Aber eine Frage fehlte noch: Was für ein Mensch war er?

Maja Lynn, Freiwillige im Gedächtnisbuch, berichtet über ihre Recherche-Reise in die Niederlande.

Als ASF- (Aktion Sühnezeichen Friedensdienst) Freiwillige für die Versöhnungskirche der  KZ-Gedenkstatte Dachau und das Projekt Gedächtnisbuch arbeite ich an einem Gedächtnisblatt über den niederländischen Haftlinge  Jacobus „Jac“  de Vries. In diesem Zusammenhang hatte ich die Gelegenheit zur Recherche in die Niederlande zu fahren.

Vorher hatte ich schon Dokumente aus verschiedenen Archiven und eine Privatsammlung erhalten und wusste vieles  über Jacobus’ Leben. Ich wusste, dass er Soldat in der KNIL (Königlich Niederländisch-Ostindischen Armee) war und im Laufe seiner Karriere Kapitän geworden ist. Er war ein Kolonialist und Monarchist. Jac und seiner Frau Mini hatten eine Tochter Johanna und er war Pflegevater eines älteren Mädchens Katy aus Mini’s erster Ehe.  Ich wusste, dass er Mitglied der Widerstandsgruppe Odredienst geworden ist, nachdem die Nazis die Niederlande besetzt hatten. Deswegen wurde er im April 1941 inhaftiert. Ich wusste, dass er in ein Gefängnis in Scheveningen gebracht worden war und danach ins Polizeiliches Durchgangslager Amersfoort, dann ins KZ Buchenwald, das KZ Natzweiler und schließlich ins KZ Dachau. Und ich wusste, dass er am 3. Januar 1945 in Dachau gestorben ist.

So hatte ich schon einige Details seiner Geschichte, aber eine wichtige Frage fehlte noch: Was für ein Mensch war er? Diese Frage hoffte ich beantworten zu können mit Unterstützung von Sabine Gerhardus und besonders von Jos Sinnema, der mich durch die Niederlande begleitet hat. Er hatte mir schon Übersetzungen der niederländischen Dokumente gegeben.

Wahrend der Reise habe ich zwei Familienangehörige besucht, die Gedenkstätte in Amersfoort, das Gefängnis in Scheveningen gesehen und das Nationalarchiv besucht. Zum Glück konnte ich auch den niederländischen Gedenktag für die Opfer des Zweiten Weltkriegs miterleben. Während der Hauptzeremonie  steht das ganzes Land für zwei Minuten in Erinnerung an niederländische Opfer still. Dieses starke Symbol des Schmerzes und des Verlustes, an dem sich das ganze Land beteiligt, hat mich sehr berührt und hat mir geholfen, die Bedeutung meiner Biographiearbeit besser zu verstehen. Ruth Wellema, die Enkeltochter von Jacobus de Vries erinnert sich immer noch daran, wie an diesem Tag in ihrer Kindheit die ganzen Familie zusammensaß. Obwohl sie wenig über ihren Opa wusste, konnte sie ein unverkennbares Gefühl von Traurigkeit im Raum fühlen. Es waren solche Erinnerungen, die diese  Reise für mich so besonders gemacht haben. Erinnerungen an die Familie de Vries und alte Geschichten über Jacobus, die mir Ruth und ihre Schwägerin Marjan Wellema erzählt haben.

Erfolgreich war auch die Suche nach Dokumenten, denn zu meinem großen Glück haben wir Hunderte von Briefen, Fotos und anderen Objekten der Erinnerung an Jacobus´ Leben bei der Familie und im Nationalarchiv entdeckt. Zusammen mit Jos haben wir alles fotografiert und sind den ganzen Montag in der Bibliothek gesessen, um die Briefe zu übersetzen. Es waren darunter  Briefe von Jac aus dem KZ und von überlebenden Mithäftlingen, die  seiner Frau nach dem Krieg von Jac berichtet haben. Diese Briefe waren sehr emotional und es war eine langer spannender Tag und ein arbeits- und erfolgreiches Wochenende. Ich habe jetzt fast zu viel Information, es wird schwierig, auszuwählen. Aber ich habe sehr vieles erfahren, was meine Biografie hoffentlich lebendig machen wird.

(6.6.2018; Text: Maja Lynn/IS)

Einladung: Lesung aus den Erinnerungen von Kiky Gerritsen-Heinsius

Kiky Gerritsen-Heinsius aus den Niederlanden musste als politischer Häftling im Dachauer KZ-Außenlager Agfa-Werk in München-Giesing arbeiten. Darüber berichtete sie in ihren Memoiren, aus denen die Münchner Schauspielerin und Regisseurin Lydia Starkulla am 5. Juni 2018 lesen wird.

Zu den Erinnerungen von Kiky Gerritsen-Heinsius gehört auch der Streik der Agfa-Frauen im Januar 1945: „Was am 12. Januar 1945 schließlich den Ausschlag gegeben hat, weiß ich eigentlich nicht mehr. … kurz nach der Mittagspause (wurde) plötzlich vorn im Saal die Arbeit niedergelegt. Nein, wir wollen nicht mehr arbeiten, wir haben Hunger.“

Die Lesung ist Teil des Begleitprogramm der aktuellen Ausstellungen im Sonderausstellungsraum in der KZ-Gedenkstätte Dachau und in der Versöhnungskirche. Ein Gedächtnisblatt zu Kiky Gerritsen-Heinsius hatte die Schülerin Anna Krombacher in den Jahren 2011-2012 angefertigt.

Hier geht’s zum Gedächtnisblatt:

Kiky Gerritsen-Heinsius

Weitere Informationen zur Veranstaltung und zur den Ausstellungen finden sich im Veranstaltungskalender rechts auf dieser Website.

(31.5.2018; Foto: privat; Text: Irene Stuiber)

 

Abschlussessen mit den Grafinger Schülerinnen und Schülern

Sabine Gerhardus schreibt uns über ihr Abschlussessen mit den Schülerinnen und Schülern des Grafinger W-Seminars:

„Am Mittwoch, den 16.5. traf ich das Grafinger W-Seminar Name statt Nummern von Petra Köpf zum Abschlussessen in der Osteria in Ebersberg. 5 Schülerinnen, 3 Schüler und Petra Köpf waren gekommen, um den erfolgreichen Abschluss des W-Seminars zu feiern.

Ich habe mich sehr gefreut, die Schülerinnen und Schüler so fröhlich und offen zu erleben. Das hatte ich gar nicht erwartet, denn sie stecken noch mitten in den Abiturprüfungen und auch vorher hatte ich sie häufig im Leistungsdruck erlebt. Aber nun war ihnen anzusehen, dass der große Stress hinter ihnen liegt. Das schriftliche Abitur ist geschrieben, zur Schule gehen sie nicht mehr, sie müssen „nur“ noch zwei mündliche Prüfungen ablegen und bis dahin genießen sie die Pfingstferien.

Herzlichen Dank für die schönen Gedächtnisblätter und die gute Zusammenarbeit! Fürs Abitur und all die interessanten Pläne danach alles Gute!“

(31.5.2018; Text: Sabine Gerhardus/IS)

Radio-Feature zu Aktion Sühnezeichen

Beata Tomczyk, Maja Lynn und Klaus Schultz standen einer Journalistin des Bayerischen Rundfunks für Interviews zur Verfügung. Anlass ist das 60jährige Bestehen von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste.

Beata Tomczyk

In der Sendung „Nahaufnahme“ sendet der Bayerische Rundfunk am Freitag, den 25.5.2018 um 15.30 Uhr das Feature „Freiwilligendienst für den Frieden“ von Barbara Schneider in seinem Programm Bayern 2. Mit zur Sendung beigetragen haben die Freiwilligen im Gedächtnisbuch-Projekt Beata Tomczyk und Maja Lynn sowie Trägerkreisvertreter Klaus Schultz.

„Die Nahaufnahme zeichnet nach, warum sich junge Menschen bis heute als Freiwillige der Aktion Sühnezeichen für den Frieden und die Aussöhnung zwischen den Völkern einsetzen.“, heißt es in der Sendungsankündigung.

Wer’s nicht schafft, die Sendung zu hören, kann in der BR-Mediathek auf den 30minütigen Podcast zugreifen.

Hier gehts zur Sendungsseite des BR:

https://www.br.de/radio/bayern2/programmkalender/ausstrahlung-1399936.html

(24.5.2018; Text/Foto: Irene Stuiber)

Buchvorstellung: Die 50er Jahre im Landkreis Dachau

„Was ist mit den 60ern? Was ist mit den 70ern? Das ganze Projekt schreit nach Fortsetzung.“

Der Historiker Wilhelm Liebhart denkt schon in die Zukunft, als er seinen Beitrag für das von Annegret Braun herausgegebene Buch „Die 50er Jahre im Landkreis Dachau. Wirtschaftswunder und Verdrängung.“ am 16. Mai 2018 in Hebertshausen vorstellt.

Die Publikum, darunter viele Autorinnen und Autoren des vorgestellten Bands und Mitwirkende der Geschichtswerkstatt im Landkreis Dachau, schließt sich dieser Feststellung nur zu gern an. Die Vielfalt des vorgelegten Sammelbands und die Entdeckerfreude der beteiligten Geschichtsforscher spiegelt sich in den Vorträgen.

Der Aufsatz von Sabine Gerhardus wertet Akten des Gesundheitsamts Dachau aus, die im Rahmen von Endschädigungsverfahren von NS-Verfolgten angelegt wurden. Da die Autorin verhindert ist, liest Herausgeberin Annegret Braun einen Teil ihres Textes vor. „Die Beurteilungspraxis durch die Gesundheitsämter war sicher nur ein Steinchen im Mosaik der Verdrängung.“, fasst Gerhardus zusammen.

Markus Erhorn beschäftigt sich in seinem Beitrag mit „Gesellschaft, Kultur und Politik in der Stadt Dachau“. Nicht zuletzt wird deutlich, dass so manches Ereignis der 50er Jahre auch den bayerischen Landtag beschäftigte.

Heide Bossert gibt ihr Zeitzeugeninterview mit Werner Kopp über Hebertshausen in den 50er Jahren im Dachauer Dialekt wieder. Ihr ist es gelungen, die Mundart auch in der Verschriftlichung beizubehalten und die Veranstaltungsbesucher freuen sich über den lebendigen Vortrag. Ob jeder alles verstanden hat?

Grußworte von Schirmherr und Bezirksheimatpfleger Norbert Göttler, Landrat Stefan Löwl und des Hebertshausener Bürgermeisters Richard Reischl begleiten das Buch beim Start. Reihenherausgeber Bernhard Schossig erzählt, über welche Wege und Umwege die Bücher der Geschichtswerkstatt ihren Weg in die „Dachauer Diskurse“ des Herbert Utz-Verlag fanden. Annerose Stanglmayr vom Dachauer Forum dankt allen Beteiligten für die tatkräftige Unterstützung und veranschaulicht, was es alles braucht, um 600 Seiten Landkreisgeschichte zwischen zwei Buchdeckel zu bannen.

Und wer hätte sich träumen lassen, Elvis höchstpersönlich an diesem Abend in Hebertshausen zu begegnen?

Inhaltsverzeichnis als PDF

Annegret Braun (Hg.): Die 50er Jahre im Landkreis Dachau. Wirtschaftswunder und Verdrängung. Herbert Utz Verlag München 2018. (= Dachauer Diskurse. Beiträge zur Zeitgeschichte und zur historisch-politischen Bildung. Bd. 9. Hg. von Nina Ritz, Bernhard Schoßig und Robert Sigel.)

 

Fotos von der Buchvorstellung

 

(17.5.18; Text und Fotos: Irene Stuiber)

Peter Mreijen stellt Gedächtnisblatt zu Henk Zanoli fertig

Am 22. März hat Geschichtslehrer Peter Mreijen das Gedächtnisblatt über Henk Zanoli vorgestellt. Damit hat er die Arbeit vollendet, die zwei seiner Schülerinnen im Het Baarnsch Lyceum, Sophie Pelzer und Sophia Hoek, 2015 angefangen haben.

Familie Zanoli

Dass die beiden Schülerinnen das Gedächtnisblatt nicht selbst fertigstellen konnten, lag vor allem daran, dass ihr geplantes Zeitzeugeninterview mit einem bereits 92 jährigen Sohn von Henk Zanoli leider niemals stattfinden konnte. Er wurde krank und wurde ins Krankenhaus gebracht, wo er einige Zeit später starb. Peter, der einen guten Kontakt zu Henk Zanolis Enkeltochter Joani Zanoli hat, fand es wichtig, die Arbeit doch noch zu vollenden. Joani Zanoli unterzeichnete das Gedächtnisblatt ihres Großvaters im Namen der Familie.

Joani und Peter im April 2018

Henk Zanoli wurde am 10. Juli 1896 in Hilversum in den Niederlanden geboren. Henk war ein überzeugter Anarcho-Syndikalist, der sich als selbstständiger Rechtsberater für die sozial Schwächeren einsetzte. Während der deutschen Besatzung wohnte er mit seiner Frau Johanna und sechs Kindern in Laren. Als im Juni 1941 der Angriff auf die Sowjetunion stattfand, wurde er im Zuge der CPN-Aktion verhaftet. Ziel dieser Verhaftungswelle war es, möglichen Widerstand von links zu eliminieren. Henk kam über die Polizeilichen Durchgangslager Schoorl und Amersfoort in die Konzentrationslager Neuengamme, Dachau, Majdanek, Auschwitz und schließlich nach Mauthausen, wo er im Februar 1945 starb.

Nach der Präsentation des Gedächtnisblatts am 22. März 2018 in Dachau fuhr Peter Mreijen nach Mauthausen. Hier ließ sich ziemlich genau feststellen, wo Henk Zanoli nach der Ankunft des Todesmarsches aus Auschwitz gestorben sein muss. Auch fand Peter Zanolis Namen auf zwei Denkmälern auf dem ehemaligen KZ-Gelände: auf dem Denkmal für die Niederländer, die in Mauthausen umgekommen sind, und im Raum der Namen, wo die Namen von allen KZ-Opfern erwähnt werden. Für die Familie machte Peter Fotos davon, um zu zeigen, dass an Henk Zanoli nicht nur in Dachau, sondern auch in Mauthausen gedacht wird.

(11.5.2018; Text: Jos Sinnema)

Ausstellungseröffnung in Dachau: Ein Projekt, das etwas mit uns macht

Deutlich spürbar war die enge Verbindung zwischen dem Ehrengast und Dachau-Überlebenden Ernst Sillem und der Rednerin Sydney Weith bei der Ausstellungseröffnung in Dachau am 27. April 2018. Die KZ-Gedenkstätte Dachau zeigt die nächsten zwölf Monate die Sonderausstellung „Namen statt Nummern. Niederländische politische Häftlinge im KZ-Dachau.“

Rednerin Sydney Weith, in der Bildmitte Ehrengast Ernst Sillem

Die heute 21jährige Sydney Weith schrieb vor fünf Jahren ein Gedächtnisblatt über Ernst Sillem, geblieben ist eine Freundschaft zwischen dem ehemaligen Häftling und der jungen Frau. Ernst Sillem besuchte, genauso wie Sydney 70 Jahre später, das Het Baarnsch Lyceum. Aber, so Sydney: „Es gab einen großen Unterschied: Es war nicht 2013, sondern 1941. Krieg. Die Deutschen waren in den Niederlanden einmarschiert und Ernst begriff nicht, dass ein befreundetes Land so etwas tun konnte. Daher wollte er aktiv werden.“ Ernst Sillem malte antideutsche Parolen an die Wände des Gymnasiums. Trotz umfangreicher Ermittlungen fand die Polizei nicht heraus, wer der Täter war. Sydney erzählt: „Außerdem hatte er mit dieser Aktion der Schule zu einer Woche Ferien verholfen. Wie er es selbst beschreibt: Es waren seine Glanzjahre.“

Wie es kam, dass Ernst Sillem doch als Gefangener in deutschen Konzentrationslagern und auch im KZ-Dachau landete, erzählt die Ausstellung und das von Sydney Weith verfasste Gedächtnisblatt. Sydney sagt heute: „Ich hatte nie erwartet, dass „Namen statt Nummern“ mich so lange beschäftigen würde.“ Aber es kam anders: „Inzwischen sind fünf Jahre vergangen, und ich stelle fest, dass „Namen statt Nummern“ für mich etwas ist, das nie zu Ende gehen wird.“

Als Download: PDF der Rede von Sydney Weith

 

„Ein Projekt, das etwas mit uns macht“

Der niederländische Generalkonsul Peter Vermeij freute sich, die „klug zusammengestellte und sehr beeindruckende Ausstellung“ eröffnen zu dürfen. Das damit verbundene Lern- und Biographieprojekt habe bei allen Beteiligten tiefe Spuren hinterlassen. „Ein Projekt, das etwas mit uns macht.“, betonte Vermeij beeindruckt. Er zitierte aus den Schlussfolgerungen der jugendlichen Autorinnen und Autoren: „Ich habe erlebt, wie sehr diese hässlichen Erfahrungen sein Leben prägten und wie sich das in die jetzige Generation fortsetzt.“, zitierte Vermeij einen Projektteilnehmer. Eine weiteres Zitat: „Ich bewundere seine positive Lebenserfahrung.“, meinte eine Autorin. Ein besonderes Dankeschön richtete Vermeij an die beteiligten Dachau-Überlebenden: „Darüber zu sprechen und solche schrecklichen Erfahrungen mit jungen Menschen zu teilen, ist nicht selbstverständlich.“

Zu Beginn der Veranstaltung hatte Gedenkstellenleiterin Gabriele Hammermann einen Überblick über die Gesamtzahl niederländischer Gefangener in deutschen Konzentrationslagern und deren Zugehörigkeiten gegeben.

 

„Briefe wie kleine Funken“

Wie kam es zum Gedächtnisbuchprojekt in den Niederlanden? Ein zufälliger Blick in ein Schaufenster gab Jos Sinnema den Anstoß, sich mit der Geschichte des Dachau-Häftlings Karel Horais zu beschäftigen: In der Auslage stand ein im KZ-Dachau geschriebener Brief von Karel Horais zum Verkauf. Sinnemas Recherchen führten ihn ins Archiv der Gedenkstätte, dort erhielt er einen Hinweis auf das Gedächtnisbuch.

Nicht zuletzt seine Erfahrungen bei der alljährlichen Gedächtnisbuchpräsentation am 22. März motivierten Jos Sinnema zur ehrenamtlichen Mitarbeit am Gedächtnisbuch, sie brachten ihn dazu, niederländische Schülerinnen und Schüler zum Mitmachen anzuspornen und sie bei ihrem Biographieprojekt zu unterstützen: „Vor allem, weil ich an diesem Tag erfuhr, wie wichtig das sein kann, und zwar sowohl für die Schüler als auch für die Überlebenden oder ihre Nachfahren.“

Was dann folgte, beschreibt Jos Sinnema so: „Karels Briefe, zur Handelsware geworden, sind in Amsterdam wie kleine Funken gewesen. Sie haben das Thema „Dachau“ in vier niederländische Schulen gebracht. Dort haben sich in den vergangenen Jahren viele Schüler intensiv in die Lebensgeschichten niederländischer Häftlinge vertieft. Ich denke, die Schüler haben viel dabei gelernt. Jeder auf seine eigene Art und Weise.“

 PDF-Download: Redemanuskript von Jos Sinnema

 

„Der Widerstand wird heute in den Niederlanden wieder mehr geschätzt“

Liesbeth van der Horst, Direktorin des Amsterdamer Widerstandsmuseums, berichtete von der Geschichte ihres Hauses und der schwierigen Rezeption des politischen Widerstands in ihrem Heimatland. „In den letzten Jahren wird der Widerstand in den Niederlanden glücklicherweise wieder mehr geschätzt. Vielleicht hat die Ausstellung, die hier heute eröffnet wird, einen Beitrag dazu geleistet.“

Vor drei Jahren hatte das Widerstandsmuseum die Ausstellung in Amsterdam gezeigt. Wichtig war dem Museum das der Ausstellung vorgeschaltete Bildungsprojekt, in dem junge Menschen unter Anleitung von Jos Sinnema für das Gedächtnisbuch Biographien für das Gedächtnisbuch schrieben. Ein weiterer roter Faden zieht sich durch die Ausstellung: „Anhand ihrer persönlichen Gegenstände wollen wir zeigen, wie Häftlinge in Konzentrationslagern ihre Menschlichkeit und Würde zu wahren versuchten, in einem System, in dem alles auf die Entmenschlichung angelegt war.“

Das in der Ausstellung gezeigte digitale Mahnmal für die rund 2000 niederländischen Dachau-Häftlinge ist Teil der Website des Amsterdamer Widerstandsmuseums. Angehörige von ehemaligen Häftlingen können heute noch Informationen ergänzen. „2017 wurde das Mahnmal mit 38 Ergänzungen erweitert.“, so Liesbeth van der Horst.

Als Download: PDF der Rede von Liesbeth van der Horst

 

Besucher-Feedback: „Ich komme noch einmal!“

„Die Ausstellung ist wunderbar! Ich komme noch einmal und schaue mir das alles ganz genau an.“, so eine Besucherin nach der Ausstellungseröffnung. Das Niederländische Generalkonsulat lud im Anschluss an die Eröffnung zum Büffet und Meinungsaustausch im Seminarraum: Angeregt sprachen die Besucherinnen und Besucher über Aspekte der Ausstellung und über Exponate, die besonders beeindruckten. Mancher hatte bereits ein Lieblingsstück gefunden.

Einige Besucher wunderten sich, dass in der Ausstellung ein Hinweis auf die in der nahen Versöhnungskirche immer einsehbaren Gedächtnisblätter fehlt. Leider fehlt auch ein Hinweis auf die noch bis zum 30. September 2018 in der Versöhnungskirche gezeigte Wanderausstellung des Gedächtnisbuchs „Namen statt Nummern“, in der unter anderem die Biographie des niederländischen Häftlings Henk van de Water präsentiert wird.

 

Fotos von der Veranstaltung

 

Weitere Informationen zu Ort und Öffnungszeiten der Ausstellung entnehmen Sie bitte unseren Veranstaltungskalender rechts auf dieser Website.

Vielen Dank für die Genehmigung zur Publikation der Reden an die Autorinnen und Autoren und für die Überlassung der Übersetzung an die KZ-Gedenkstätte Dachau.

(4.5.2018; Text/Fotos: Irene Stuiber)

Empfang zum niederländischen Königstag

Sehr gefreut hat sich das Gedächtnisbuch über die Einladung zum Empfang anlässlich des niederländischen Königstags.

V.l.n.r.: Klaus Schultz, Sabine Gerhardus, Ludwig Schmidinger

Generalkonsul Peter Vermeij hatte zum niederländischen Nationalfeiertag ins Münchner ADAC-Gebäude eingeladen. Die Projektleiterin Sabine Gerhardus sowie die Trägerkreisvertreter Klaus Schultz und Ludwig Schmidinger nahmen die Einladung gerne an.

(1.5.2018; Text: Irene Stuiber)

Gedenkveranstaltung Todesmarsch: „Wir müssen wachsam sein und wir müssen wieder handeln“

Sehr besorgt angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen zeigten sich beide Redner der Gedenkveranstaltung zum Todesmarsch am 28. April in Dachau. Es sprachen der KZ-Überlebende Abba Naor und Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler.

Abba Naor

„Diejenigen, die nicht mehr laufen konnten, sind erschossen worden, ganz einfach. Man hörte jedesmal einen Knall. Man wusste, noch einer ist weg.“, erinnerte sich der 90jährige Abba Naor an den Todesmarsch. Er sei in den letzten Jahrzehnten sehr oft in Deutschland gewesen, hätte oft mit jungen Menschen in Schulen gesprochen, sagte Naor, und er hätte einen wiedererstehenden Antisemitismus nicht für möglich gehalten. „Ich bin kein religiöser Mensch, aber demnächst werde ich mit der Kipa gehen. Mal sehen.“ Er hoffe darauf, dass der Antisemitismus und das Erstarken der rechten Parteien nur eine Übergangssache sei. „Die jungen Menschen werden es nicht zulassen.“

Susanne Breit-Keßler erinnerte warnend an die Teilnehmer des letzten Opernballs und analysierte Inhalt und Sprache einer menschenverachtenden Anfrage der AfD im Bundestag. Sie zitierte Rabbi Erwin Schild, der schreibt, dass seine Eltern als aufgeklärte Menschen in den 20er Jahren den Holocaust und die Verbrechen der Nationalsozialisten für vollkommen unmöglich gehalten hätten. Die Schlußfolgerung der Bischöfin: „Wir müssen wachsam sein und wir müssen wieder handeln.“ Sie betonte, junge Menschen müssten erkennen, „welche Lust es ist, in kultureller, nationaler und auch religiöser Vielfalt zu leben.“ Als wegweisendes Dachauer Projekt nannte Susanne Breit-Keßler das Gedächtnisbuch.

Begrüßt wurden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Gedenkveranstaltung vom Dachauer Oberbürgermeister Florian Hartmann. Aus Erinnerungen von Menschen, die den Todesmarsch erleiden mussten, lasen Gerd Modert vom Dachauer Forum und Maja Lynn, Freiwillige der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste in Dachau.

 

Fotos

 

(30.4.2018; Text/Fotos: Irene Stuiber)