Jahrespräsentation vom 22. März 2026 – Teil 3

Einen Blick auf weitere vier Präsentationen wirft dieser letzte Blogpost zur diesjährigen Jahrespräsentation des Gedächtnisbuchs.

Die Schülerin Eva Sommer stellte die Lebensgeschichte der Lehrerin Irma Reh vor. Diese Biographie entstand Rahmen des BLLV-Projekts Erinnern ebenfalls im Seminar am Münchner Theodolinden-Gymnasium. Beim Projekt Erinnern handelt es sich um ein Schwesterprojekt des Gedächtnisbuchs, das sich verfolgten Lehrerinnen und Lehrern widmet.

Irma Reh: ein hartes Leben in der Emigration

Nichts deutete bis in die 30er Jahre darauf hin, dass Irma Reh vorhatte, Deutschland zu verlassen. Sie war in München aufgewachsen, studierte in München und arbeitete schließlich als Lehrerin an einer katholischen Mädchenschule in Neuburg an der Donau. Am 1. März 1933 wird ihr dort gekündigt, weil sie Jüdin ist. „Einige Wochen nach der Reichspogromnacht wird der 42jährigen klar: Sie hat keine sichere Zukunft mehr in Deutschland.“, erläuterte die Referentin.

Irma Reh gelingt es nach Nordirland zu fliehen, 1949 reist sie zu ihren Schwestern nach Israel. Ihr Leben in der Emigration war schwer. Eva Sommer fasste dies so zusammen: „Am 24.9.1976 endet Irma Rehs Leben nach 79 Jahren. Damit ein Leben voller Träume, Hoffnung und dem Wunsch, Menschen Wissen zu vermitteln. Durch den Nationalsozialismus war es ein Leben voller schwerer körperlicher Arbeit, Angst und Verfolgung.“

Max Moritz Klar: engagiertes Mitglied der Münchner Stadtgesellschaft

Der promovierte Arzt hatte seit 1906 eine Praxis in der Münchner Luisenstraße. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde er Mitglied der Deutschen Friedensgesellschaft Vereinigte Kriegsdienstgegner. Jakob von Borries berichtete: „Neben seiner Arbeit und seinem Engagement in der Deutschen Friedensgesellschaft war Klar von 1920 bis 1933 Fördermitglied beim FC Bayern. Politisch stand er wohl der SPD nahe.“ 

Sylvia Klar, die Ehefrau von Max Klar,  unterstützte Wilhelm Hoegner 1933 bei seiner Flucht aus Deutschland. Max Moritz Klar war zu diesem Zeitpunkt eventuell noch aus derzeit nicht bekanntem Grund in Stadelheim in Haft. Er kam frei und konnte seine Praxis noch bis 1938 weiterführen, dann wurde ihm die Zulassung entzogen. In der Reichspogromnacht wurde er verhaftet, drei Wochen später starb er im KZ Dachau, vermutlich weil ihm als Diabetiker seine Medikamente verwehrt wurden.

Über die Bestattung weiß Jakob von Borries zu berichten: „Bei der Beerdigung auf dem Neuen Israelitischen Friedhof in München legte Sylvia Klar ihrem Ehemann ein schwarz-rot-goldenes Bändchen unter den Kopf. Die Farben der Republik.“

Alois Hundhammer: bäuerliche Herkunft, katholisch und konservativ

Dem BVP- und CSU-Politiker Alois Hundhammer widmet Veronika Stuckenberger ihr Gedächtnisblatt. Hundhammer stellte sich während der Weimarer Republik gegen die Nationalsozialisten und wurde im Juni 1933 verhaftet und in das KZ-Dachau gebracht, einige Wochen später jedoch wieder freigelassen.

In der Nachkriegszeit setzte er sich für eine KZ-Gedenkstätte in Dachau ein, bei deren Eröffnung 1965 trat er als Redner in Erscheinung. Auch das 1968 eröffnete Internationale Mahnmal war ihm ein Anliegen.

Ihren Eindruck von Hundhammer fasste Veronika Stuckenberger so zusammen: „Bis zu seinem Rückzug aus der Politik Ende der 1960er Jahre bleibt Hundhammer eine prägende Figur der bayerischen Nachkriegspolitik. Sein politisches Wirken war stark geprägt von seinem katholischen Glauben, konservativen Überzeugungen und seiner engen Verbindung zur Landwirtschaft.“

Walerian Krzyminski: gebildet, mutig und tiefgläubig

Die Schülerin Mila Ruchatz hat ihren Urgroßonkel Walerian Krzyminski zum Thema ihres Gedächtnisblatts gemacht. Ausgangspunkt war die eher karge familiäre Überlieferung. Mila Ruchatz erzählte: „Auch über Walerian wurde gelegentlich gesprochen. Bekannt war vor allem, dass er fünf Jahre lang im KZ Dachau inhaftiert war, weil er ein gebildeter polnischer Priester war. Doch über die Zeit im Krieg und die genauen Hintergründe wusste meine Familie nur wenig.“

Walerian Krzyminski wurde 1940 verhaftet, zunächst nach Buchenwald, dann nach Dachau überstellt. Im Lager musste er als Lagerschreiber arbeiten. Nach einem mehrmonatigen Aufenthalt in Paris kehrte er 1946 nach Polen zurück und arbeitete als Priester an verschiedenen Orten.

Die Referentin hielt als Resümée ihrer Nachforschungen fest: „Walerian war ein bewundernswerter Mensch: gebildet, mutig, tiefgläubig und eng mit seiner Familie verbunden. In meiner Recherche über ihn war das Prägnanteste, dass er trotz allem Leid immer an seinem Glauben festhielt.“

(28.4.26; Irene Stuiber)

 

Jahrespräsentation vom 22. März 2026 – Teil 2

Dieser Bericht gibt Einblicke in vier Präsentationen der Gedächtnisbuchpräsentation vom März 2026. Es referierten zwei Schülerinnen und ein Schüler des Theodolinden-Gymnasiums sowie Klaus Schultz, dem Gedächtnisbuch von Anfang an sehr eng verbunden.

Die Schülerin Antonia Gronski berichtete über das Schicksal eines Münchner Lehrers, der 1941 im KZ Sachsenhausen ums Leben kam.

Ludwig Frank: „Ein Leben, das in vielen Punkten vertraut wirkt“

Die Referentin führte aus, dass sich der Weg Ludwig Franks in den Schuldienst schwierig gestaltete, er schließlich aber nach dem Ende des Ersten Weltkriegs an der Rupprecht-Kreisoberrealschule in München unterrichtete. Die  Denunziation eines Kollegen während der Weimarer Republik gegenüber der Schulleitung fand in der NS-Zeit Eingang in die Polizeiakten und führte zu einer polizeilichen Befragung.

Das Resümée von Antonia Gronski: „Die Geschichte von Ludwig Frank zeigt, wie schnell sich das Leben eines Einzelnen verändern kann. Ludwig Frank war Lehrer, Akademiker und Teil des öffentlichen Lebens. Er führte ein Leben, das in vielen Punkten vertraut wirkt. Seine Verfolgung spielte sich zunächst im Alltag ab; in der Schule, im Kollegenkreis. Seine Biographie macht deutlich, dass Ausgrenzung nicht plötzlich beginnt. Zuerst verlor er seine beruflichen Möglichkeiten, später seine Stellung, schließlich seine Freiheit und sein Leben. Diese Entwicklung vollzog sich Schritt für Schritt und innerhalb bestehender staatlicher und gesellschaftlicher Strukturen.“

Karl Knapp: „Er wusste wohl davon“

Klaus Schultz bermerkte während eines Wien-Aufenthalts ein Schild an einem Gebäude, das  an den im KZ Dachau im November 1944 zu Tode gequälten Postgewerkschafter und Sozialdemokraten erinnerte. In der Öffentlichkeit war nicht allzu viel über Karl Knapps Lebensweg bekannt, Klaus Schulz begann zu recherchieren. Es gelang ihm, Kontakt zu Familienangehörigen herzustellen und weite Teile der Biographie Knapps aufzuhellen.

Karl Knapp war 1933 in den Bundesrat gewählt worden, 1934 verlor er im austrofaschistischen Österreich sein Mandat. Nach dem 20. Juli 1944 wurde er verhaftet. Klaus Schultz brachte in Erfahrung: „In der Familie wird erzählt, dass Karl Knapp nicht im Detail über das für den 20. Juli 1944 geplante Attentat auf Adolf Hitler informiert war. Er wusste aber wohl davon. Für die Zeit danach soll er als Postminister im Gespräch gewesen sein. Wenige Tage später wurde er verhaftet.“

Zur Jahrespräsentation waren Verwandte Karl Knapps aus Wien angereist. Klaus Schultz schloss sein Referat mit den Worten: „Die vergessene Lebensgeschichten von Karl Knapp und all der anderen Gedächtnisblätter zeigen, wie wichtig Erinnern ist und in Zukunft bleiben wird. Namen statt Nummern.“

Nick Hope: 1924 in der Ukraine geboren, 2025 in den USA gestorben

Den langen und weiten Lebensweg von Nick Hope recherchierte und referierte Kirill Naumenko, Schüler am Münchner Theodolinden-Gymnasium.

Nick Hope wurde 1924 unter dem Namen Nikolai Nikitovitsch Choprenko in der damaligen Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik geboren. Im Juni 1941 begann der deutsche Angriff auf die Sowjetunion, 1942 wurde Nick Hope nach München deportiert. Zunächst musste er im Zwangsarbeiterlager Buchberg bei Geretsried arbeiten. Dort traf ihn ein vermutlich unbegründeter Sabotageverdacht, so der Referent, der nach Folter und Misshandlungen zur Überstellung im Februar 1943 in das KZ Dachau führte. Zwangsarbeit leisten musste er unter anderem im Dachauer Außenlager Allach, dem späteren Münchner Stadtteil Ludwigsfeld. 1945 wurde Hope am 26.4.45 mit dem Todesmarsch in Richtung Süden geschickt, am 28. April gelang ihm die Flucht. Seine Gesundheit war so sehr angeschlagen, dass er mehrere Jahre im DP-Hospital in Gauting behandelt wurde. Später lebte er in München-Ludwigsfeld, bis er 1961 in die USA auswanderte. Hier erhielt er in den 70er Jahren die amerikanische Staatsbürgerschaft und änderte seinen Namen in Nick Hope.

„In den folgenden Jahrzehnten kehrte er mehrfach nach Deutschland zurück, besuchte die Gedenkstätte Dachau und nahm an Zeitzeugengesprächen teil.“, berichtete Kirill Naumenko.

Emil Meier: ein Münchner Schicksal

Ein räumlicher Bezug bewog die Schülerin Ella Limbrunner dazu, sich der Biographie Emil Meiers zu widmen. Meier verbrachte seine Jugend in Giesing, der Wohnort lag nur wenige Meter vom Zuhauser der Referentin entfernt.

Meier gehörte der kommunistischen Arbeiterbewegung an und wurde bereits am 10. März 1933 verhaftet. Dem ersten, 25-monatigen Aufenthalt im KZ Dachau folgten weitere Verhaftungen, Konzentrationslager- und Gefängnisaufenthalte, nicht zuletzt wegen seiner Widerstandstätigkeit auch in den Kriegsjahren. Am 29. April sollte Emil Meier in München-Stadelheim hingerichtet werden. „Doch die Wärter verweigern den Befehl.“, weiß Ella Limburger. Am 30. April 1945 wurde München befreit. In seiner Heimatstadt München starb Emil Meier im Jahr 1990.

Emil Meier war einer der ersten Häftlinge im KZ Dachau. Er wurde am Tag der Einrichtung des KZ Dachau dort zum ersten Mal eingesperrt, also genau 93 Jahre vor der diesjährigen Jahrespräsentation des Gedächtnisbuchs.

(22.4.2026; Irene Stuiber)

 

Jahrespräsentation vom 22. März 2026 – Teil 1

Gleich drei Blogposts widmen sich der diesjährigen Jahrespräsentation vom 22. März 2026. Vorwiegend Schüler*innen des Münchner Theodolinden-Gymnasiums berichteten über elf Männer, die im KZ Dachau inhaftiert waren, sowie über eine verfolgte Münchner Lehrerin. Hier der erste Teil der Rückschau im Blog.

Dieser Beitrag stellt die ersten drei Präsentationen vor. Den Anfang machte Leni Messutat, die vom Leben der Brüder Max und Albert Grünzeug erzählte und auch von den Überlegungen, die sie an ihre Rechercheergebnisse knüpft.

Max und Albert Grünzeug: Flucht nach Lateinamerika

Mit den Brüdern Max und Albert Grünzeug hat Leni Messutat ihr Gedächtnisblatt gleich zwei Personen gewidmet. Die Familie Grünzeug wohnte im heutigen Münchner Glockenbachviertel. Hier wurden die Max und Albert Grünzeug 1903 und 1904 geboren, berichtet Leni Messutat. Sie erzählt auch, dass die beiden Brüder und auch ein Teil ihrer vier Geschwister zu den Siebten-Tags-Adventisten konvertierten und dies später die Emigration nach Lateinamerika ermöglichte.

Über das Leben beider Brüder vor der NS-Zeit weiß die Referentin: „Max war Handelsvertreter und später Religionslehrer bei den Siebten-Tags-Adventisten. Sein Bruder Albert betrieb einen Autozubehör-Laden, wo Schwester Bella als Buchhalterin tätig war. 1929 traten beide dem FC Bayern bei.“

Mit Machtantritt der Nationalsozialisten verschärften sich die Lebensverhältnisse für die Familie Grünzeug dramatisch. In der Nacht des Novemberpogroms 1938 wurden Max und Albert Grünzeug verhaftet und bis zu ihrer Entlassung im Februar 1939 im KZ Dachau gequält. Beiden Brüdern gelang die Emigration nach Lateinamerika, später lebten sie an unterschiedlichen Orten in Florida.

„Bis heute treiben mich die offenen Fragen um“, erzählte Leni Messutat dem Publikum. Die Erinnerung an die beiden Brüder halten Stolpersteine in der Münchner Hans-Sachs-Straße wach.

Franz Meissel: ein verfolgter Sozialdemokrat

Dem sozialdemokratischen Milieu zugehörig war Franz Meissel, ein in der Nähe von Karlsbad in der tschechoslowakischen Republik lebender Gärtner. Über sein Schicksal berichtete der Schüler Fabian Hopf.

Bald nach der Annexion seines Heimatgebiets durch das deutsche Reich wurde Meissel 1938 verhaftet und schließlich im Dezember desselben Jahres in das KZ-Dachau überstellt. Fünf schreckliche Jahre verbrachte er in den Konzentrationslagern Dachau und Flossenbürg, nach seiner Entlassung 1943 wurde er umgehend zum Militär eingezogen.

Die Aussiedlung Deutscher in der Nachkriegszeit aus der Tschechoslowakei führte ihn wieder nach Dachau – im ehemaligen KZ entstand eine  Siedlung für Vertriebene. Nach Einrichtung der KZ-Gedenkstätte entstand für die Bewohner dieser Siedlung der neue Stadtteil Dachau-Ost. Hier lebte Franz Meissel bis zu seinem Tod 1981. „Bis zu seinem Lebensende setzte sich Meissel gegen den Faschismus ein.“, konnte Fabian Hopf dem Publikum mitteilen.

Richard Piper: vom Schweißer zum Abgeordneten

Nuria Christ stellte den fest in der Arbeiterbewegung verankerten Richard Piper vor, der, 1907 dort geboren, in Augsburg aufwuchs und schließlich als Schweißer bei MAN arbeitete. Parallel zu dieser Berufstätigkeit engagierte er sich in der KPD und deren Umfeld. Als ausgewiesener Gegner der Nationalsozialisten war er 1934 für einige Monate im KZ Dachau inhaftiert und auch 1939 für mehrere Wochen abermals in Haft.

Unter amerikanischer Besatzung übernahme Richard Piper einige öffentliche Ämter: Piper war Landrat in Griesbach, Bürgermeister der Gemeinde Pöcking und Leiter des Arbeitsamts Pfarrkirchen. In der zweiten Wahlperiode des bayerischen Landtags wurde er für die SPD in den Landtag gewählt. Piper starb überraschend 1955.

(14.4.26; Irene Stuiber)

 

W-Seminar Treuchtlingen: Wie geht es weiter?

Khrystyna Maksymliuk, zur Zeit Freiwillige von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste im Gedächtnisbuch, war beim W-Seminar in Treuchtlingen am 24. März 2026  dabei. Sie informiert uns hier im Blog über den Stand der Dinge.

„Fortschritte und nächste Schritte“ nennt Khrystyna Maksymliuk ihr Abstract zum letzten Seminartermin am Gymnasium der Senefelder-Gesamtschule in Treuchtlingen. Bei den erwähnten „Lebensläufen“ handelt es sich um eine tabellarische Zusammenstellung der Rechercheergebnisse, ein wichtiges Arbeitsinstrument in den Seminaren des Gedächtnisbuchs.

Khrystyna berichtet uns: „Am 24. März traf sich die W-Seminargruppe in Treuchtlingen zu einer produktiven Sitzung, die sich auf den aktuellen Stand der Vorbereitung konzentrierte. Die Studierenden haben ihre Quellen und aktuellen Lebensläufe [an die Seminarleitung] geschickt. Ihre Fragen dazu wurden besprochen. Außerdem wurden Einzelgespräche nach den Ferien vereinbart.“

Hier finden Sie weitere Informationen über das W-Seminar in Treuchtlingen
https://www.gedaechtnisbuch.org/zusammenarbeit-mit-schulen/w-seminare-aktuell/

(28.3.26; Foto: Khrystyna Maksymliuk; IS)

 

BR berichtet über Seminar am Theodolinden-Gymnasium

Ein Radiobericht des Bayerischen Rundfunks widmet sich dem W-Seminar des Gedächtnisbuchs am Münchner Theodolinden-Gymnasium. Am 22. März 2026 werden die Schüler*innen ihre Gedächtnisblätter in Dachau in der Kirche des Karmel präsentieren.

B 2 sendete den Bericht am Spätnachmittag des 20. März 2026. Online lassen sich die 4 Minuten unter diesem Link

https://www.br.de/nachrichten/wissen/gedaechtnisbuch-schueler-erforschen-biographien-von-kz-haeftlingen,VEIoF0O

nachhören und nachlesen.

Das Gedächtnisbuch liegt im Gesprächsraum der Evangelischen Versöhnungskirche auf der KZ-Gedenkstätte. Die Jahrespräsentation findet gleich nebenan am 22. März 2026 in der Kirche des Karmel statt.

Hier weiter unten im Blog und in unserem Veranstaltungskalender finden Sie dazu Einzelheiten
https://www.gedaechtnisbuch.org/praesentation-der-neuen-gedaechtnisblaetter/

Nach der Veranstaltung werden wir hier im Blog über die Präsentation berichten.

(21.03.26; Foto: Silke Bergau; IS)

Weitere Infos zur Jahrespräsentation des Gedächtnisbuchs

Das Gedächtnisbuch lädt herzlich zur Jahrespräsentation am 22. März 2026 in der Kirche des Karmel in Dachau ein. 14 neue Biografien werden vorgestellt. 13 haben Schüler*innen des Münchner Theodolinden-Gymnasiums verfasst, bei einer ist der Autor der frühere Diakon der Versöhnungskirche und Mitgründer des Gedächtnisbuchs Klaus Schultz.

Priester Walerian Krzymiński segnet seine Großnichte

Weitere Informationen liefert die Pressemitteilung zur Veranstaltung, die wir hier dokumentieren:

Am Sonntag, den 22. März 2026 lädt der Trägerkreis „Gedächtnisbuch für die Häftlinge des KZ Dachau“ zur Projektpräsentation „Namen statt Nummern“ ein. Schüler und Schülerinnen des Theodolinden-Gymnasiums München stellen Lebensgeschichten von Häftlingen des Konzentrationslagers Dachau vor. Darunter sind: der nach dem Krieg in die USA emigrierte Ukrainer Nick Hope, der Schlosser und Sozialpolitiker Richard Piper, der katholisch-konservative Politiker Alois Hundhammer, die jüdischen Fördermitglieder des FC Bayern Max und Albert Grünzeug, der sudetendeutsche Sozialdemokrat Franz Meissel, der jüdische Gymnasiallehrer Ludwig Frank, der polnische Priester Walerian Krzymiński, der kommunistische Polierer Emil Meier und andere.

Über ein Jahr lang haben die Schüler die Biographien erforscht, sie haben Archive aufgesucht, Interviews mit Nachkommen geführt, Literatur gelesen. Die Geschichten, die sie herausgefunden haben, bewegen die Schüler sehr. So schreibt Mila Ruchatz zu ihrer Recherche über ihren Urgroßonkel, den polnischen Priester Walerian Krzymiński: „Die Recherche zu dieser Arbeit fiel mir nicht leicht. Die genauen Informationen darüber, wie katholische Geistliche, und insbesondere polnische katholische Geistliche, in Dachau gedemütigt, gefoltert und ermordet wurden, waren sehr belastend. Das Thema berührt mich nicht nur wissenschaftlich, sondern auch persönlich, da die polnische Identität Teil von mir ist, ebenso die Geschichte von Walerian Krzymiński.“ Mit ihrer Arbeit möchte Mila nicht nur informieren, sondern auch motivieren, sich Wissen anzueignen und das Privileg, in einer freien Gesellschaft zu leben, bewusst zu nutzen: „Möge sie dazu anregen, die eigene Stimme entschieden für Demokratie, Freiheit und Menschenwürde zu erheben.“

Die Veranstaltung findet am Sonntag, den 22. März um 16.00 Uhr in der Kirche des Karmel Dachau statt. Die musikalische Umrahmung übernehmen zwei Schülerinnen des Theodolinden-Gymnasiums, Karoline Prokert und Katharina Thomforde, sowie Mathias Götz. 

Ort und Zeit
Präsentation der neuen Gedächtnisblätter „Namen statt Nummern“, Sonntag, den 22. März 2026 um 16.00 Uhr, Kirche des Karmel Heilig Blut, Alte Römerstraße 91, 85221 Dachau

Anmeldung
Beim Dachauer Forum unter Telefon 08131 99688-0 oder digital auf der Website
https://www.dachauer-forum.de/veranstaltung/namen-statt-nummern-2026/

 

Marine stellte Biografie von Justin Blanc vor

Die Lebensgeschichte des französischen Resistance-Mitglieds Justin Blanc hatte Marine, ASF-Freiwillige in Dachau im Jahr 2024/25, zum Thema ihres Gedächtnisblatts gemacht. Anfang März konnte sie diese Biografie bei einem Gottesdienst in der Versöhnungskirche vorstellen.

 

Wir dokumentieren hier den Originaltext ihres Vortrags:

„Liebe Gesellschaft,

ich bin geehrt, heute auf die großherzige Einladung von Frank hin die Geschichte von Justin Blanc vorstellen zu dürfen. Er ist einer der 200.000 Menschen, die zwischen 1933 und 1945 nach Dachau verschleppt wurden. Justin Blanc war weder laut noch berühmt noch mächtig – er war ein einfaches, typisches Kind der provenzalischen Landschaft. Es ist mir eine Ehre, durch seine Geschichte an das Schicksal eines Kindes aus jenem Kanton zu erinnern, in dem meine eigenen Großeltern und Urgroßeltern lebten und in dem mein Vater aufgewachsen ist.

Justin Blanc wurde in einem kleinen Dorf geboren, eingebettet in die trockenen Wälder der Provence, auf roter Erde, zwischen Hügeln und Tälern. Er war der einzige Sohn einer bescheidenen Schreinerfamilie. Dort, in der Rue du Rastel, wuchs er auf – in einer Umgebung voller Vertrautheit und Einfachheit.

Als der Erste Weltkrieg ausbrach, war Justin noch minderjährig. Doch an seinem 18. Geburtstag meldete er sich freiwillig zur Marine. Später trat er in die Militärluftfahrt ein und diente in französischer Algerien. Wie viele junge Männer jener Zeit sah er mehr von der Welt, als er sich vielleicht je hätte träumen lassen – und er zahlte dafür einen Preis: Eine schwere Lungeninfektion zwang ihn 1920 zur Rückkehr nach Frankreich.

Wieder zuhause übernahm er den Beruf seiner Vorfahren und wurde Schreiner. Als sein Vater starb, übernahm Justin Verantwortung für die Familie. 1926 heiratete er Joséphine Barolat-Massole, die Tochter einer Nachbarfamilie italienischer Immigranten. Sie lebten gemeinsam mit Teilen beider Familien in einem einfachen Haushalt – bescheiden, aber voller Würde. So verlief ihr Leben still und unauffällig, bis der Krieg es erneut veränderte.

Mit der Besetzung Frankreichs durch Nazi-Deutschland begann Justin Blanc, im Verborgenen zu handeln. Er schloss sich durch eine Vereinbarung mit Bekannten aus seiner Zeit beim Wehrdienst, mit denen er sich angeblich wieder beim Syrisch-Libanesischen Feldzug 1941 engagiert hatte, der Sektion für Landung und Fallschirmabwurf (SAP) an und wurde Leiter des Fayence-Netzwerks. Seine Aufgabe war gefährlich und entscheidend: Er koordinierte die nächtlichen Landefelder, markierte sie mit Feuern und sorgte für den Empfang der abgeworfenen Container – Waffen, Lebensmittel, Medikamente für die Maquisards – diese junge Männer, die sich der Zwangsarbeit verweigert hatten und versteckt in den Wäldern lebten.

In einer Landschaft, in der jeder jeden kannte, konnte Geheimhaltung nur schwer gelingen. Dazu waren die Franzosen nicht geeignet: Manche unterstützten das Vichy-Regime ausdrücklich, andere schämten sich und waren über die deutsche Besetzung empört, wieder andere fühlten sich nicht besonders betroffen, sei es aus Opportunismus oder aus echtem Desinteresse. Bald wussten Gestapo und französische Miliz von den Aktivitäten der Widerständler in dem Kanton. Und so kam der 10. Juli 1944: Der 45-jährige Justin Blanc wurde bei einer Razzia in Montauroux und Callian verhaftet und nach Nizza verschleppt.

Dort wurde er verhört und vermutlich gefoltert. Er verriet jedoch niemanden und bis zur Befreiung wurde kein weiterer Teilnehmer des Fayence-Netzwerks verhaftet. Als sich die Nachricht von der bevorstehenden Landung der Alliierten in der Provence verbreitete, stellte die Gestapo einen Konvoi mit 13 provenzalischen Widerstandskämpfern zusammen. Justin war einer der Ältesten.

Ihre Reise führte sie über Genua, Bergamo und Verona tief hinein ins Herz des feindlichen  Dritten Reiches. Anfang November gelangten sie nach Ingolstadt, dann für eine Nacht in das Polizeipräsidium München, und am 9. November 1944 schließlich in das Konzentrationslager Dachau. Der Konvoi hatte die vertraute Provence im Sommer verlassen und war im Herbst im kalten, fremden Bayern angekommen.

Dort wurde die Gruppe getrennt. Justin kam mit zwei weiteren Männern aus dem Kanton Fayence, Honoré Bourguignon und Camille Laroute, in die Baracke 27. Der Winter war hart, das Lager überfüllt, Krankheit und Hunger allgegenwärtig. Die drei älteren Männer des provenzalischen Konvois starben nacheinander. Justin war der letzte von ihnen.

In der Nacht des 3. Februar 1945 starb er in Baracke 15, einem Nebengebäude des Krankenreviers. Was mit seinem Körper geschah, wissen wir nicht. Wahrscheinlich wurde er wie viele andere in ein Massengrab am Etzenhausener Berg gebracht. Nur wenige Monate später, am 29. April 1945, wurde das Lager befreit.

Einer der Mitgefangenen, Roger Bricoux, überlebte und kam im Juli 1945 nach Montauroux, um der Gemeinde von Justins letzten Tagen zu berichten. Durch ihn wissen wir, dass Justin inmitten der Dunkelheit des Lagers nicht allein war, sondern von Kameraden umgeben, mit denen er den langen Weg von der Provence bis nach Bayern geteilt hatte.

Letztes Jahr jährte sich Justin Blancs Tod zum 80. Mal.

Heute stehen wir hier, um seine Geschichte lebendig zu halten – und um alle 200.000 Häftlinge von Dachau in Erinnerung zu bewahren. Vielleicht wissen wir nicht, wie religiös Justin war. Er stammte aus einer Familie mit republikanischen, antiklerikalen Werten. Doch heute können wir ihm – und all den anderen – etwas schenken, das über Glaubensgrenzen hinausgeht: die Wärme unserer Herzen.

Möge unsere Erinnerung ihnen Frieden bringen. Möge unser Gedenken ein Zeichen der Versöhnung sein. Und mögen Justin Blanc, die zwölf Provenzalen und alle, die in Dachau litten, in der Heimat Ruhe finden, die sie nie wieder betreten durften.

Danke.“

Hier gehts zum Gedächtnisblatt:
https://www.gedaechtnisbuch.org/gedaechtnisblaetter/?f=B&gb=14773

(15.3.26; Foto: Klaus Schulz, Text: Marine/IS)

Einladung zur Jahrespräsentation des Gedächtnisbuchs

Die ehrenamtlichen Verfasser*innen, überwiegend Schüler*innen des Münchner Theodolinden-Gymnasiums, stellen am 22. März 2026 die von ihnen verfassten Biografien von Häftlingen des KZ-Dachau vor. Wir laden herzlich dazu ein!

Foto aus dem Gedächtnisblatt über Walerian Krzyminski

Die Veranstaltung findet in der Kirche im Karmel Heilig Blut in Dachau am Sonntag, den 22. März um 16 Uhr statt.

Die Autor*innen stellen unter anderem folgende Personen vor:

  • den Schlosser und Sozialpolitiker Richard Piper,
  • den Polierer und KommunistenEmil Meier,
  • die jüdischen Fördermitglieder des FC Bayern Max und Albert Grünzeug,
  • den sudetendeutschen Sozialdemokraten Franz Meissel,
  • den jüdische Gymnasiallehrer Ludwig Frank
  • sowie den polnischen Priester Walerian Krzyminski. 

Musikalische Begleitung bieten Mathias Götz, Karoline Prokert und Katharina Thomforde.

Weitere Informationen finden sich im Veranstaltungskalender auf dieser Seite oder in diesem PDF der Einladung:
Jahrespräsentation 22. März 2026

Wir bitten um Anmeldung unter
www.dachauer-forum.de

(7.3.2026; IS)

1. März 2026: Präsentation zweier Gedächtnisblätter in Veranstaltungen der Versöhnungskirche

Am 1. März 2026 präsentieren zwei Autorinnen von Gedächtnisblätter Biografien von Dachau-Häftlingen in Veranstaltungen der Versöhnungskirche.

Anna Schlichenmayer 2022 bei ihrer Recherche in der Münchner Tengstraße

Im vormittäglichen Gottesdienst am 1. März 2026 stellt die ehemalige Freiwillige von Aktion Sühnzeichen Friedensdienste Marine ihre Biografie des französischen Widerstandskämpfers Justin Blanc vor.

Weitere Informationen zum Gottesdienst auf der Website der Versöhnungskirche
https://www.versoehnungskirche-dachau.de/gottesdienste

Hier geht es zum Gedächtnisblatt
Justin Blanc

Ab 16 Uhr wird dann am selben Tag die neue Ausstellung der Versöhnungskirche „Die Rückkehr der Namen“ eröffnet. In dieser Veranstaltung präsentiert die Studentin Anna Schlichenmayer die Lebensgeschichte Josef Gunzenhäusers, die sie noch als Schülerin in einem W-Seminar des Gedächtnisbuchs erarbeitet hat.

Auch hier findet sich ausführliche Veranstaltungsankündigungen sowohl zur Ausstellung wie auch zur Vernissage auf der Website der Versöhnungskirche
https://www.versoehnungskirche-dachau.de/ausstellungen
https://www.versoehnungskirche-dachau.de/veranstaltungen

Hier findet sich das Gedächtnisblatt
Josef Gunzenhäuser

(25.2.2026; IS)