Jan ‘Skippy’ de Vaal ist gestorben

Am 26. Juli 2020 ist der ehemalige niederländische Häftling Jan de Vaal im Alter von 98 Jahren gestorben.

März 2013: Skippy und seine Enkeltochter Kimberly (mit blauer Jacke) beim Besuch an der Gedenkstätte Dachau.

Jan wurde am 18. Mai 1922 im Jordaan geboren, einem wohlbekannten Arbeiterviertel in Amsterdam, in dem jeder einen Spitznamen hatte. Jans Vater war Geflügelhändler und so kam es, dass Jan seit seiner Kindheit Skippy genannt wurde. Zuerst war es Kippie (Hähnchen), aber daraus wurde bald Skippy. Viele kannten nur seinen Spitznamen.

Bereits Ende der dreißiger Jahren setzte Skippy sich als Jugendlicher mit den Nationalsozialisten auseinander. Häufig prügelte er sich mit niederländischen Nationalsozialisten, als diese auf dem Dam, dem Hauptplatz von Amsterdam, ihre Zeitung „Volk en Vaderland“ zu verkaufen versuchten. Während der deutschen Besatzung der Niederlande transportierte Skippy Waffen für den Widerstand. Dafür benutzte er das Lastenrad, mit dem er für seinen Arbeitgeber, einen jüdischen Textilgroßhandel, Bestellungen auslieferte. Am 27. Januar 1942 wurde Skippy, 19 Jahre alt, verhaftet. Vier „Herren“ holten ihn ab und sagten seiner Mutter, er würde in einigen Stunden wieder zuhause sein. Es dauerte jedoch über drei Jahre. Vom Gefängnis Weteringschans aus wurde er ins Polizeiliche Durchgangslager Amersfoort und die Konzentrationslager Natzweiler und Dachau verschleppt. Das erste, was er machte, als er nach der Befreiung wieder heimkam, war sich umzuziehen, denn er trug immer noch seine gestreifte Häftlingskleidung. Die verhasste Kleidung wurde von seinen Angehörigen sofort verbrannt.

Für das Gedächtnisbuch haben Chaima Akaazoun und Maria Andrea Pineda Calderón das Gedächtnisblatt von Skippy erstellt. Am 22. März 2013 fuhren sie mit Skippy nach Dachau, um das Gedächtnisblatt in seiner Anwesenheit vorzustellen.

Zum Nachlesen hier der Link zum niederländischen Gedächtnisblatt von Jan ‘Skippy’ de Vaal:
Jan ‘Skippy’ de Vaal

(3.8.2020; Jos Sinnema)

Alfred Ullrich zum Interview der Schülerinnen: umsichtig und aufmerksam

Die Teilnehmerinnen Diana Unger und Lena Richter des W-Seminars „Biographisches Schreiben“ interviewten den Künstler Alfred Ullrich zu seiner persönlichen Geschichte und zur Geschichte seiner Familie.  Alfred Ullrich hat das W-Seminar auch durch einen Grafik-Workshop unterstützt.

Sein eigenes künstlerisches Schaffen charakterisiert Ullrich folgendermaßen: „Ich arbeite mit und gegen das Material, was sich eigentlich auch übersetzen lässt für meine künstlerische Arbeit – ich arbeite mit und gegen die Gesellschaft, um herauszufinden, in welchem Verhältnis sich die Gesellschaft zu den Sinti und Roma heute befindet.“

Der Künstler schreibt uns über die bisherige Arbeit mit dem W-Seminar am Josef-Effner-Gymnasium in Dachau:

„Bedanken darf ich mich bei Jörg Watzinger, der auf meine Familiengeschichte aufmerksam gemacht hat.

Besonders bedanken möchte ich mich bei den beiden Schülerinnen Diana und Lena die über meinen Onkel ein Gedächtnisblatt schreiben.

Sehr umsichtig und aufmerksam haben sie die Gespräche über meine Familiengeschichte mit mir geführt. Sehr erwartungsvoll sehe ich dem Ergebnis der Recherche entgegen.

Die Betreuung während des Druckgrafik-Workshops durch Herrn Triebfürst und Sabine Gerhardus im „Effner“-Gymnasium hat mich sehr beeindruckt.

Die Schüler selbst habe ich als sehr engagiert empfunden.“

 

Werke von Alfred Ullrich

 

 

Zum Nachlesen: Wechsel im Trägerkreis

Frank Schleicher folgte unlängst auf Klaus Schultz als Diakon der Versöhnungskirche und auch im Trägerkreis des Gedächtnisbuchs. Die Medien begleiteten diesen Vorgang mit einigen Artikeln.

Frank Schleicher

Hier sind die Links zum Nachlesen:

28.5.2020
Abschied vom Dachauer Diakon Klaus Schultz: Die Verantwortung trägt der Mensch
Süddeutsche Zeitung, Dachau

29.5.2020
Klaus Schultz geht als dienstältester Mitarbeiter der Versöhnungskirche Dachau in den Ruhestand
Sonntagsblatt

6.6.2020
Er hat die Erinnerungsarbeit maßgeblich geprägt
Münchner Merkur, Dachau

16.6.2020
Am Ort des Bösen
Süddeutsche Zeitung, Dachau

21.6.2020
Ein Suchender auf vielen Gebieten
Münchner Merkur, Dachau

(19.7.2020; IS)

 

 

Kunst-Seminar „Bilder im Kopf“ mit Alfred Ullrich am Josef-Effner-Gymnasium

Das Kunstseminar mit Alfred Ullrich bot den Schüler*innen des W-Seminars „Biographisches Schreiben“ Gelegenheit, nachzuspüren, welche Bilder und Emotionen sie als Verfasser eines Gedächtnisblattes beschäftigen und welche Bilder sie zur Erzählung der Biographie einsetzen möchten.

Quellen recherchieren, Literatur lesen, historische Fakten checken – Wochen voller Lernen, Studieren, richtig und falsch… Was macht die Geschichte der Verfolgten, ihre Erfahrung von Terror, Leid und Vertreibung mit den Verfasser*innen eines Gedächtnisblattes? Für diese Reflexion bleibt im Schulalltag oft nur wenig Zeit. In dem Halbtagsworkshop mit dem Künstler Alfred Ullrich hatten sie Zeit und Raum, sich der eigenen „Bilder im Kopf“ bewusst zu werden, sie zeichnerisch und in Druckgrafik zu Papier zu bringen, Techniken auszuprobieren und sich untereinander auszutauschen.

Alfred Ullrich zeigte den Schülerinnen, wie sie auf der Basis von Safttüten Kaltnadel-Radierungen anfertigen können – eine Technik, die den Recycling-Gedanken aufgreift und für das Gedächtnisbuch ganz neu ist. Es entstanden Schriftzüge, aber auch Illustrationen zu einzelnen Erzählungen. Eine Bereicherung der gestalterischen Möglichkeiten, auch für Elemente einer Lebensgeschichte, die nur noch schwer greifbar sind und zu denen es keine scharfen Bilder mehr gibt.

Alfred Ullrich ist dem W-Seminar besonders verbunden: Die beiden Schülerinnen Lena Richter und Diana Unger arbeiten an den Lebensgeschichten seiner Onkel Otto, Theodor und Rudolf Endres. Ullrichs künstlerisches Schaffen ist auch geprägt von der NS-Verfolgung seiner Angehörigen.

 

Bildergalerie

(9.7.20; Text: Sabine Gerhardus)

Schülerinnen interviewen den Künstler Alfred Ullrich

Die Schülerinnen Diana Unger und Lena Richter interviewten den Künstler Alfred Ullrich zur Geschichte seiner Familie. Das Interview war Teil des W-Seminars „Biographisches Schreiben“ des Josef-Effner-Gymnasiums in Dachau.

Die beiden Interviewerinnen

Alfred Ullrichs Mutter stammt aus einer Wiener Sinti-Familie. Sie war in mehreren Konzentrationslagern inhaftiert, unter anderem Ravensbrück. Ihre drei Brüder Otto, Theodor und Rudolf waren ebenfalls in mehreren Konzentrationslager interniert, darunter auch Dachau. Diana Unger und Lena Richter arbeiten an Gedächtnisblättern zu diesen drei Männern.

Alfred Ullrich lebt in Vierkirchen im Landkreis Dachau. Er arbeitet mit Druckgrafik und geht in seinem künstlerischen Schaffen immer wieder der Diskriminierung und Verfolgung der Sinti und Roma nach. Der Künstler beschäftigt sich viel mit den zugrundeliegenden, keineswegs überwundenen gesellschaftlichen Strukturen.

Nach einigen Corona-bedingten technischen Schwierigkeiten kam das Interview schließlich am 6. Mai 2020 online über das Tool Lifesize zustande. Sowohl die beiden Interviewerinnen wie auch der Interviewte saßen jeweils bei sich daheim am Computer. Alfred Ullrich erzählte seine eigene Geschichte und aus seiner Familiengeschichte. Rudolf Endres hatte als einziger von Ullrichs Onkeln überlebt. Alfred Ullrich kannte ihn noch persönlich und teilte seine Erinnerungen mit den Schülerinnen.

(4.7.2020; IS)

Einführungsgottesdienst für Frank Schleicher als Videostream

Im Videostream ist der Einführungsgottesdienst für Frank Schleicher als Diakon der Versöhnungskirche nun zu sehen. Frank Schleicher vertritt die Versöhnungskirche im Trägerkreis des Gedächtnisbuchs.

Frank Schleicher im Einführungsgottesdienst

Dank der Gastfreundschaft der katholische Pfarrei Heilig Kreuz konnte der Einführungsgottesdienst am 21. Juni 2020 mit 80 geladenen Gästen gefeiert werden. In der Versöhnungskirche wären unter Corona-Bedingungen nur 25 Gäste möglich gewesen.

Um allen anderen Interessierten wenigstens die virtuelle Anwesenheit zu ermöglichen, zeichnete John B. Pohler, Kirchenvorsteher der Dachauer Gnadenkirche, die Einführung auf Video auf und veröffentlichte sie im YouTube-Kanal der Gnadenkirche.

Hier findet sich das Video:

https://www.youtube.com/watch?v=q1zspYs39EY

(25.6.20; Foto: Standbild aus dem Video von John B. Pohler; IS)

Vielen Dank, lieber Klaus Schultz!

Mit großer Dankbarkeit und einem viel zu kleinen Fest hat sich der Trägerkreis Gedächtnisbuch am 16. Juni 2020 von seinem Gründungsmitglied und unermüdlichen Netzwerker Klaus Schultz verabschiedet. Zum Teil konnte das Fest nur via Videokonferenz stattfinden.

Das Gedächtnisbuch ohne Klaus Schulz sei eigentlich nicht vorstellbar, sagt Sabine Gerhardus: „Klaus hat nicht nur das Projekt stets rückhaltlos gefördert, sondern ist uns auch in der täglichen Arbeit immer freundschaftlich mit Rat und Tat zur Seite gestanden. Ich werde ihn vermissen!“ Annerose Stanglmayr bedankt sich für die gemeinsame Arbeit: „Und besonders bedanken möchte ich mich bei Dir für Dein großes Engagement im Gedächtnisbuch. Dieses Projekt ist für mich der Königsweg in der tiefergehenden pädagogischen Arbeit in der Erinnerungskultur. Du hast die Fäden in der Hand gehabt und Dich maßgeblich um die Finanzen gekümmert!“

Aber auch in der praktischen Arbeit des Gedächtnisbuchs leistet die Versöhnungskirche auf die Initiative von Klaus Schultz einen wichtigen Beitrag: durch die Arbeit der Freiwilligen der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste, die einen Schwerpunkt ihres Freiwilligendienstes an der Versöhnungskirche dem Gedächtnisbuch zur Verfügung stellen.

Seit 1997 war Klaus Schultz Diakon an der Evangelischen Versöhnungskirche in Dachau, wo er sich für die Erinnerung an das Leiden der KZ-Häftlinge eingesetzt hat. Zusammen mit dem Uwe Neirich vom Förderverein für Internationale Jugendbegegnung hat Klaus Schultz den entscheidenden Anstoß zur Gründung des Gedächtnisbuch-Projekts gegeben. Am  28. Oktober 1998 fand in der Versöhnungskirche das erste Planungstreffen für ein Gedenkbuch-Projekt statt. Mit Bernhard Schoßig, dem ersten pädagogischen Leiter des Jugendgästehauses und Andreas Kreutzkam, dem Geschäftsführer des Dachauer Forums hatte der kleine Initiativkreis zwei entscheidende Unterstützer für die erste Anschubfinanzierung gewonnen. Die Katholische Seelsorge in Dachau war ebenfalls Gründungsmitglied. So wurde das Gedächtnisbuch zum ersten Erinnerungsprojekt in Dachau, das von einer breiten Mehrheit der Dachauer Erinnerungsinitiativen gegründet und getragen wurde.

Ebenfalls beim Trägerkreistreffen am 16. Juni 2020 wurde der neue Diakon der Evangelischen Versöhnungskirche Frank Schleicher als Klaus Schultz´ Nachfolger herzlich willkommen geheißen. Der Trägerkreis freut sich auf die Zusammenarbeit mit ihm.

Mit einer Art „Gedächtnisblatt“ bedankt sich der Trägerkreis bei Klaus Schultz: Ähnlich einer kurzen Bildergeschichte wird an die Highlights der Projektarbeit und die vielen Begegnungen mit Jung und Alt im In- und Ausland erinnert. Annerose Stanglmayr spricht dem Team aus dem Herzen: „Du gibst uns auch weiter Perspektiven Deiner Mitarbeit – das beruhigt mich!“

Wir wünschen Klaus alle Gute, viel Ruhe, Muße und hoffentlich bald wieder Corona-freie Begegnungen! 

(18.6.2020; Text: Sabine Gerhardus)

 

 

Fertigstellung der Grafinger Gedächtnisblätter

Über die letzten Arbeiten an den Gedächtnisblättern des Grafinger W-Seminars berichtet Projektleiterin Sabine Gerhardus.

„Inzwischen habe ich die Gedächtnisblätter von dem W-Seminar am Max-Mannheimer-Gymnasium Grafing bekommen – mit der Post von den Schülern zugeschickt, weil die Präsentation am 22. März wegen Corona abgesagt werden musste. Dank des tollen Engagements der Schüler sind die Blätter alle fertig verfasst, korrigiert und zudem individuell gestaltet. Manche haben eigens Zeichnungen angefertigt – da gibt es keine Probleme mit den Veröffentlichungsrechten!

Trotzdem gibt es für mich noch einiges zu tun: Bildunterschriften prüfen, Veröffentlichungsgenehmigungen von Bildern überprüfen oder einholen, die eine oder andere Korrektur hat sich auch noch ergeben. Auch fehlen die Unterschriften, weil die Veranstaltung nicht stattfinden konnte. Manche bekommen wir jetzt digital zugeschickt, in anderen Fällen fährt Kristina, die Freiwillige von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste im Projekt, mit den Blättern zu den Angehörigen und bittet sie, die Blätter zu unterschreiben. Das geht natürlich nur, wenn die Wege nicht allzu weit sind.“

(11.6.2020; Sabine Gerhardus/IS)

 

Seminar Biographisches Schreiben: Angehörigeninterview mit Reinhard Enzmann

Der Schüler Peter Frey interviewte am 22. April 2020 via Skype Reinhard Enzmann, den Enkel des Dachau-Häftlings Hermann Enzmann.

Peter Frey, Teilnehmer am W-Seminar Biographisches Schreiben am Dachauer Josef-Effner-Gymnasium, schreibt über den aus den sudetendeutschen Gebieten der Tschechoslowakei stammenden Hermann Enzmann eine Biographie für das Gedächtnisbuch. Die Nazis hatten den 1900 geborenen Hermann Enzmann aufgrund seiner Parteimitglied vom 11.11.1938 bis zum 8. März 1939 im Konzentrationslager Dachau als Schutzhäftling inhaftiert. Sein Enkel Reinhard Enzmann betreibt heute die Caféteria in der Gedenkstätte Dachau.

Dem Interview vorhergegangen war eine Korrespondenz per E-Mail und schließlich ein persönliches Treffen, bei dem einige Dokumente übergeben wurden. Auch das Interview hätte eigentlich persönlich stattfinden sollen, aber dann machte Corona einen Strich durch die Rechnung.

Über Skype wurde das Interview trotzdem geführt und aufgezeichnet. Ganz ohne technische Probleme funktionierte es nicht, auch das Telefon musste immer mal wieder zu Hilfe genommen werden. Beide Seiten sind mit dem Interview zufrieden. Und wir sind neugierig auf das Gedächtnisblatt, das Peter Frey auf der Grundlage dieses Interviews und vieler weiterer Recherchen schreiben wird.

(6.6.20; IS)