Georg Scherer: ein Mann, der Dachau prägte

Ehrenamtliche bereiten in Dachau gerade eine Ausstellung zu Georg Scherer vor. An der Erstellung der Ausstellung beteiligen sich Gedächtnisbuch, ASV und Geschichtswerkstatt.

Georg Scherer war Arbeiter, Sportler, Widerstandskämpfer, KZ-Häftling, Stadtrat, Bürgermeister und Unternehmer. Viele Jahre stand er an der Spitze des Dachauer Sportvereins ASV und trug maßgeblich zu dessem Auf- und Ausbau bei. Auch die Kommunalpolitik war sein großes Anliegen: Scherer engagierte sich für die Versorgung der Bevölkerung, die Behebung der Wohnungsnot, den Aufbau des Sportvereins und gegen das Verdrängen der NS-Verbrechen.

Der ASV, Geschichtswerkstatt und Gedächtnisbuch folgten den Spuren von Scherers Lebensgeschichte. Die Ergebnisse präsentiert ab Ende März 2019 eine Ausstellung in Dachau. Auch erweitert Georg Scherers Biographie die Wanderausstellung „Das Lager und der Landkreis“.

(24.1.2018)

 

Rückblick auf 2018

Ausstellungen, Veranstaltungen, neue Gedächtnisblätter – viel ist im Jahr 2018 im Gedächtnisbuchprojekt passiert.

Das Grafinger W-Seminar im Staatsarchiv

Wer kurz nachlesen will, wird auf unserer Chronik-Seite fündig:

Chronik 2018

Ausführlichere Infos gibt es in den Berichten hier im Blog, einfach nach unten blättern!

Viel Spaß bei der Lektüre!

 

Filme übers Gedächtnisbuch

Was ist eigentlich aus den Filmaufnahmen Julian Monatzeders geworden? Schon häufiger wurde auf dieser Website über die Arbeiten an den Filmen über das Gedächtnisbuch und unsere Wanderausstellung berichtet.

Nun liegen die Ergebnisse vor. Der 25minütige Film „Gedächtnisbuch“ und der 90 Sekunden dauernde Kurzfilm über die Wanderausstellung „Namen statt Nummern“ lassen sich hier ansehen:

Film Gedächtnisbuch (25 Minuten)

Film zur Ausstellung Namen statt Nummern (1,5 Minuten).

Viel Spaß dabei!

(11.1.2019; Foto: Julian Monatzeder, Text: Irene Stuiber)

 

Gedächtnisblätter in der Versöhnungskirche

Den besten Überblick über die Gedächtnisblätter gibt es in der Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau.

Hier finden sich viele Biographien, die aus unterschiedlichen Gründen zur Zeit nicht auf dieser Website präsentiert werden können. Das Foto zeigt Klaus Schultz beim Aktualisieren des digitalen Lesetischs. Das Gedächtnisbuch ist analog und digital im Gesprächsraum der Kirche für Besucherinnen und Besucher verfügbar.

Gedächtnisblätter online auf dieser Website

Infos zur Versöhnungskirche, mit Öffnungszeiten und Adresse

(3.1.2019; IS)

W-Seminar Grafing 2018: Mit Schwung bei der Projektarbeit

Im September 2018 begannen die Schülerinnen und Schüler im W-Seminar des Grafinger Gymnasiums mit ihren Gedächtnisblättern und der Erarbeitung von Biografien für das BLLV-Projekt Erinnern. Aus dem Seminar berichten Sabine Gerhardus und Anastasiia Lapteva.

Sabine Gerhardus berichtet über die erste Begegnung mit zwei Nachkommen von NS-Verfolgten und die laufende Arbeit im Seminar:

„Im November trafen sich Benedikt Leonhard, Larissa Heindl und drei weitere Schülerinnen aus dem W-Seminar am Gymnasium Grafing in einer Münchner Gaststätte mit zwei Nachkommen ehemaliger Verfolgter. Die Väter von Burgi Volgger und Jörg Watzinger waren als politische Häftlinge im Konzentrationslager Dachau. Larissa und Benedikt haben die Aufgabe übernommen, ihre Biographien für das Gedächtnisbuch zu recherchieren.

Friedl Volgger und Karl Otto Watzinger verband nach der Befreiung eine lebenslange Freundschaft, deshalb kennen sich auch ihre Angehörigen schon sehr lange. Die Schüler waren beeindruckt von der Offenheit, mit sie aus der Sicht der Kinder von ehemals Verfolgten erzählten.

Inzwischen haben die Schüler mit der Archiv-Recherche begonnen. Am Donnerstag vor den Weihnachtsferien besuchte Benedikt zusammen mit vier Mitschülerinnen das Archiv der KZ-Gedenkstätte Dachau.  Im Frühjahr wollen sie Interviews mit den Angehörigen führen. Bis dahin haben sie mit der Quellenrecherche noch alle Hände voll zu tun.“

Über zwei Seminartermine im November schreibt Anastasiia Lapteva, ASF-Freiwillige im Projekt:

„Am 15. und am 22. November 2018 beschäftigte sich das W-Seminar Namen statt Nummern  mit den anstehenden Archivrecherchen. Jede Schülerin und jeder Schüler hat inzwischen einen ehemaligen Häftling des Konzentrationslagers Dachau oder einen in der NS-Zeit verfolgten Lehrer ausgewählt. Nun wollen alle so schnell wie möglich mit der Recherche für ihre Gedächtnisblätter anfangen.

Damit sie mit den Recherchen in den Archiven beginnen können, gab ihnen Sabine Gerhardus, die Leiterin des Gedächtnisbuch-Projekts Tipps. So erfuhren die Schüler, wie sie sich auf die Arbeit im Archiv vorbereiten können und was sie dort erwartet. Außerdem wurde besprochen, in welchen Archiven sie nach Dokumenten für ihre Biographien suchen können, wie die Dokumente dorthin gelangen und verzeichnet werden, was eine Signatur ist, wie sie aufgebaut und wozu sie nötig ist. Erste Archivanfragen wurden formuliert. Beide Seminartage fanden im Computerraum der Schule statt, so dass die Schüler bereits an den digitalen Lebensläufen arbeiten konnten, die ihre Arbeit in den nächsten Monaten begleiten werden.“

(29.12.2018; Text: Sabine Gerhardus, Anastasiia Lapteva, IS)

Worüber schreiben die Grafinger W-Seminarler?

Seit September läuft das neue W-Seminar im Gymnasium Grafing. Worüber recherchieren und schreiben die Schülerinnen und Schüler?

Ende Oktober wurde im Grafinger W-Seminar die Verteilung der Projekte vorgenommen, seitdem arbeiten die Seminarteilnehmerinnen und -teilnehmer konkret an ihren Projekten.

Ein deutlicher Schwerpunkt liegt auf der Geschichte sowjetischer KZ-Häftlinge. Sabine Gerhardus meint dazu: „Ich freue mich, dass wir die beiden Überlebenden Wladimir Dschelali aus Mariupol und Peter Perel, der ebenfalls  aus der Ukraine stammt, für das Projekt gewinnen konnten.“ Möglich ist die Darstellung dieser Lebensgeschichten aufgrund der Unterstützung von Anastasiia Lapteva, derzeit Freiwillige im Gedächtnisbuch-Projekt, die aus Russland kommt.

Auch die weiteren Themen versprechen interessante Ergebnisse zur Biographie von ehemaligen Dachau-Häftlingen sowie von verfolgten Lehrerinnen und Lehrern: Vier Schülerinnen können bei ihren Forschungen mit den Nachkommen ehemaliger Häftlinge des KZ Dachau zusammenarbeiten. Eine weitere Schülerin arbeitet über einen französischen Häftling, eine andere schreibt über einen Arbeitersportler. Auch mit der Lebens- und Verfolgungsgeschichte von bayerischen jüdischen Lehrerinnen, Lehrern und Rabbinern beschäftigt sich das Seminar ausführlich.

Neben einer Startinfo mit biographischen Angaben, Quellenhinweisen und Recherche-Tipps gab Sabine Gerhardus jedem Kursteilnehmenden jeweils eine Quellen- oder Literaturkopie zu der betreffenden Person. Alle Schülerinnen und Schüler erhielten einen digitalen Arbeitsordner.

Hier eine Information zum Artikelfoto: Auf dem Bild sind unter anderem Publikationen des Nürnberger Lehrers Julius Eisenstädter zu sehen.

(18.12.2018; Foto: Sabine Gerhardus)

 

Zwischenbericht: Als ASF-Freiwillige beim Gedächtnisbuch

Anastasiia Lapteva berichtet über ihre ersten Monate als Freiwillige von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste im Projekt Gedächtnisbuch.

Seit Mitte September arbeite  ich beim Projekt „Gedächtnisbuch“ zusammen mit einer Freiwilligen aus Frankreich, Maeva Keller, und der Leiterin des Projekts, Sabine Gerhardus. Ich freue mich über unserer Team, weil wir immer bereit sind, einander zu helfen.

Unsere Arbeit begann mit dem Kennenlernen von allen Mitarbeitern/innen und natürlich mit Information über das Projekt.  Weil Deutsch nicht unsere Muttersprache ist, sollten wir alle Information selbst finden und dann darüber erzählen. Diese Übung war Sabines Idee und ich finde sie sehr nützlich für unsere Sprachkenntnisse.

Ende September besuchten wir zusammen mit den Schülern, die eine Biographie schreiben werden, das Staatsarchiv München und die Bayerische Staatsbibliothek und nahmen auch am W-Seminar im Gymnasium Grafing teil. Nach diesen Seminaren und Besuchen entschied ich mich, auch eine Biographie eines jüdischen Lehrers, der das KZ Dachau überlebte, zu bearbeiten. In unserem Büro haben wir eine Bibliothek. Viele Bücher sind über das KZ Dachau, die Judenverfolgung und es gibt auch viele Biographien. Ich nehme oft ein Buch mit nach Hause und lese gern.

Zuerst war es ein bisschen schwierig für mich – alles war neu und manchmal verstand ich nicht alles, aber Sabine half uns immer. Jetzt macht mir meine Arbeit Spaß und ich bin stolz hier zu arbeiten.

(13.12.2018; Text: Anastasiia Lapteva)

Zeitzeugengespräch mit Riccardo Goruppi

Riccardo Goruppi  berichtete am 2. November 2018 in einem Zeitzeugengespräch in der Risiera di San Sabba in Triest von dem, was er als Gefangener in deutschen Konzentrationslagern erleiden musste.

Hier geht’s zur italienischen Übersetzung: Dialogo con Riccardo Goruppi

Als Partisan bekämpft der 1927 in Prosecco (Triest) geborene Riccardo Goruppi schon als junger Mann das faschistische und nationalsozialistische Regime. Ende November 1944 werden er und sein Vater denunziert und verhaftet. Im Gefängnis werden sie  geschlagen und danach ins Konzentrationslager Dachau deportiert.

Vierzig Tage bleiben beide in Dachau, dann überstellt man sie ins das Außenlager Leonberg des KZ Natzweiler. Unter übelsten Bedingungen und Schikanen fertigen hier Häftlinge im Engelberg-Tunnel die Tragflächen des Messerschmitt Düsenjägers Me 262.

Goruppis Vater stirbt im Februar 1945 an einer Lungenentzündung. Riccardo erkrankt an Typhus. Als das Lager evakuiert wird, müssen die Häftlinge, die in der Lage dazu sind, zu Fuß ins Lager Dachau zurückkehren. Sie müssen mehr als zweihundert Kilometer zu Fuß zurücklegen. Goruppi dagegen wird, wie alle anderen Kranken, mit dem Zug transportiert.

Das Lager Dachau ist überfüllt und Goruppi wird nach Mühldorf und Kaufering gebracht, beides Außenlager des KZ Dachau. Der Hunger der Häftlinge ist unbeschreiblich.

Riccardo wird schließlich wiederum auf einen Zug geladen. Dieser Zug dient als Schutzschild für einen anderen gepanzerten Zug, der an der Front schießt. Die Alliierten nehmen den Häftlingszug unter Maschinengewehrfeuer, ohne zu wissen, dass es in ihm nur unschudige Menschen gibt. Schließlich wird der Zug angehalten und Goruppi kann sich verstecken. Nach einem oder zwei Tagen findet ihn ein amerikanischer Soldat und bringt ihn ins Kloster St. Ottilien.

Als er sich ein bisschen besser fühlt, wird er zu einem DP-Lager nach München begleitet. Dort bekommt er einen Ausweis, mit dem er abreisen kann. Wegen einiger Fehler in den Papieren wird er in Ljubljana angehalten. Hier muss er mehr als zwanzig Tage bleiben. Dann begegnet er einem Bekannten, der ihm hilft. Jetzt kann er endlich nach Triest zurückkehren.

Seine Mutter rät ihm, alles zu vergessen und nicht über seine furchtbare Erlebnisse zu sprechen. Goruppi entscheidet sich aber, seine Geschichte zu erzählen und Zeitzeuge dieser entsetzlichen Ereignisse zu sein. Er will damit der unschuldigen Opfer gedenken und Jugendlichen zeigen, dass Hass nur zu mehr Hass führt. Eine Entscheidung, der er bis heute treu bleibt.

 

Unterzeichnung des Gedächtnisblatts

Drei ehrenamtliche Autorinnen haben die Lebensgeschichte von Riccardo Goruppi in einem Gedächtnisblatt aufgezeichnet. Zwei von ihnen, Luisa Ferrero-Heinz und Maurizia I. Puglia, waren Teilnehmerinnen der Studienreise nach Triest. Nach dem Zeitzeugengespräch präsentierten sie Goruppi das Gedächtnisblatt zur Unterschrift.

Klaus Schultz, Trägerkreisvertreter der Versöhnungskirche, lädt Riccardo Goruppi zur Präsentation der neuen Gedächtnisblätter am 22. März 2019 nach Dachau ein. Wir freuen uns sehr darauf, Riccardo Goruppi im März in Dachau begrüßen zu dürfen!

(5.12.2018; Foto: Irene Stuiber)

Dialogo con Riccardo Goruppi

Riccardo Goruppi è nato a Prosecco (Trieste) nel 1927 e già da molto giovane combatte come partigiano contro il regime fascista e nazionalsocialista. Alla fine del novembre 1944 sia lui che il padre vengono denunciati ed arrestati e, dopo essere stati portati in carcere e picchiati, vengono deportati al campo di concentramento di Dachau.

Lì rimangono entrambi per quaranta giorni, poi vengono trasferiti a Leonberg, un sottocampo di Natzweiler. In condizioni disumane ed esposti ad ogni tipo di angheria, i prigionieri devono costruire, all´interno del tunnel Engelberg, le ali dei caccia a reazione Messerschmitt modello Me 262.

Il padre Edoardo muore nel febbraio del 1945 dopo una brutta polmonite e Riccardo si ammala di tifo. Quando il campo viene evacuato i prigionieri in grado di camminare devono tornare al campo di Dachau facendo a piedi più di duecento chilometri. Goruppi, come tutti gli altri malati, viene invece trasportato in treno. Poichè Dachau è sovraffollato Goruppi viene portato prima a Mühldorf a. Inn e poi a Kaufering, entrambi sottocampi di Dachau. In questi campi, ed in particolare a Kaufering, la fame è indescrivibile.

Riccardo viene caricato nuovamente su un treno usato come scudo ad un´altro treno blindato che spara sul fronte. Gli Alleati lo mitragliano senza rendersi conto che all´interno ci sono persone innocenti. Il treno viene fermato e Riccardo riesce a nascondersi e dopo un giorno o due viene trovato da un soldato americano che lo porta al monastero di St. Ottilien.

Quando comincia a stare un po´ meglio viene accompagnato in un un centro profughi di Monaco dove gli fanno i documenti con i quali riesce a partire, ma, a causa di alcune inesattezze nei dati, viene fermato a Lubiana dove rimane ancora per più di venti giorni. In seguito, grazie all´incontro con un conoscente, può far correggere i documenti e tornare finalmente a Trieste.

Sua mamma gli consiglia di cercare di dimenticare e per far questo di non parlare della sua spaventosa esperienza. Goruppi però decide di raccontare la sua storia e di essere testimone di quegli eventi terribili sia per ricordare tutte le vittime innocenti, sia per far capire ai giovani che l´odio porta solamente altro odio. Una decisione alla quale è rimasto fedele fino ai giorni nostri.

Firme del foglio della memoria

Tre autrici volontarie hanno descritto il percorso di vita di Riccardo Goruppi in un foglio della memoria. Due di loro, Luisa Ferrero-Heinz e Maurizia I. Puglia hanno preso parte al viaggio studio a Trieste e dopo l´incontro con il sig. Goruppi glielo hanno presentato e fatto firmare.

Klaus Schultz, rappresentante del circolo della Chiesa della Riconciliazione „Versöhnungskirche“, inviterà il sig. Goruppi a Dachau per la presentazione del foglio della memoria il 22 marzo 2019. Saremo molto felici di poter rivedere e accogliere il sig.Goruppi a Dachau!

(5.12.2018; foto Irene Stuiber; traduzione Luisa Ferrero-Heinz)