Neue Gesichter im Trägerkreis

Zum ersten Mal in neuer Besetzung tagte der Trägerkreis des Gedächtnisbuchs am 24. September 2019.

 

Von links: Sabine Gerhardus, Felicitas Raith, Klaus Schultz, Guido Hassel, Ludwig Gasteiger, Eva Strauß. Nicht im Bild: Annerose Stanglmayr

Neu hinzugekommen sind in den letzten Monaten die Lagergemeinschaft Dachau und der Kreisjugendring Dachau, vertreten durch Guido Hassel und Ludwig Gasteiger. Für das Max Mannheimer Studienzentrum  übernahm Felicitas Raith die Vertretung im Trägerkreis von ihrer Vorgängerin.

Weitere Infos zum Trägerkreis des Gedächtnisbuchs gibt es unter

https://www.gedaechtnisbuch.org/wir-ueber-uns/traegerkreis/

(30.9.19; Foto: Annerose Stanglmayr; IS)

Zum Nachhören: Gute Mythen – schlechte Mythen

Bei der Auftaktveranstaltung des Dachauer Forums sprach der Antisemitismusbeauftragte des Landes Baden-Württemberg Michael Blume darüber, warum der Antisemitismus uns alle bedroht.

Den Vortrag vom 10. September 2019  gibt es jetzt auf der Website des Dachauer Forums als Audiomitschnitt zum Nachhören:

https://www.dachauer-forum.de/aktuelles.html

(Bitte nach unten bis zur Veranstaltung scrollen.)

(25.9.2019; Foto: Dachauer Forum)

Polnische Häftlinge: Ausstellungseröffnung und Konzert in Versöhnungskirche

Ausstellungsbanner des Gedächtnisbuchs zu polnischen Dachau-Häftlingen sind zur Zeit und noch bis Ende Oktober in der Versöhnungskirche auf der KZ-Gedenkstätte zu sehen. Ein Gedenkkonzert eröffnete die Ausstellung am 15. September 2019.

Pfarrer Björn Mensing schreibt dazu: „Für uns war es eine der wichtigsten Veranstaltungen in der Versöhnungskirche in den letzten Jahren, ein bewegendes Zeichen der Versöhnung, besonders durch die Anwesenheit so vieler polnischer Gäste, einschließlich der Angehörigen von drei Dachau-Häftlingen – und durch die einfühlsame und virtuose musikalische Gestaltung von Adam Bałdych aus Warschau. Wie gut, dass durch die Einbeziehung von Innenhof und Gesprächsraum und die professionelle Tonübertragung alle 215 Gäste einen guten Sitzplatz finden konnten.“

Medienveröffentlichungen zu dieser Veranstaltung

Im Münchner Merkur/Dachauer Nachrichten ist folgender Bericht erschienen:

https://www.merkur.de/lokales/dachau/dachau-gedenkkonzert-in-versoehnungskirche-13013641.html

Am 18. September 2019 bringt Radio LORA im Magazin zwischen 18 und 19 Uhr einen Beitrag zum Gedenkkonzert, der auch noch einige Tage nachgehört werden kann:

https://lora924.de/

Noch im September 2019 erscheint ein Beitrag auf:

www.bayern-evangelisch.de

(18.9.2019; Foto: Dariusz Piasecki)

Carla Warners-Gastkemper ist gestorben

Am 25. August 2019 ist in Amsterdam die 94-jährige ehemalige Widerstandskämpferin Carla Warners-Gastkemper gestorben. Genau an dem Wochenende, an dem die 17-jährige Anouk van Zandbergen zur Vorbereitung auf ein Interview mit Carla die Gedenkstätte Ravensbrück besuchte. Das Interview mit ihr für das Gedächtnisbuch sollte kurz danach stattfinden. Anouk berichtet.

Ravensbrück: Zur Erinnerung an die Deportierten aus den Niederlanden

Als Carla 1944 wegen Spionage verhaftet wurde, war sie nur wenig älter als ich heute: 19. Im Rahmen meiner Recherchearbeit habe ich schon das ehemalige SD-Gefängnis Haaren und die Gedenkstätte Vught besucht, wohin Carla nach ihrer Verhaftung als erstes verschleppt wurde. Am 24. August fuhr ich dann noch nach Ravensbrück. Hier wurde Carla von Vught aus hingebracht, bevor sie letztendlich ins Agfa Kamerawerk, ein Auβenlager des KZ Dachau in München, kam. 

Carla wurde am 9. September 1944 in Ravensbrück eingeschrieben. Der größte Teil des ehemaligen Lagers existiert nicht mehr, doch gibt es noch einige Fabrikhallen, in denen die Häftlinge Zwangsarbeit leisten mussten. Ich fragte mich, welche Arbeit Carla machen musste, als sie in Ravensbrück war. Auch fragte ich mich, wie die Beziehung der Frauen in diesem Lager war. Hat Carla sich von ihnen unterstützt gefühlt, vielleicht von jemanden besonders?

Der Besuch war eindrucksvoll, vor allem weil es viele Kontraste gab, die ich schwer fassen konnte. Das Lager liegt an einem wunderschönen See, der – wenn man nicht weiß, dass er an ein ehemaliges Konzentrationslager grenzt – zu einem Sprung einlädt. Vom Lager aus konnte man sogar den Kirchturm von Fürstenberg sehen. Während in diesem Dorf damals das „normale Leben“ weiter ging, waren nur ein paar Kilometer weiter Hunderte von Frauen eingesperrt. Die friedliche Umgebung stimmte überhaupt nicht überein mit den Gräueln im Lager.

Nach den Besuch im ehemaligen KZ fuhren wir zum Bahnhof von Fürstenberg. Als Carla hier vor 75 Jahren mit dem Zug ankam, musste sie von hier aus zu Fuß zum Lager gehen. Dieselbe Strecke gingen wir auch. Die Straße lief quer durchs Dorf, durch mehrere Wohnviertel. Was waren Carlas Gedanken, als sie diesen Weg gegangen ist?

Gleich nach meinem Besuch in Ravensbrück bekam ich die Nachricht, dass Carla gestorben ist. Ich hatte von Anfang an damit gerechnet, dass dies passieren konnte, sie war ja in hohem Alter, dennoch kam es trotzdem völlig unerwartet. Meine Fragen an sie – wie hier oben erwähnt – kann ich ihr jetzt nicht mehr stellen. Von ihren Gedanken und Gefühlen kann sie mir nicht mehr erzählen. Ich habe mich von Anfang an mit ganzem Herzen für das Gedächtnisblatt über Carla eingesetzt und wenn dann die Person, um die es geht, wegfällt, ist dies schwierig. Doch hoffe ich von Carlas Verwandten mehr über sie erfahren zu können, um auf dieser Grundlage doch noch ein schönes Gedächtnisblatt über sie erstellen zu können. Denn dies verdient sie.

(17.9.19; Foto: Jos Sinnema, Text: Anouk van Zandbergen)

Herzlich willkommen im Team, Kristina und Paul!

Kristina Eremina und Paul Canneva haben mit ihrem Freiwilligendienst für Aktion Sühnezeichen Friedensdienste in Dachau begonnen. Zwei Tage in der Woche unterstützen sie in den nächsten 12 Monaten das Gedächtnisbuchprojekt. Herzlich willkommen!

Kristina Eremina kommt aus Wolgograd und hat dort Deutsch und Englisch studiert. Als Freiwillige war sie für die Stadt Wolgograd als Übersetzerin tätig. Die Wurzeln ihrer Familie führen auch nach Deutschland, denn ihre Urgroßmutter hat in Wernigerode gelebt. Sie erinnert sich daran, diese Urgroßmutter als 8jährige besucht zu haben vor allem die deutsche Landschaft empfand sie als sehr idyllisch. Die junge Russin möchte ihre Sprachkenntnisse vertiefen und interessiert sich sehr für deutsche Kultur und auch Geschichte. Zu ihren besonderen Wünschen gehört, eine Zeitlang in Bayern zu leben.

Paul Canneva hat in Angers drei Jahre lang Geschichte und Philosophie studiert und mit einem Abschluss beendet, der dem deutschen Bachelor vergleichbar ist. Er hofft, dass er auch in Dachau wie schon in Frankreich in Archiven forschen kann. Interesse für Geschichte, Kultur und die Sprache das sind die drei Schwerpunkte, die ihn nach Dachau führen. In Deutschland war er bisher noch nie.

Wir wünschen Kristina und Paul eine schöne und interessante Zeit in Dachau!

(13.9.2019; IS)

 

 

Interview mit Anastasiia Lapteva: „Man muss selbst aktiv werden!“

Anastasiia Lapteva erzählt im Interview von ihren Erfahrungen während ihres Freiwilligenjahrs 2019/2020 für Aktion Sühnezeichen Friedensdienste in Dachau.

Was unterscheidet den Alltag in Russland von dem in Deutschland? War es schwierig für dich?

Ich war vorher schon dreimal in Deutschland, das war jetzt das vierte Mal. Ich habe also so ungefähr gewusst, wie der Alltag funktioniert. Das war auch der Grund, warum ich mich für ein Freiwilligenjahr in Deutschland entschieden habe.

Was waren die drei wichtigsten Dinge, die in diesem Freiwilligenjahr passiert sind?

Natürlich, dass ich einen Rundgang auf der Gedenkstätte in Deutsch durchgeführt habe. Am Anfang dachte ich, ich kann das nicht, aber dann, nach dem Ausbildungskurs und der Hilfe durch Klaus Schultz und die Versöhnungskirche, dachte ich, ich muss das machen, ich schaffe das. Als erstes habe ich einen Rundgang auf Russisch gemacht für meine Eltern, danach war es auch auf Deutsch leichter.

Als zweites war für mich sehr wichtig, eine Biographie für das Gedächtnisbuch fertigzumachen. Es war nicht mein eigenes Thema, sondern es war eine Biographie, die eine Schülerin begonnen hatte. Danach habe ich mich entschieden, ein ganz eigenes Gedächtnisblatt zu schreiben. Es hat mich inspiriert und daran arbeite ich jetzt noch. Ich möchte über einen sowjetischen Häftling schreiben. Die erste Biographie war über einen jüdischen Lehrer aus Deutschland, aber jetzt schreibe ich über einen sowjetischen Häftling, denn das ist mein Land.

Und noch eine wichtige Sache: Ich helfe einer Schülerin, eine Biographie zu schreiben. Sie schreibt auch über einen sowjetischen Häftling und im Mai hatten wir einen Termin mit ihm. Es war wirklich großartig, mit ihm zu sprechen.

Was denkst du, wird dir in Erinnerung bleiben? An was wirst du dich in zehn Jahren noch erinnern?

Vielleicht dieses Gefühl, als ich meinen ersten Rundgang gemacht habe. Ein bisschen Angst, ein bisschen war ich nervös, aber ich war inspiriert. Und am Ende dieses Rundgangs wollte ich unbedingt noch einen weiteren Rundgang machen, denn die Schüler waren sehr interessiert und haben mich ermutigt.

Was empfiehlst du den neuen Freiwilligen?

Ich glaube, man muss selbst Interesse zeigen, selbst aktiv werden, dann läuft das schon.

(8.9.2019; Interview: IS)

 

 

 

Maeva Keller: Jetzt sehe ich mehr die menschlichen Themen in der Gedenkstättenarbeit

Maeva Keller unterstützte das Gedächtnisbuch im letzten Jahr als Freiwillige von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste. Im Interview erzählt sie von ihren Erfahrungen und davon, wie sich ihr Zugang zur Gedenkstättenpädagogik verändert hat.

Was unterscheidet das Leben in Dachau von dem in anderen Städten?

Erstmal die Leute, natürlich. Dann zum Beispiel die Lebensmittel und vieles, was damit zusammenhängt. Ich komme ja aus dem Elsass und wenn ich hier zum Beispiel zum Edeka gehe, dann das ist vergleichsweise billig. Und es gibt mehr Ökologiethemen. Z.B. der Müll. Aber insgesamt ist das Leben nicht sehr anders als das Leben im Elsass.

Wenn ich mich richtig erinnere, dann hast du einmal erwähnt, es sei nicht so einfach, sich die ganze Zeit mit der KZ-Problematik zu beschäftigen?

Ja, am Anfang fand ich es sehr schwierig. Aber jetzt sehe ich mehr die Menschlichkeit, die menschlichen Themen, hinter der Arbeit in der Gedenkstätte, also der Erinnerungsarbeit, der Gedenkstättenpädagogik, der Arbeit mit Schülern, in den Veranstaltungen und Führungen. Ich habe viel gelernt über Erinnerungskultur, über die deutsche Perspektive. Ich kannte ja nur die französische Erinnerungskultur.

Wo ist der Unterschied zwischen der deutschen und der französischen Erinnerungskultur?

Es ist sehr schwierig bei uns, das nationale Narrativ, den „roman national“ wie wir sagen, bei diesem Thema zu verhindern. Meine Generation und die Generation meiner Eltern, diese Generationen haben sich mehr für die Wahrheit interessiert. So haben wir in der Schule immer gefragt: „Das kann aber doch nicht stimmen, dass alle im Widerstand waren. Wir waren doch ein besetzter Staat.“ Denn wir hatten auch etwas von der Kollaboration gehört. Es ist schwierig, beides in ein Geschichtsbild zu integrieren, die Kollaboration und den Widerstand.

Was waren denn die drei wichtigsten Dinge für dich in deinem Freiwilligenjahr?

Als erstes unsere Reise nach Polen. Wir waren mit ASF in Oświęcim, Auschwitz. Ich habe viele Emotionen gespürt, wir haben an zwei Tagen insgesamt zwölf Stunden Ausschwitz I und II besucht. Es gab viele Fakten, viele Informationen, aber auch viele Emotionen, es war schwierig. Es ist nicht einfach mit der polnischen Erinnerungskultur, es ist ein bisschen so wie in Frankreich – wir sagen ja auch nicht, dass wir kollaboriert haben. Das war eine sehr emotionale Erfahrung für mich.

Der zweite wichtige Punkt war, mein Gedächtnisblatt vorzustellen. Das war meine erste öffentliche Präsentation vor mehr als 100 Leuten. Ich glaube, ich habe viel gelernt über mich, ich habe gelernt, mich zu präsentieren. Mit der Sprache ist es nicht einfach, aber ich musste meine Schüchternheit überwinden und viel mit den Leuten sprechen, um Deutsch zu lernen.

Drittens war ein wichtiger Punkt meine erste englische Führung in der Gedenkstätte. Es war interessant, meine Informationen, aber auch meine Erfahrungen und Emotionen mit den Schülern zu teilen. Es war eine griechische Gruppe. Es gibt viel zu sagen über die Nazis, aber auch über die Häftlinge. Ich finde das toll, dass sich so viele Leute die Zeit nehmen, in die Gedenkstätte zu kommen, die meisten sind im Urlaub, und dass sie sich im Urlaub die Zeit nehmen für diese Thematik. In der Versöhnungskirche schreiben viele kurze Texte darüber und zünden Kerzen an, ich merke, dass sie ähnliche Emotionen, ähnliche Gefühle, haben wie ich.

Wie hast du den Grafinger Schülern bei ihren Gedächtnisblättern helfen können?

Es war nicht so ganz einfach, die betreffenden Schüler können nicht so sehr gut Französisch, aber es ging. Für 16jährige ist diese Recherchearbeit zu ehemaligen Häftlingen kompliziert und eine Herausforderung, es ist nicht leicht, es ist auch nicht leicht für mich und ich bin geübt.

Spannend finde ich, dass das Thema Erinnerungskulturen für dich so zentral ist.

Ja, ich würde gerne in diesem Bereich arbeiten. Ich hoffe, dass ich einen Platz finde, denn in Frankreich haben wir weniger Gedenkstätten.

Ich würde gerne ein ähnliches Projekt wie das Gedächtnisblatt in Frankreich starten und mit Schülern diese Art von Erinnerungs- und Recherchearbeit durchführen. Ich denke, das ist ein guter Weg zur Geschichte. Denn der Unterricht allein kann ganz schön langweilig sein, einfach nur Information, Information ohne Beziehung zur Frage der Menschlichkeit, des menschlichen Verhaltens. Die Schule ist ok, wir müssen ja Informationen bekommen, aber das Verhalten der einfachen Menschen ist interessanter als immer nur von den ganz großen, von Napoleon und Charles de Gaulle zum Beispiel zu sprechen. So fand ich zum Beispiel Dachau und Georg Scherer interessant. Da hat ein Mensch so viel für die Stadt gemacht und bei den heutigen Dachauern ist das gar nicht wirklich bekannt.

Hast du denn einen Ratschlag, einen Tipp, für die neuen Freiwilligen?

Ich kann ihnen jetzt schon sagen: „Du wirst am Anfang Kopfschmerzen haben mit Deutsch, aber verlier nicht den Mut, das wird schon besser.“ Die beiden neuen sind auch eine Französin und eine Russin, haben also dieselbe Nationalität, das ist gut für uns, wir können in unserer Sprache mit den beiden kommunizieren. Es wird am Anfang schwierig sein für die Neuen, aber das wird sich schnell bessern. Ich denke, sie werden Spaß haben.

Wirst du wieder nach Dachau kommen?

Ja, ich denke schon, vielleicht zur Jahrespräsentation am 22. März nächstes Jahr. Jetzt muss ich erst einmal meinen Master fertig machen, in Straßburg, mit dem Schwerpunkt immaterielle Erinnerungskultur. Ich hoffe, das wird gut werden. Straßburg ist meine Lieblingsstadt und nicht weit weg von der Grenze, so komme ich schnell über die Grenze und kann zum Beispiel meine Einkäufe auf Deutsch machen, damit ich nicht alles vergesse. Ich hoffe, ich kann meine neuen Deutschkenntnisse bewahren.

(3.9.2019; Interview: Irene Stuiber)

 

 

 

 

ASF-Frewillige: Dank an Anastasiia und Maeva

Mit einem Abschiedsgottesdienst in der Versöhnungskirche am 25. August 2019 ging das Aktion Sühnezeichen Friedenszeichen-Freiwilligenjahr für Maeva Keller und Anastasiia Lapteva in Dachau zu Ende. Da Sabine Gerhardus nicht anwesend sein konnte, gibt es ihren Dankestext dieses Jahr auch schriftlich.

Sabine Gerhardus bei einer Veranstaltung im letzten Jahr

Anastasiia und Maeva waren seit September 2018 zwei Tage die Woche beim Projekt Gedächtnisbuch im Einsatz. Es war ein schönes Projektjahr, für das ich mich bei Euch bedanken möchte.

Ihr habt Euch von Anfang an vor allem für das Erinnern an die Lebensgeschichten ehemaliger KZ-Häftlinge eingesetzt. Maeva, die schon Geschichte studiert hatte, wusste von Anfang an, dass sie am liebsten ein eigenes Recherche-Projekt angehen würde und hat sich rasch auf die Suche nach einem französischen Häftling gemacht, dessen Geschichte sie rekonstruieren wollte. Leider konnte sie ihre erste Idee, über einen Bekannten ihrer Familie zu schreiben, nicht verwirklichen, und so hat sie sich für Charles Delestraint entschieden, einen General der französischen Armee und Kommandant einer Widerstandsgruppe der Armee, der 10 Tage vor dem Eintreffen der Amerikaner am 19.4.1945 von der SS im KZ Dachau ermordet wurde.

Bei der Vorstellung seiner Biographie am 22. März in der Kirche des Karmel sagte Maeva: „Alle Franzosen kennen General de Gaulle und was er für die Freiheit Frankreichs geleistet hat. Aber ich habe nie über einen General Delestraint gehört. Das war der Grund für mich, ein Gedächtnisblatt über ihn zu machen.“ Bei der Suche nach möglichen Namen für ihre Recherche hat Maeva noch weitere Namen gefunden, einer davon ist Leon Boutbien, ein französischer Sozialist, Militärarzt und Nacht- und Nebel-Häftling in Natzweiler und Dachau. Seine Biographie wird derzeit, dank Maevas Vorrecherche und Unterstützung, von einer Schülerin des Gymnasiums Grafing erforscht.

Anastasiia hat sich ebenfalls besonders in der Biographie-Arbeit engagiert. Dabei hat sie anfangs noch gezögert, ein eigenes Recherche-Projekt zu übernehmen. Vielleicht hat sie sich diese Aufgabe nicht ganz zugetraut. Sie übernahm es dann, die Lebensgeschichte des jüdischen Lehrers Emanuel Strauß aus Weiden fertigzustellen, dessen Gedächtnisblatt von einer Schülerin nicht abgeschlossen werden konnte. Anastasiia arbeitete sich so gründlich in die umfangreichen Recherchen der Schülerin ein, dass sie das Gedächtnisblatt nicht nur ergänzen und fertigstellen konnte, sondern auch noch zu dem Schluss kam: Jetzt will ich ein eigenes Gedächtnisblatt machen, am liebsten über einen sowjetischen Häftling.“

Seit April hat sie nun mit großem Engagement an der Biographie von Nikolai Adamtschik gearbeitet, der als junger Mann von der Krim nach Deutschland verschleppt worden war. Erst im August hat sie von Nikolai Adamtschiks Tochter Fotos erhalten, die sie für das Gedächtnisblatt nutzen möchte. Ich freue mich sehr, dass Nikolai Adamtschik, den ich selbst noch in guter Erinnerung habe, dank Anastassia nun ein Gedächtnisblatt bekommt. Am 22. März 2020 wird sie wieder nach Dachau kommen und seine Geschichte der Öffentlichkeit vorstellen.

Besonders erwähnen möchte ich auch, dass mich die beiden bei der Betreuung von drei Schülerinnen des Gymnasiums Grafing kräftig unterstützt haben. Die drei Schülerinnen arbeiten an Biographien von einem französischen und zwei sowjetischen Häftlingen. Maeva und Anastasiia haben die Schülerinnen bei der Archivrecherche und beim Kontakt mit Überlebenden und Angehörigen unterstützt. Maeva war mit der Schülerin sogar in Paris im Archiv, Anastasiia hat – neben ihrer eigenen Recherche – ein Skypeinterview der Schülerin mit Peter Perel begleitet und übersetzt.

Zuletzt haben die beiden kurz vor der Internationalen Jugendbegegnung sogar noch die Chance genutzt, sich als Peerguides für die Geschichte des Dachauers Georg Scherer ausbilden zu lassen, und Jugendliche aus der Internationalen Jugendbegegnung durch die Ausstellung „Georg Scherer – Ein Dachauer Leben“ geführt.

Besonders hat es mich gefreut, zu sehen, dass den Freiwilligen die Arbeit Spaß macht. Anastasiia und Maeva haben Eigeninitiative gezeigt, Verantwortung übernommen und sich nicht gescheut, wenn Not an der Frau war, auch mal an ihrem freien Tag mit anzupacken.

Liebe Anastasiia, liebe Maeva, wie gesagt, es hat mir viel Freude gemacht, mit Euch zusammenzuarbeiten. Ihr wart mir eine große Unterstützung und ich danke Euch von Herzen für Eure Hilfsbereitschaft, Eure Freundlichkeit, Eure Lustigkeit und Ernsthaftigkeit und Euer Engagement. Ich wünsche Euch alles Gute für Eure Zukunft.

(26.8.2019; Text: Sabine Gerhardus/IS)

 

 

Erfahrungsbericht von Kiky Heinsius auf Deutsch veröffentlicht

Der eindrückliche Bericht von Kiky Gerritsen-Heinsius lässt sich nun in deutscher Übersetzung im Buch „Kamera“ des icon-Verlags nachlesen. Die Niederländerin wurde wegen ihrer Widerstandstätigkeit in Vught, Ravensbrück und im Dachauer Außenlager Agfa-Kamerawerk in München gefangengehalten. Ihre Geschichte hat die Schülerin Anna Krombacher 2012 in einem Gedächtnisblatt festgehalten.

Ausschnitt aus dem Buchcover, Icon-Verlag

Jan van Ommen, dessen Mutter einen ähnlichen Leidensweg erleben musste wie Kiky Heinsius, schreibt dazu:

„Teile der Geschichte von Kiky Heinsius wurden in den Niederlanden bereits 1985 veröffentlicht. Eine Kopie der gesamte unveröffentlichte Geschichte von Kiky Heinsius erhielt ich 2005 von Kikys Witwer, Piet Gerritsen. Die Geschichte enthält den kompletten Haftweg der Frauen die, wie meine Mutter, im September 1944 vom Lager Herzogenbusch (Vught, südliche Niederlande) nach Ravensbrück und etwa 6 Wochen später nach München gebracht wurden. Die Geschichte ist einfühlsam geschrieben, ihre Reflektionen über u.a. verordneten Hass sind einmalig. Im Laufe der Jahren hat sich die Verlässlichkeit der Geschichte erwiesen. Als sich Anna Krombacher im Rahmen des Projekts „Namen statt Nummern“ mit der Geschichte befasste, kamen Einzelheiten zutage über den Umfang und die Konsequenzen der von Kiky Heinsius geleisteten Judenhilfe.“

Die Erinnerungen von Kiky Heinsius standen im Mittelpunkt einer Begleitveranstaltung zur Ausstellung „Namen statt Nummern. Niederländische politische Häftlinge im KZ-Dachau“ in der KZ Gedenkstätte Dachau am 5. Juni 2018. Die Ausstellung war zunächst im Widerstandsmuseum Amsterdam gezeigt worden und basiert auf der Arbeit des Gedächtnisbuchs Niederlande.

Das Buch enthält außerdem Beiträge von Historikern und Medienwissenschaftlern über Kiky Heinsius, das Dachauer Außenlager Agfa-Kamerawerk und das künstlerische Projekt Kamera. Eine Buchvorstellung ist für den 14. November 2019 in München geplant.

Buchtitel
Alexander Steig: Kamera – Ein künstlerisch-wissenschaftliches Projekt zum Außenlager Agfa-Kamerawerk in München-Giesing 1944-45, mit einem Erinnerungsbericht von Kiky Gerritsen Heinsius.
Weitere Infos zum Buch auf der Verlagswebsite: http://icon-verlag.de/

Gedächtnisblatt zu Kiky Heinsius
Kiky Gerritsen-Heinsius

Infos zum Gedächtnisbuch Niederlande
Gedächtnisbuch Niederlande

(19.8.2019; IS)