W-Seminar Grafing 2018: Mit Schwung bei der Projektarbeit

Im September 2018 begannen die Schülerinnen und Schüler im W-Seminar des Grafinger Gymnasiums mit ihren Gedächtnisblättern und der Erarbeitung von Biografien für das BLLV-Projekt Erinnern. Aus dem Seminar berichten Sabine Gerhardus und Anastasiia Lapteva.

Sabine Gerhardus berichtet über die erste Begegnung mit zwei Nachkommen von NS-Verfolgten und die laufende Arbeit im Seminar:

„Im November trafen sich Benedikt Leonhard, Larissa Heindl und drei weitere Schülerinnen aus dem W-Seminar am Gymnasium Grafing in einer Münchner Gaststätte mit zwei Nachkommen ehemaliger Verfolgter. Die Väter von Burgi Volgger und Jörg Watzinger waren als politische Häftlinge im Konzentrationslager Dachau. Larissa und Benedikt haben die Aufgabe übernommen, ihre Biographien für das Gedächtnisbuch zu recherchieren.

Friedl Volgger und Karl Otto Watzinger verband nach der Befreiung eine lebenslange Freundschaft, deshalb kennen sich auch ihre Angehörigen schon sehr lange. Die Schüler waren beeindruckt von der Offenheit, mit sie aus der Sicht der Kinder von ehemals Verfolgten erzählten.

Inzwischen haben die Schüler mit der Archiv-Recherche begonnen. Am Donnerstag vor den Weihnachtsferien besuchte Benedikt zusammen mit vier Mitschülerinnen das Archiv der KZ-Gedenkstätte Dachau.  Im Frühjahr wollen sie Interviews mit den Angehörigen führen. Bis dahin haben sie mit der Quellenrecherche noch alle Hände voll zu tun.“

Über zwei Seminartermine im November schreibt Anastasiia Lapteva, ASF-Freiwillige im Projekt:

„Am 15. und am 22. November 2018 beschäftigte sich das W-Seminar Namen statt Nummern  mit den anstehenden Archivrecherchen. Jede Schülerin und jeder Schüler hat inzwischen einen ehemaligen Häftling des Konzentrationslagers Dachau oder einen in der NS-Zeit verfolgten Lehrer ausgewählt. Nun wollen alle so schnell wie möglich mit der Recherche für ihre Gedächtnisblätter anfangen.

Damit sie mit den Recherchen in den Archiven beginnen können, gab ihnen Sabine Gerhardus, die Leiterin des Gedächtnisbuch-Projekts Tipps. So erfuhren die Schüler, wie sie sich auf die Arbeit im Archiv vorbereiten können und was sie dort erwartet. Außerdem wurde besprochen, in welchen Archiven sie nach Dokumenten für ihre Biographien suchen können, wie die Dokumente dorthin gelangen und verzeichnet werden, was eine Signatur ist, wie sie aufgebaut und wozu sie nötig ist. Erste Archivanfragen wurden formuliert. Beide Seminartage fanden im Computerraum der Schule statt, so dass die Schüler bereits an den digitalen Lebensläufen arbeiten konnten, die ihre Arbeit in den nächsten Monaten begleiten werden.“

(29.12.2018; Text: Sabine Gerhardus, Anastasiia Lapteva, IS)

Worüber schreiben die Grafinger W-Seminarler?

Seit September läuft das neue W-Seminar im Gymnasium Grafing. Worüber recherchieren und schreiben die Schülerinnen und Schüler?

Ende Oktober wurde im Grafinger W-Seminar die Verteilung der Projekte vorgenommen, seitdem arbeiten die Seminarteilnehmerinnen und -teilnehmer konkret an ihren Projekten.

Ein deutlicher Schwerpunkt liegt auf der Geschichte sowjetischer KZ-Häftlinge. Sabine Gerhardus meint dazu: „Ich freue mich, dass wir die beiden Überlebenden Wladimir Dschelali aus Mariupol und Peter Perel, der ebenfalls  aus der Ukraine stammt, für das Projekt gewinnen konnten.“ Möglich ist die Darstellung dieser Lebensgeschichten aufgrund der Unterstützung von Anastasiia Lapteva, derzeit Freiwillige im Gedächtnisbuch-Projekt, die aus Russland kommt.

Auch die weiteren Themen versprechen interessante Ergebnisse zur Biographie von ehemaligen Dachau-Häftlingen sowie von verfolgten Lehrerinnen und Lehrern: Vier Schülerinnen können bei ihren Forschungen mit den Nachkommen ehemaliger Häftlinge des KZ Dachau zusammenarbeiten. Eine weitere Schülerin arbeitet über einen französischen Häftling, eine andere schreibt über einen Arbeitersportler. Auch mit der Lebens- und Verfolgungsgeschichte von bayerischen jüdischen Lehrerinnen, Lehrern und Rabbinern beschäftigt sich das Seminar ausführlich.

Neben einer Startinfo mit biographischen Angaben, Quellenhinweisen und Recherche-Tipps gab Sabine Gerhardus jedem Kursteilnehmenden jeweils eine Quellen- oder Literaturkopie zu der betreffenden Person. Alle Schülerinnen und Schüler erhielten einen digitalen Arbeitsordner.

Hier eine Information zum Artikelfoto: Auf dem Bild sind unter anderem Publikationen des Nürnberger Lehrers Julius Eisenstädter zu sehen.

(18.12.2018; Foto: Sabine Gerhardus)

 

Zwischenbericht: Als ASF-Freiwillige beim Gedächtnisbuch

Anastasiia Lapteva berichtet über ihre ersten Monate als Freiwillige von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste im Projekt Gedächtnisbuch.

Seit Mitte September arbeite  ich beim Projekt „Gedächtnisbuch“ zusammen mit einer Freiwilligen aus Frankreich, Maeva Keller, und der Leiterin des Projekts, Sabine Gerhardus. Ich freue mich über unserer Team, weil wir immer bereit sind, einander zu helfen.

Unsere Arbeit begann mit dem Kennenlernen von allen Mitarbeitern/innen und natürlich mit Information über das Projekt.  Weil Deutsch nicht unsere Muttersprache ist, sollten wir alle Information selbst finden und dann darüber erzählen. Diese Übung war Sabines Idee und ich finde sie sehr nützlich für unsere Sprachkenntnisse.

Ende September besuchten wir zusammen mit den Schülern, die eine Biographie schreiben werden, das Staatsarchiv München und die Bayerische Staatsbibliothek und nahmen auch am W-Seminar im Gymnasium Grafing teil. Nach diesen Seminaren und Besuchen entschied ich mich, auch eine Biographie eines jüdischen Lehrers, der das KZ Dachau überlebte, zu bearbeiten. In unserem Büro haben wir eine Bibliothek. Viele Bücher sind über das KZ Dachau, die Judenverfolgung und es gibt auch viele Biographien. Ich nehme oft ein Buch mit nach Hause und lese gern.

Zuerst war es ein bisschen schwierig für mich – alles war neu und manchmal verstand ich nicht alles, aber Sabine half uns immer. Jetzt macht mir meine Arbeit Spaß und ich bin stolz hier zu arbeiten.

(13.12.2018; Text: Anastasiia Lapteva)

Zeitzeugengespräch mit Riccardo Goruppi

Riccardo Goruppi  berichtete am 2. November 2018 in einem Zeitzeugengespräch in der Risiera di San Sabba in Triest von dem, was er als Gefangener in deutschen Konzentrationslagern erleiden musste.

Hier geht’s zur italienischen Übersetzung: Dialogo con Riccardo Goruppi

Als Partisan bekämpft der 1927 in Prosecco (Triest) geborene Riccardo Goruppi schon als junger Mann das faschistische und nationalsozialistische Regime. Ende November 1944 werden er und sein Vater denunziert und verhaftet. Im Gefängnis werden sie  geschlagen und danach ins Konzentrationslager Dachau deportiert.

Vierzig Tage bleiben beide in Dachau, dann überstellt man sie ins das Außenlager Leonberg des KZ Natzweiler. Unter übelsten Bedingungen und Schikanen fertigen hier Häftlinge im Engelberg-Tunnel die Tragflächen des Messerschmitt Düsenjägers Me 262.

Goruppis Vater stirbt im Februar 1945 an einer Lungenentzündung. Riccardo erkrankt an Typhus. Als das Lager evakuiert wird, müssen die Häftlinge, die in der Lage dazu sind, zu Fuß ins Lager Dachau zurückkehren. Sie müssen mehr als zweihundert Kilometer zu Fuß zurücklegen. Goruppi dagegen wird, wie alle anderen Kranken, mit dem Zug transportiert.

Das Lager Dachau ist überfüllt und Goruppi wird nach Mühldorf und Kaufering gebracht, beides Außenlager des KZ Dachau. Der Hunger der Häftlinge ist unbeschreiblich.

Riccardo wird schließlich wiederum auf einen Zug geladen. Dieser Zug dient als Schutzschild für einen anderen gepanzerten Zug, der an der Front schießt. Die Alliierten nehmen den Häftlingszug unter Maschinengewehrfeuer, ohne zu wissen, dass es in ihm nur unschudige Menschen gibt. Schließlich wird der Zug angehalten und Goruppi kann sich verstecken. Nach einem oder zwei Tagen findet ihn ein amerikanischer Soldat und bringt ihn ins Kloster St. Ottilien.

Als er sich ein bisschen besser fühlt, wird er zu einem DP-Lager nach München begleitet. Dort bekommt er einen Ausweis, mit dem er abreisen kann. Wegen einiger Fehler in den Papieren wird er in Ljubljana angehalten. Hier muss er mehr als zwanzig Tage bleiben. Dann begegnet er einem Bekannten, der ihm hilft. Jetzt kann er endlich nach Triest zurückkehren.

Seine Mutter rät ihm, alles zu vergessen und nicht über seine furchtbare Erlebnisse zu sprechen. Goruppi entscheidet sich aber, seine Geschichte zu erzählen und Zeitzeuge dieser entsetzlichen Ereignisse zu sein. Er will damit der unschuldigen Opfer gedenken und Jugendlichen zeigen, dass Hass nur zu mehr Hass führt. Eine Entscheidung, der er bis heute treu bleibt.

 

Unterzeichnung des Gedächtnisblatts

Drei ehrenamtliche Autorinnen haben die Lebensgeschichte von Riccardo Goruppi in einem Gedächtnisblatt aufgezeichnet. Zwei von ihnen, Luisa Ferrero-Heinz und Maurizia I. Puglia, waren Teilnehmerinnen der Studienreise nach Triest. Nach dem Zeitzeugengespräch präsentierten sie Goruppi das Gedächtnisblatt zur Unterschrift.

Klaus Schultz, Trägerkreisvertreter der Versöhnungskirche, lädt Riccardo Goruppi zur Präsentation der neuen Gedächtnisblätter am 22. März 2019 nach Dachau ein. Wir freuen uns sehr darauf, Riccardo Goruppi im März in Dachau begrüßen zu dürfen!

(5.12.2018; Foto: Irene Stuiber)

Dialogo con Riccardo Goruppi

Riccardo Goruppi è nato a Prosecco (Trieste) nel 1927 e già da molto giovane combatte come partigiano contro il regime fascista e nazionalsocialista. Alla fine del novembre 1944 sia lui che il padre vengono denunciati ed arrestati e, dopo essere stati portati in carcere e picchiati, vengono deportati al campo di concentramento di Dachau.

Lì rimangono entrambi per quaranta giorni, poi vengono trasferiti a Leonberg, un sottocampo di Natzweiler. In condizioni disumane ed esposti ad ogni tipo di angheria, i prigionieri devono costruire, all´interno del tunnel Engelberg, le ali dei caccia a reazione Messerschmitt modello Me 262.

Il padre Edoardo muore nel febbraio del 1945 dopo una brutta polmonite e Riccardo si ammala di tifo. Quando il campo viene evacuato i prigionieri in grado di camminare devono tornare al campo di Dachau facendo a piedi più di duecento chilometri. Goruppi, come tutti gli altri malati, viene invece trasportato in treno. Poichè Dachau è sovraffollato Goruppi viene portato prima a Mühldorf a. Inn e poi a Kaufering, entrambi sottocampi di Dachau. In questi campi, ed in particolare a Kaufering, la fame è indescrivibile.

Riccardo viene caricato nuovamente su un treno usato come scudo ad un´altro treno blindato che spara sul fronte. Gli Alleati lo mitragliano senza rendersi conto che all´interno ci sono persone innocenti. Il treno viene fermato e Riccardo riesce a nascondersi e dopo un giorno o due viene trovato da un soldato americano che lo porta al monastero di St. Ottilien.

Quando comincia a stare un po´ meglio viene accompagnato in un un centro profughi di Monaco dove gli fanno i documenti con i quali riesce a partire, ma, a causa di alcune inesattezze nei dati, viene fermato a Lubiana dove rimane ancora per più di venti giorni. In seguito, grazie all´incontro con un conoscente, può far correggere i documenti e tornare finalmente a Trieste.

Sua mamma gli consiglia di cercare di dimenticare e per far questo di non parlare della sua spaventosa esperienza. Goruppi però decide di raccontare la sua storia e di essere testimone di quegli eventi terribili sia per ricordare tutte le vittime innocenti, sia per far capire ai giovani che l´odio porta solamente altro odio. Una decisione alla quale è rimasto fedele fino ai giorni nostri.

Firme del foglio della memoria

Tre autrici volontarie hanno descritto il percorso di vita di Riccardo Goruppi in un foglio della memoria. Due di loro, Luisa Ferrero-Heinz e Maurizia I. Puglia hanno preso parte al viaggio studio a Trieste e dopo l´incontro con il sig. Goruppi glielo hanno presentato e fatto firmare.

Klaus Schultz, rappresentante del circolo della Chiesa della Riconciliazione „Versöhnungskirche“, inviterà il sig. Goruppi a Dachau per la presentazione del foglio della memoria il 22 marzo 2019. Saremo molto felici di poter rivedere e accogliere il sig.Goruppi a Dachau!

(5.12.2018; foto Irene Stuiber; traduzione Luisa Ferrero-Heinz)

Überlebende KZ-Häftlinge: Krankheit, Abwertung und Unverständnis

Sabine Gerhardus und Jürgen Müller-Hohagen berichteten am 27. November 2018 in der Versöhnungskirche über die gesundheitlichen Folgen, mit denen überlebende Dachau-Häftlinge zu kämpfen hatten und haben. Die Mehrheitsgesellschaft reagierte jahrzehntelang mit Unverständnis und Abwertung.

 

Im Rahmen von Geschichtswerkstatt und Gedächtnisbuch wertete Sabine Gerhardus Akten des Gesundheitsamts Dachau aus. Die Ergebnisse stellte sie in ihrem Vortrag vor.

Überlebende Häftlinge, die Entschädigung für die gesundheitlichen Folgen der KZ-Haft beantragen wollten, mussten anhand der Einschätzung eines amtsärztlichen Gutachters belegen, dass sie aufgrund der  Gesundheitsschäden nicht mehr voll erwerbsfähig waren und die Erwerbsminderung ausschließlich aufgrund der KZ-Haft eingetreten war. Die Gutachten belegen,  dass psychische Krankheiten grundsätzlich als „anlagebedingt“ angesehen wurden und daher nicht zu einer Entschädigung berechtigten.

Die Mehrheit der deutschen Ärzte war der Überzeugung, dass eine gesunde Psyche jede noch so schwere Erschütterung nach einiger Zeit folgenlos kompensieren kann. Im Umkehrschluss bedeutete das, jede dauerhafte psychische Beeinträchtigung musste zwangsläufig anlagebedingt sein. Erst seit 1996 gilt die posttraumatische Belastungsstörung in Deutschland als Krankheitsbild.

Anhand vieler Einzelbeispiele stellte Sabine Gerhardus den schlechten Gesundheitszustand der KZ-Überlebenden dar und den entwürdigenden Kampf um Entschädigung, den sie häufig in großer materieller Not führten.

Im zweiten Vortrag nahm der Psychotherapeut Jürgen Müller-Hohagen auf diese Erläuterungen Bezug: „Was soll man noch sagen, nach dem, was wir gerade gehört haben?“ Es sei entsetzlich zu sehen, was den Überlebenden auch nach dem Ende der NS-Zeit noch angetan wurde, nach all dem, was sie während der Verfolgung bereits erleiden mussten.

Jürgen Müller-Hohagen berichtete aus seiner therapeutischen Arbeit, in der er viel mit Nachkommen von NS-Opfern zu tun hat. Scham spiele in vielen Familien eine große Rolle und das bis heute. Die Scham hat ihre Ursache zum großen Teil in der Ablehnung, die den ehemaligen KZ-Häftlingen auch in der Nachkriegszeit noch entgegengebracht wurde. Nicht zuletzt deswegen wurde in vielen Familien geschwiegen.

In der anschließenden Diskussion kamen sowohl Fassungslosigkeit über das Unverständnis gegenüber psychischen Haftfolgen zur Sprache wie auch Erinnerungen an abwertende Äußerungen gegenüber „KZlern“. Daran erinnern sich Angehörige von ehemaligen Häftlingen, aber auch diejenigen, die sich im Rahmen der Jugendarbeit für eine angemessene Erinnerungskultur einsetzten.

(28.11.2018; Foto: Klaus Schultz; Text: Irene Stuiber/Sabine Gerhardus)

 

Einladung: Spätfolgen der KZ-Haft

Mit den Spätfolgen der KZ-Haft beschäftigen sich Sabine Gerhardus und Jürgen Müller-Hohagen auf einer Veranstaltung am 27. November 2019 in Dachau. Der Titel des Abends lautet: „Ich muss schwitzen Tag und Nacht.“

Sabine Gerhardus

Jahre nach der KZ-Haft ringen viele ehemalige Häftlinge, auch im Landkreis Dachau, ums Überleben. Krankheiten und psychische Traumafolgen bestimmen ihren Alltag.

Eine Rückkehr zur Familie und in die vertraute Umgebung ist oft nicht möglich. Finanzielle Nöte, fehlende Anerkennung und der vergebliche Kampf um Entschädigung setzen den ehemals Verfolgten zu.

In der Euphorie der Wirtschaftswunderzeit hat das Leid der Entwurzelten keinen Platz. Gutachten des Gesundheitsamtes Dachau gewähren einen Einblick in eine verdrängte Seite der 1950er Jahre.

In Zusammenarbeit mit der Geschichtswerkstatt, Projekt „Die 50er Jahre – Wirtschaftswunder und  Verdrängung“

„Ich muss schwitzen Tag und Nacht.“

Dienstag,  27.11.2018, 19.30 Uhr

Referenten:  Sabine Gerhardus, Projektleiterin Gedächtnisbuch, Dr. Jürgen Müller-Hohagen, Psychologe und Psychotherapeut

Ort: Evangelische Versöhnungskirche auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte, Zugang über den Klosterhof Karmel Heilig Blut, Alte Römerstr. 91

(21.11.18; Foto: Dachauer Forum)

 

Gedenkstättenfahrt nach Triest und Umgebung

Die diesjährige Studien- und Gedenkstättenfahrt führte in die Grenzstadt Triest und ihre Umgebung. Riccardo Goruppi, Dachau-Überlebender, unterzeichnete nach einem Zeitzeugengespräch das ihm gewidmete Gedächtnisblatt.

Während einer Stadtführung wurde klar: Bedeutend war Triest vor allem als Hafenstadt der Habsburger Monarchie. Nach dem Ende des ersten Weltkriegs kam die Stadt zu Italien, auch heute sind die großen Konflikte der Region in dieser Grenzstadt sehr deutlich spürbar.

Eine große jüdische Gemeinde bereicherte in früheren Jahrhunderten die Stadt. Die Exkursion führte in das Museo della Comunità ebraica di Trieste „Carlo e Vera Wagner“ und die Synagoge der Stadt, eine der größten Europas. Heute umfasst die jüdische Gemeinde nur noch etwa 500 Mitglieder, hat aber alles, so unser Guide, „was eine Gemeinde braucht“.  Die der schlechten wirtschaftlichen Situation geschuldete Abwanderung jüngerer Gemeindemitglieder hält an.

Einen Einblick in den Alltag unter deutscher Besatzung gibt die Bunkeranlage „Kleine Berlin“.

Das Schloss Miramar, von den Habsburgern erbaut, liegt etwa 5 Kilometer entfernt von Triest. 1943 besetzten die Deutschen das Schloss, von 1945 bis 1954 diente es den Alliierten als Militärzentrale. Erst dann war der völkerrechtliche Status der Region einigermaßen geklärt.

 

 

Stätten des Terrors

Die deutschen Besatzer errichteten 1943 das Konzentrationslager Risiera di San Sabba. Der 92jährige Riccardo Goruppi, als Gefangener der Nationalsozialisten in Dachau, Natzweiler sowie verschiedenen Außenlagern inhaftiert, begleitete die Exkursionsteilnehmer während des gesamten Rundgangs. Anschließend stand Riccardo Goruppi für ein Zeitzeugengespräch zur Verfügung und unterzeichnete das ihm gewidmete Gedächtnisblatt. (Mehr zum Zeitzeugengespräch demnächst hier im Blog.)

Das nationale Monument „Foiba de Bassovizza“ erinnert schwerpunktmäßig an die Greueltaten der unmittelbaren Nachkriegszeit, an die Morde an und in den Höhlen des Triestiner Karsts.

 

Erster Weltkrieg: Militärgedenkstätte und Soldatenfriedhof Redipuglia

Zufällig während des Staatsakts zum Ende des Ersten Weltkriegs besichtigten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Exkursion Redipuglia. Der Schriftsteller Günther Schatzdorfer schrieb über diese Feiern schon vor 15 Jahren: „Es ist eigentlich unverständlich, daß alljährlich in Redipuglia – vor der Kulisse des gigantomanischen mussolinischen Denkmals – Gedenkfeiern abgehalten werden. (…) Denn es wird (…) noch immer gelogen, daß da Menschen ihr Leben für wie auch immer geartete Ideale gelassen hätten.“

Trotz des Staatsakts war es möglich, das Museo della Grande Guerra und den Soldatenfriedhof der österreichisch-ungarischen Kriegstoten zu besichtigen. Dazu noch einmal Günther Schatzdorfer: „Die Front war nicht nur eine geographische Linie, sondern auch vor allem eine mentale. Italiener fochten für die Österreicher gegen Italiener: Österreicher auf seiten Italiens gegen Österreich. Slawen wurden von beiden Seiten als Konenfutter mißbraucht. Bauernsöhne aus Kalabrien metzelten Bauernsöhne aus Galizien nieder und umgekehrt.“

 

Dank an Veranstalter und Übersetzerinnen

Ein herzliches Dankeschön an die großartigen Übersetzerinnen Stefania Montrone, Stefania Gavazza und Maurizia Puglia.

Veranstaltet wurde die Studien- und Gedenkstättenfahrt von Dachauer Forum, Evangelischer Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte, Katholischer Seelsorge an der KZ-Gedenkstätte und der KZ-Gedenkstätte Dachau.

 

Literaturhinweis: Einen beherzten Abriss zur Geschichte Triests gibt es im oben zitierten Buch „Triest: Portrait einer Stadt“ von Günther Schatzdorfer, erschienen in 2. Auflage 2008 bei Carinthia. Das Buch ist entweder antiquarisch oder zum Gegenwert eines großen Triestiner Biers als Kindle-E-Book erhältlich.

(19.11.2018; Text und Fotos: Irene Stuiber)

 

 

 

Minsker Arbeitskreis informiert sich über Gedächtnisbuch und Geschichtswerkstatt

Der Interreligiöse Arbeitskreis aus dem weißrussischen Minsk informierte sich im Rahmen einer Studienfahrt nach Dachau und Flossenbürg am 9. November 2018 im Dachauer Forum über Gedächtnisbuch und Geschichtswerkstatt.

Sabine Gerhardus informiert Besucher aus Minsk

Annegret Braun, Leiterin der Geschichtswerkstatt im Landkreis Dachau, stellte die Arbeit der Geschichtswerkstatt vor. „Was wir erforschen, ist die Geschichte unserer Region und die Geschichten der ganz normalen Menschen, die nichts Spektakuläres erlebt haben.“ Die Geschichtswerkstatt arbeitet mit ehrenamtlichen Forschern, die ihr eigenes Dorf zum Thema machen. Bei Annegret Braun ist das Sulzemoos. Ihr ist, wie allen anderen Mitwirkenden, das Vertrauen der interviewten Zeitzeugen sehr wichtig.  „Wir schreiben nichts ohne ihr Einverständnis.“ Thema der Geschichtswerkstatt ist die Nachkriegszeit, der momentane Schwerpunkt liegt in den 50er Jahren. Die Forschungen münden in Ausstellungen, die vor Ort gezeigt werden.

Gedächtnisbuch-Leiterin Sabine Gerhardus sprach über das Projekt „Das Lager und der Landkreis“ und über das Gedächtnisbuch. Sie informierte ausführlich über die Recherche und die Auswertung von historischen Quellen.  „Ich bin davon ausgegangen, dass das für die Teilnehmer von Interesse ist, da sie ebenfalls biographisch arbeiten wollen.“ Ein Einblick in die NS-Verfolgung in den Gemeinden des Landkreises Dachau und zwei beispielhafte Biographien ergänzten ihre Ausführungen.

Die Besucherinnen und Besucher stellten viele Fragen, sowohl zu einzelnen Inhalten aber auch zur Vorgehensweise. Wie kann es gelingen, dauerhaft das Interesse an der Erinnerungsarbeit bei jungen Leuten zu erhalten? Die weißrussischen Gäste fragten auch, wie die Projekte mit Informationen über Täter umgehen und ob es schwierig ist, wenn Schüler in Archiven recherchieren.

Beide Referentinnen freuten sich über die Dankesworte und Geschenke der Gäste und vor allem über das Interesse an zukünftiger Kooperation. Sabine Gerhardus meint: „Ich freue mich, dass ich den Kontakt auch nutzen kann, um vielleicht Unterstützung bei der Recherche nach einem jüdischen Lehrer zu bekommen, der nach Minsk verschleppt und dort ermordet wurde.“

Organisiert wurde die Studienfahrt vom Internationalen Bildungs- und Begegnungswerk Dortmund.

 

(12.11.2018; Fotos: Dachauer Forum, Text: Irene Stuiber)