutzhaft. Auf eine zweite Verhaftung 1935 folgte eine Verurteilung zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus, ab 1938 bis Anfang Mai 1945 schließlich erlitt er die Gefangenschaft in den Konzentrationslagern Dachau und Flossenbürg. Baumann setzte sich in der Nachkriegszeit für eine aktive Erinnerungsarbeit und die KZ-Gedenkstätte Dachau ein.

Walter Beier: Gefangener in Dachau und Flossenbürg

Selina Becker und Sabine Gerhardus

Drei W-Seminare erfuhren durch die Corona-Pandemie bisher Einschränkungen in ihrer Arbeit, erläuterte Projektleiterin Sabine Gerhardus. Auch Präsentationen konnten nicht oder nur in anderer Form stattfinden. Umso mehr freute Sabine Gerhardus, dass Arbeiten aus den W-Seminaren Grafing und des Dachauer Josef-Effner-Gymnasium im Lauf des Abends vorgestellt werden konnten.

Gemeinsam mit Gedächtnisbuch-Verfasserin Selina Becker präsentierte Gerhardus die Lebensgeschichte von Walter Beier, der wegen regimekritischer Äußerungen sein Jurastudium in Breslau nicht beenden konnte. Beier zog nach Österreich, dies schützte ihn bis zum Anschluss Österreichs vor einer Verhaftung. Bis 1943 war er dann Gefangener in Dachau und Flossenbürg, in der Nachkriegszeit lebte Beier in München.

Obdach für einen Verfolgten

Sarah Berghammer

Die Familie Meier in Untergiebung versteckte den wegen seiner Widerstandstätigkeit verfolgten Jesuitenpater Augustin Rösch auf ihrem Anwesen. Wolfgang Meier bezahlte dafür mit seinem Leben, seine beiden Söhne Wolfgang und Martin überlebten die Tortur des Konzentrationslagers.

Sarah Berghammer und die leider nicht anwesende Judith Fröhlich haben die Geschichte dieser drei Menschen in zwei Gedächtnisblättern festgehalten. Ein besonderer Dank der Verfasserinnen ging an Familie Meier: „Wir sind froh, dass sie uns das Vertrauen geschenkt haben, an dieser bewegenden Geschichte teilhaben zu können.“

Gedächtnisblatt Wolfgang Meier (geb. 1878)

Gedächtnisblatt Wolfgang und Martin Meier

 Abraham Müller: Lehrer und Kantor in München

Clara Farias Rocha, stellvertretend für Lisa Mainz

Im Grafinger W-Seminar widmete sich Lisa Mainz der Lebensgeschichte von Abraham Müller, der von 1914 bis 1938 als Kantor und Lehrer der Israelitischen Kultusgemeinde in München wirkte. Die Präsentation und die Übermittlung eines persönlichen Statements der Autorin übernahm Clara Farias Rocha. Im November 1938 wurde Müller in das KZ Dachau gebracht, einen knappen Monat später starb er im Konzentrationslager.

Lisa Mainz berichtete über die Arbeit am Gedächtnisblatt: „Bei der Recherche hat mich vor allem die Nähe zum ganzen Thema beschäftigt. Ich habe unter anderem im Archiv der KZ-Gedenkstätte Dachau recherchiert und konnte von dort aus direkt auf den Appellplatz schauen, das hat mich sehr aufgewühlt.“ Über ihre Gefühle erzählte die Gedächtnisbuch-Autorin: „An dem Ort zu sein, an dem so viele Menschen leiden und sterben mussten, hat mich sehr stark beschäftigt und bewegt.“

Gedächtnisblatt Abraham Müller

Geschichtliches Wissen wurde erlebbar

Zoriana Shainiuk, stellvertretend für Lola Spiegl

Verfasserin Lola Spiegl vom Max-Mannheimer-Gymnasium in Grafing schätzt besonders die Veranschaulichung von trockenen Fakten, die sie durch die Teilnahme am Gedächtnisbuch W-Seminar erlebt hat: „Geschichtliches Schulwissen wurde nun intensiv, detailreich und visuell für mich erlebbar. Dadurch habe ich ganz neue Erkenntnisse mitgenommen.“

Ihre Recherchen konnte sie nicht selbst vorstellen, ASF-Freiwillige Zoriana Shainiuk sprang ein. Gerson Feinberg hatte als jüdischer Religionslehrer und Rabbiner in den Gemeinden Regensburg, Weiden, Hof und Kitzingen, als Seminarlehrer in Würzburg, schließlich Heilbronn, Groß-Strehlitz und Schönlanke gearbeitet. Er wurde 1942 im Ghetto Riga ermordet.

Durch die Fülle seiner Arbeits- und Aufenthaltsorte ergaben sich auch eine Fülle an Recherchemöglichkeiten.„Mir fiel es tatsächlich nicht leicht, nach einem Jahr Recherche zum Ende der Arbeit zu kommen, wohlwissend dass sicherlich noch weitere Hinweise auf das Leben Gerson Feinbergs irgendwo tief in den Archiven schlummern.“, teilte die Autorin Lola Spiegl in ihrem von Zodiana Shainiuk vorgelesenen Erfahrungsbericht mit.

Christoph Triebfürst über Alice Behr

Christoph Triebfürst stellt die Biographie von Alice Beer vor

Christoph Triebfürst, Lehrer am Dachauer Josef-Effner-Gymnasium, präsentierte stellvertretend für die Verfasserin Nele Behrens die Biographie der Lehrerin Alice Beer. Die aus Mannheim stammende Jüdin wurde 1933 aus dem badischen Schuldienst entlassen und arbeitete bis zu ihrer Emigration 1938 zunächst im Kinderheim der Israelitischen Jugendhilfe in München und schließlich an der jüdischen Schule Mannheim. In den USA konnte sie ihren Beruf als Lehrerin nicht mehr ausüben, sie arbeitete als Kindermädchen und Hotelangestellte, schließlich in einem Kinderheim. Alice Behr schrieb Artikel und Kurzgeschichten.

Langjährige Zusammenarbeit zwischen BLLV und Gedächtnisbuch

Dieter Reithmeier, Landesgeschäftsführer des BLLV

Mit den Lebensläufen von Alice Beer und Gerson Feinbergs umfasste die Präsentation auch Biographien, die ausschließlich dem Projekt Erinnern des BLLV zuzuordnen sind, einem engen Partnerprojekt des Gedächtnisbuchs. Das Projekt Erinnern hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Lebensläufe jüdischer und verfolgter bayerischer Lehrerinnen und Lehrer in Erinnerung zu rufen. Dieter Reithmeier, Landesgeschäftsführer des BLLV, erläuterte die langjährige Zusammenarbeit. Er bedankte sich bei den als Autorinnen und Autoren für deren Bereitschaft, sich über ein bis zwei Jahre mit der Biographie eines verfolgten Menschen intensiv auseinanderzusetzen.

Karl Otto Watzinger: Als Jurist im Unrechtsstaat

Benedikt Leonhard

Der Jurist Karl Otto Watzinger brach 1937 seinen Vorbereitungsdienst ab, weil er „in einem Unrechtsstaat kein Recht sprechen“ konnte. Benedikt Leonhard stellte dessen Lebensgeschichte vor, die er im Rahmen des W-Seminars in Grafing recherchiert und in einem Gedächtnisblatt festgehalten hat. Karl Otto Watzingers Sohn Jörg Watzinger konnte leider nicht zur Veranstaltung kommen, schickte aber ein Grußwort.

Gedächtnisblatt Karl Otto Watzinger

Friedl Volgger: „Ein bemerkenswerter, mutiger und völlig unerschrockener Mensch“

Larissa Heindl

Larissa Heindl hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die Biographie von Friedl Volgger in einem Gedächtnisblatt nachzuvollziehen. Volgger war ein Südtiroler Antifaschischt, Journalist und Politiker. Larissa Heindl berichtete über ihre Erfahrungen während der Arbeit am Gedächtnisblatt:„Ich  fand die Recherchezeit sehr spannend, weil ich einen tiefen Einblick in das Leben eines bemerkenswerten, mutigen und völlig unerschrockenen Menschen erhielt.“ Auch sei die Reise nach Südtirol „eine tolle und einprägsame Lebenserfahrung“ gewesen, da für die Autorin das Leben von Friedl Volgger in Bozen sehr viel anschaulicher geworden sei. Larissa Heindl bedankte sich besonders bei Friedl Volggers Tochter Burgi Vollger für deren tatkräftige Unterstützung.

Gedächtnisblatt Friedl Volgger

Die graue Wand unausgesprochener Erfahrungen

Burgi Volgger

Als graue Wand empfand Burgi Volgger, die nach dem Krieg geborene Tochter des Dachau-Häftlings Friedl Volgger, die unausgesprochenen Erfahrungen ihres Vaters im KZ-Dachau. Burgi Volgger schilderte die Gespräche und Zusammenkünfte mit der Biographin Larissa Heindl: „Larissa Heindl hat mein Herz bewegt“, so die Tochter Friedl Volggers.

Veränderungen im Trägerkreis

V.r.n.l.: Ludwig Schmidinger, Frank Schleicher, Klaus Schultz

Annerose Stanglmayr, Trägerkreisvertreterin für das Dachauer Forum, eröffnete die Veranstaltung und wies auf die Veränderungen im Trägerkreis während der letzten zwei Jahre hin. Klaus Schultz und Ludwig Schmidinger haben sich in den Ruhestand verabschiedet, ihren Platz im Trägerkreis haben nun Frank Schleicher für die Evangelische Versöhnungskirche und Judith Einsiedel als katholische Seelsorgerin an der Gedenkstätte Dachau übernommen. Judith Einsiedel sprach das Schlusswort.

Schlusswort von Judith Einsiedel

 

(1.11.2021; IS)

Gedenkstätten-Exkursion nach Kaufering

Die diesjährige Gedenkstätten-Exkursion führte zu Gedenkorten des größten Dachauer Außenlagerkomplexes Kaufering. Viele Gedächtnisbuchbiographien beziehen sich auf diese erst in den letzten Kriegsmonaten errichteten Lager.

Bauten des Lagers Kaufering VII

Nur noch wenig zeugt von den Konzentrationslagern in der Nähe der Stadt Landsberg. Das täuscht, denn die Nazis bauten hier ab Juni 1944 elf Lager, in die mindestens 23000 Häftlinge deportiert wurden. Vorwiegend jüdische Häftlinge sollten in mörderischer Zwangsarbeit bombensichere Bunker für die Rüstungsproduktion erstellen. Mehr als 6400 Häftlinge starben in diesen Lagern.

Der erste Anlaufpunkt der Exkursion führte in das Lager Kaufering VII. In Erdhütten und Tonröhrenbauten sperrte man hier die Gefangenen. Ab Januar 1945 fungierte dieses Lager als Kranken- und Todeslager. Aufgrund der erhaltenen Bauten hofft Manfred Deiler, der Präsident der Europäischen Holocaustgedenkstätte Stiftung e.V., auf die Entstehung einer würdigen Gedenkstätte in den nächsten Jahren.

Kiesgrube an der Stelle des Lagers Kaufering IV

An einer in Privatbesitz befindlichen Kiesgrube standen die Exkursionsteilnehmer am zweiten Punkt der Studienfahrt. Hier in der Nähe von Hurlach befand sich das Außenlager Kaufering IV, ebenfalls ein Kranken- und Todeslager. Die amerikanischen Befreier schätzten die Anzahl der Toten für diesen Ort auf 3000.

Möglicherweise bald eine Informationstafel

Seit den 90er Jahren wird direkt am Ort des Lagers Kies abgebaut. Das Gerippe eines Hinweisschilds am Weg macht Hoffnung, dass bald einige Erläuterungen die Geschehnisse beschreiben werden.

Der direkt neben der Kiesgrube befindliche KZ-Friedhof beherbergt 360 Tote, die amerikanische Soldaten 1945 auf dem Gelände des Lagers vorfanden. In Erinnerung bleibt die verwahrloste lieblose Bepflanzung und eine nicht mehr ganz funktionierende Eingangstür.

Veranstaltet wurde die Exkursion zum Kauferinger Außenlagerkomplex von den Trägern des Gedächtnisbuchs Dachauer Forum, Evangelische Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte, Katholische Seelsorge an der KZ-Gedenkstätte Dachau sowie der KZ-Gedenkstätte Dachau.

(16.10.21; IS)

Präsentation am 25.10.21: Organisatorisches

Am 25. Oktober präsentieren Autorinnen und Autoren des Gedächtnisbuchs neue Biographien im Theatersaal des ASV Dachau. Im Foyer vor dem Theatersaal kann die Ausstellung Georg Scherer – Ein Dachauer Leben besichtigt werden.  Angesichts der Corona-Situation gilt es, einige organisatorische Dinge zu beachten.

Foto aus einem der präsentierten Gedächtnisblätter

Hier das Wichtigste in Kürze:

Die Präsentation findet nicht am selben Ort wie in den letzten Jahren statt, sondern im Theatersaal des ASV Dachau, Gröbenrieder Str. 21.

Die Veranstalter bitten um Anmeldung unter
Dachauer Forum, Namen statt Nummern

oder unter Telefon 08131
99688-0, um Registrierung vor Ort, um einen 3G-Nachweis und darum, mit Maske zu kommen.

Es gilt die 3G-Regel statt (geimpft, genesen oder getestet). Die Maske kann am Platz abgenommen werden, wenn der Abstand von 1,50 gewahrt bleibt. Mitglieder eines Haushalts dürfen nebeneinander sitzen.

Masken und GGG-Nachweise müssen mitgebracht werden, und werden kontrolliert; es kann vor Ort nicht getestet werden!

Einladung und Programm finden Sie in unserem Veranstaltungskalender:
https://www.gedaechtnisbuch.org/praesentation-neuer-gedaechtnisblaetter/

 

„Wie eine Tochter“ – Zum Gedenken an Ernst Sillem

Auf einer niederländischen Gedenkfeier für den 2020 verstorbenen Ernst Sillem hielt Jos Sinnema, der Koordinator des niederländischen Gedächtnisbuchs, eine Gedenkrede. Wir dokumentieren den Teil, der das Gedächtnisbuch betrifft.

Ernst Sillem und Sydney Weith 2017 in Südfrankreich

Jos Sinnema zeigte bei der Gedenkfeier ein Foto von der Jahrespräsentation des Gedächtnisbuchs am 22. März 2014 in Dachau und erläuterte dazu:

„Zum Abschluss noch etwas anderes. Das Foto rechts wurde 2014 bei der Präsentation von Ernsts Biografie für das Gedächtnisbuch in der Versöhnungskirche in der Gedenkstätte Dachau aufgenommen. Sydney Weith und Tess Meerding haben diese Biografie geschrieben. Zu dieser Zeit absolvierten sie das Het Baarnsche Lyzeum. Genau wie Ernst, fast 75 Jahre vor ihnen.

Sydney hielt auch später den Kontakt mit Ernst. Sie ließ sich von seiner Lebensfreude, seinem Optimismus und seiner Unverwüstlichkeit anstecken. Trotz der Entfernung entwickelte sich zwischen ihnen eine besondere Freundschaft. Sydney reiste nach Frankreich, um Ernst zu besuchen. Und sie schrieben sich Briefe. Ernsts Handschrift war manchmal schwer zu lesen, aber jeder Brief erzeugte bei ihr ein warmes Gefühl und ein Lächeln. „Dein Ernst“, unterschrieb er jeden Brief.

Dieses Biografieprojekt war die Grundlage für eine Ausstellung über Dachau im Verzetsmuseum Amsterdam. Sonja Holtz, Vorstandsmitglied des niederländischen Dachau-Komitees, sorgte mit dafür, dass die Ausstellung anschließend auch in der Gedenkstätte Dachau gezeigt wurde. Sydney sprach bei der Eröffnung und brachte zum Ausdruck, was sie an Ernst bewunderte und was seine Freundschaft für sie bedeutete. Ernst saß in der ersten Reihe und strahlte, während ihm die Tränen über die Wangen liefen. Letzteres geschah sehr selten, so hat mir seine Schwester Agnes gesagt. Sydney hatte bei Ernst einen Stein im Brett. Und dass sie ihre Zuneigung so deutlich aussprach, verstärkte das noch. „Sie ist wirklich wie eine Tochter für mich geworden“, sagte er zu Agnes. „Die Tochter, die ich immer vermisst habe.“

Was für ein kostbares Geschenk sich die beiden doch gemacht haben!“

Im Verzeichnis der Gedächtnisblätter auf dieser Website kann sowohl das Gedächtnisblatt als auch die vollständige Gedenkrede für Ernst Sillem nachgelesen werden:
Ernst Sillem

(10.10.2021; IS)