Studienfahrt Auschwitz/ Oświęcim: Zweiter Besuch der Gedenkstätte Auschwitz, Rundgang Birkenau

4 Stunden lang erkundeten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Studienfahrt in Begleitung von Halina Sviderska und Weronika Brill das Gelände des Lagers Birkenau.

Das weitläufige Gelände legt mit den erhaltenen Ruinen, Betonpfählern und Zäunen Zeugnis ab von den hier verübten Verbrechen der Nationalsozialisten. Die deutschen Besatzer schickten mehr als 1,1 Millionen Menschen in den Tod. An einigen Stellen im Gelände finden sich Denkmäler und Erläuterungstafeln, die den Umfang der Mordaktionen verdeutlichen und die Erinnerung wachhalten sollen.

Selbst auf den ersten Blick harmlos erscheinende Landschaftsabschnitte bergen den Schrecken des Massenmords: Die Asche der Ermordeten wurde in die Flüsse Soła und Weichsel gekippt, aber auch in Gruben, die sich bald durch den hohen Grundwasserspiegel des Sumpfgebiets mit Wasser füllten.

Ab 1941 bauten die deutschen Besatzer das Gelände planmäßig zu einer Kombination aus Konzentrationslager und Vernichtungsstätte aus. Vor ihrem Abzug und der Befreiung des Lagers durch die Sowjetarmee gelang es der SS, Gerätschaften zum Massenmord in weiter westlich gelegene Konzentrationslager zu transportieren und die Krematorien und Gaskammern zu sprengen. Die Nazis vernichteten Dokumente ihrer Verbrechen und zündeten das Effektenlager mit seinen 30 Baracken an, das fast eine Woche brannte.

Die seit 2001 zugängliche Neue Sauna bzw. Entwesungs- und Desinfektionsanlage zeigt eine raumfüllende Fotoinstallation mit dennoch erhaltenen und in Auschwitz aufgefundenen Fotos aus dem Besitz der Ermordeten und Deportierten.

(9.1.2023; Foto: Ludwig Schmidinger, IS)

Rückblick auf das vergangene Jahr im Gedächtnisbuch-Projekt

Allerhand geschah im Gedächtnisbuch in den letzten Monaten. Unsere Chronik berichtet über die Ereignisse im Jahr 2022.

 

Start des neuen Freiwilligenjahrs im September 2022

Das Gedächtnisbuch hat nun wieder zwei Freiwillige von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste, das deutsch-polnische Projekt konnte mit einer Studienreise starten, ein neues W-Seminar am Ignaz-Taschner-Gymnasium begann, die Wanderausstellungen des Gedächtnisbuchs fanden wieder ihr Publikum.

All dies lässt sich hier im Blog nachlesen oder aber in einer Zusammenfassung auf unserer Chronikseite:
Chronik 2022

(27.12.2022; IS)

Archivrecherche in der KZ-Gedenkstätte Dachau

Am Dienstag, den 13.12. recherchierte Projektleiterin Sabine Gerhardus mit fünf Seminarteilnehmerinnen im Archiv der KZ-Gedenkstätte Dachau.

Die Archivare Andre Scharf und Alex Pearman, hatten Dokumente, Zeugenaussagen, Zeitungsartikel und Bücher vorbereitet. Sophia, Julia, Sophie, Isabella und Marcel vom W-Seminar „Namen statt Nummern“ am Dachauer Ignaz-Taschner-Gymnasium sichteten das Material und arbeiteten es in ihre Unterlagen ein.

Im Januar gibt es noch einen weiteren Archivtermin in der Gedenkstätte für diejenigen, die am Dienstag nicht dabei sein konnten. Für Marcel und Isabella lag so viel archivalisches Material bereit, dass sie nach den Ferien noch einmal mit ins Gedenkstättenarchiv kommen werden.

(17.12.22; Sabine Gerhardus/IS)

Jetzt online: Gedächtnisblätter zu Walter Beier und Georg Partheymüller

Wieder konnten wir zwei Gedächtnisblätter in das Online-Verzeichnis des Gedächtnisbuchs aufnehmen. Hier auf der Website lassen sich jetzt die Lebensgeschichten von Walter Beier und Georg Partheymüller nachlesen.

Walter Beier mit seinem kleinen Bruder, 1924

Walter Beier war ein schlesischer Student, der wegen regimekritischer Äußerungen das Studium nicht beenden konnte, nach Österreich zog und nach dem Anschluss Österreichs verhaftet und in den KZs Dachau und Flossenbürg inhaftiert wurde. Nach dem Krieg lebte Walter Beier in München.

Gedächtnisblatt Walter Beier

Ebenfalls regimekritische Äußerungen legten die Nationalsozialisten dem im fränkischen Marktzeuln lebenden Müller und Gutsbesitzer Georg Partheymüller zur Last. Von Juni 1937 bis September 1937 sperrten ihn seine Gegner in das KZ Dachau. Nach dem Krieg wurde Partheymüller von den Amerikanern zum Bürgermeister ernannt. Die erste Wahl 1946 bestätigte ihn in diesem Amt, das er neben anderen kommunalpolitischen Mandaten bis 1966 ausübte. Partheymüller war Mitglied der CSU und des Bayerischen Senats.

Gedächtnisblatt Georg Partheymüller

(11.12.22; Foto: privat; IS)

Studienfahrt Auschwitz/ Oświęcim: Besuch der Gedenkstätte Auschwitz, erster Rundgang

An zwei Tagen besichtigten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Studienfahrt die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. Die Führungen dauerten jeweils 4 Stunden, der erste Rundgang führte durch das Stammlager, die zweite Führung am darauffolgenden Tag zeigte das Lager Auschwitz-Birkenau.

Am 27. Januar 1945 befreiten sowjetische Truppen das Lager. Von dem, was die sowjetischen Befreier vorfanden, ist vieles erhalten und kann heute in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau gesehen werden.

Das Konzentrationslager Auschwitz

Ab der Errichtung des Konzentrationslagers Auschwitz 1941 bis zur Befreiung im Januar 1945 erlitten etwa 1,3 Millionen Menschen das Lager Auschwitz. Bis heute ist die Zahl der Häftlinge nicht exakt bekannt, vielleicht waren es sogar 1,5 Millionen Menschen.

Von der ersten Stunde an diente das KZ der „Vernichtung durch Arbeit“. Mitte Juni 1940 traf der erste Transport politischer Gefangener aus Polen im Konzentrationslager Auschwitz ein. In den Folgejahren wurden viele Angehörige der übrigen europäischen Widerstandsbewegungen nach Auschwitz deportiert. Nach der Wannseekonferenz bauten die Nationalsozialisten das KZ Auschwitz zu einen zentralen Ort der Massenvernichtung von Juden und Sinti und Roma aus.

Ab 1941 begann der weltweit größte Chemiekonzern, die I.G. Farbenindustrie AG, den Aufbau ihrer Produktionsanlagen in Auschwitz. Das Anlage trug den Namen Buna-Werk, so hieß ein dort hergestellter Kunststoff. Himmler verfügte 1941, dass die zu diesem Zeitpunkt 12.000 Einwohner umfassende Stadt Oświęcim/Auschwitz für die Mitarbeiter des Buna-Werks geräumt werden musste. Sämtliche Juden der Stadt wurden zu diesem Zeitpunkt deportiert. Zehntausende der Häftlinge im Konzentrationslager Auschwitz gingen bei der Sklavenarbeit in den Buna-Werken zugrunde. Der Bereich des Geländes, an dem sich die Buna-Werke befanden, gehört nicht zum Gelände der Gedenkstätte.

Führung durch das Stammlager

Der erste Tag des Rundgangs über die Gedenkstätte Auschwitz Birkenaus führte über das Stammlager, den ältesten Teil des Lagers. Halina Sviderska begleitete die Erwachsenengruppe und Weronika Brill die Schülergruppe. Benutzt wurde dabei ein Audiosystem. Aufgrund des großen Besucherandrangs ist der Besuch der Gedenkstätte jeden Tag bis 15 Uhr nur in einer geführten Gruppe und in einem streng durchgetakteten System möglich. Selbst Ende Oktober waren hier so viele Besuchergruppen unterwegs, dass es anders nicht gegangen wäre.

Das Stammlager umfasst den ältesten Teil des KZ. Während der österreichischen Zeit lebten hier Saisonarbeiter, ab 1918 entstand dann ein Kasernengelände der polnischen Armee. Ab dem 30. April 1940 hatte Rudolf Höß, der Kommandant des Konzentrationslagers, seinen Dienstsitz in Auschwitz. Die staunenden Gedenkstättenbesucher erfuhren, dass die von Höß und seiner Familie bewohnte Villa heute noch existiert, nicht zur Gedenkstätte gehört und als privates Wohnhaus genutzt wird.

Die Blöcke des Stammlagers zeigen ausführliche Ausstellungen zur Geschichte des Konzentrationslagers. Die Sowjets übergaben im Sommer 1945 das Lagergelände den polnischen Behörden, ein Regierungsbeschluss sicherte ab Mai 1945 Geld für die Konservierung des Gebäudebestands und der Gegenstände, für Forschung und Dokumentation. Bereits die erste Ausstellung ab Mitte 1945 machte Teile des Raubguts der Nationalsozialisten der Öffentlichkeit zugänglich. 1947 eröffnete die erste Dauerausstellung der Gedenkstätte, die grundlegend für weite Teile der Ausstellung ist. Die ausgestellten Haare, Schuhe, Koffer und Taschen machen auch heute noch fassungslos.

In Block 11 im Stammlager befand sich das Lagergefängnis, in dem Häftlinge in winzigen Einzelzellen bestialisch gequält wurden. Im Keller von Block 11 testete die SS die Wirkung des Giftgases Zyklon B. Auch den Innenhof zwischen Block 10 und 11 besichtigten die Studienreisenden. Hier erschoß die SS Tausende von Menschen. Gezielte Tötungen von ganzen Personengruppen gab es im Konzentrationslager Auschwitz von Anfang an.

Neben der Dauerausstellung gibt es verschiedene nationale Ausstellungen in der Gedenkstätte. Die meisten davon konnten die Teilnehmer der Exkursion aus Zeitgründen nicht sehen. Eine dieser Länderausstellungen sticht seit ihrer Neugestaltung heraus: Die israelische Ausstellung in Block 27, die 2013 in neuer Form wiedereröffnet wurde. Die Neugestaltung dieser Ausstellung hatte Yad Vashem übernommen und sich das Ziel gesetzt, die Ausstellung der gesamten Shoa zu widmen.

Yad Vashem sammelt seit jeher den Namen jedes einzelnen Shoa-Opfers. Im „Buch der Namen“ in der Shoa-Ausstellung finden sich die Namen von 4,2 Millionen Opfern der nationalsozialistischen Judenvernichtung. Etwa 1,1 Millionen von ihnen wurden in Auschwitz ermordet.

(4.12.2022; IS)

Polnische Städte: Oświęcim und Krakau

Die Studienfahrt nach Auschwitz/Oświęcim zeigte auch das moderne Leben in den beiden Städten Oświęcim und Krakau. Die Stadtrundgänge boten jede Menge Informationen zur polnischen Geschichte und Kultur.

Sylwia Stańska am Marktplatz

Sylwia Stańska führte die Reisegruppe durch die knapp 40000 Einwohner umfassende Stadt Oświęcim und hatte dabei auch einen Besuch im Jüdischen Museum des Orts eingeplant.

Oświęcim, an wichtigen Handelswegen gelegen, wurde im Hochmittelalter erstmals urkundlich erwähnt. Die Stadt war dem Magdeburger Recht unterstellt, eine Stadtrechtsform, die sowohl den Handel wie auch die Koexistenz verschiedener Religionen förderte.

Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beherbergte Oświęcim mehr jüdische als katholische Einwohner, auch vorher war der Anteil der jüdischen Bevölkerungsgruppe groß. Ab 1772 und bis 1918 gehörte die Stadt zum Habsburgerreich. So gut wie alle Einwohner bekannten sich bei den Volkszählungen der österreichischen Doppelmonarchie zur polnischen Sprache. 1939 zählte die Stadt etwa 14000 Einwohner, darunter mindestens 7000, womöglich sogar bis zu 8000 Juden. Der weitgehend friedlichen Koexistenz von Juden und Katholiken bereitete die deutsche Besetzung 1939 ein schreckliches Ende.

Jüdisches Museum Oświęcim

Der österreichische Gedenkdiener im Jüdischen Museum präsentierte den Studienreisenden das Museum und in die Synagoge. Ein Teil der ausgestellten Gegenstände waren bei Ausgrabungen am Platz der durch die Deutschen zerstörten Großen Synagoge  gesichert worden.

Das Museum gibt Einblick in das Leben des jüdischen Bevölkerungsteils in Oświęcim mithilfe von Fotos, Dokumenten und Gegenständen; es zeigt wirtschaftliche Bedeutung und kulturelle Vielfalt, durch die Shoah unwiederbringlich beendet.

Stationen des Stadtrundgangs

Die Geschichte der Burg Oświęcims geht bis ins 12. Jahrhundert zurück. Mehrmals abgebrannt und wiederaufgebaut beherbergt sie heute ein Museum zur Stadt- und Schlossgeschichte. Sie thront über der Soła, dem Fluss, der die Stadt durchzieht.

Direkt neben der Soła gibt es in Oświęcim einen einzigen Stolperstein, er geht auf die Initiative eines Architekten zurück und erinnert an Franziska Henryka Haberfeld. Eine weitere Station des Stadtrundgangs führte zum Platz der Großen Synagoge, heute ein Gedenkpark. Die Synagoge selbst hatten die Deutschen 1939 niedergebrannt. Bei Ausgrabungen fanden sich Teile der Ausstattung der Synagoge, die heute im Jüdischen Museum zu sehen sind.

Der Marktplatz schließlich war die letzte Station des Rundgangs durch die Stadtgeschichte Oświęcims. Dank Eisdielen, Cafés und Einkaufsmöglichkeiten in nächster Nähe punktete hier die Gegenwart der Stadt.

Krakau

Einen Tag lang flanierten die Studienfahrer durch Krakau, die zweitgrößte Stadt Polens, 50  Kilometer von Auschwitz entfernt. Weronika Brill führte über den Burgberg, den Wawel, und durch die Altstadt.

Ausgangspunkt war der Busbahnhof, unterhalb des Wawels direkt an der Weichsel gelegen. Die Promenade am Fluss erfreut sich auch bei Einheimischer großer Beliebtheit und führte zunächst an der Drachenhöhle vorbei (– der Legende nach hat der Stadtgründer den Drachen besiegt.

Der Burgberg Wawel

Die heutige Kathedrale auf dem Wawel geht auf das 14. Jahrhundert zurück, hatte aber bereits zwei Vorgänger. Neben ihr steht das ehemalige Königschloss, ein prachtvoller Renaissancebau.

Auf dem Wawel ist die wechselvolle Geschichte Polens zum Greifen nahe. Mit dem Umzug der polnischen Hauptstadt nach Warschau, der Besetzung durch die Schweden im 17. Jahrhundert und in der Zeit der polnischen Teilung unter habsburger Herrschaft verfielen die Prachtbauten, Wien stationierte eine Garnison auf dem Burgberg. Während der Besatzung durch die Nazis residierte der deutsche Generalgouverneur Hans Frank auf dem Wawel und organisierte von hier aus den deutschen Vernichtungsfeldzug in Polen.

Die heutige Pracht der Bauten ist umfangreichen Renovierungsarbeiten zu verdanken.

Krakaus Altstadt

Die mächtige Stadt Krakau erhielt im 13. Jahrhundert das Magdeburger Stadtrecht. Von ihrer Bedeutung zeugt die Altstadt mit ihrem symmetrischen gitterförmigen Straßennetz und unzähligen prunkvollen Palais und Kirchen. Der Marktplatz mit den Tuchhallen, dem Trompeter an der Marienkirche und nicht zuletzt seinem gastronomischen Angebot lockte zum Verweilen.

Leider blieben viele Krakauer Sehenswürdigkeiten unbesichtigt und warten auf künftige Besuche.

Gefördert durch die Europäische Union und den Landkreis Dachau.

(21.11.22; IS)

Studienfahrt nach Auschwitz/Oświęcim

Zu den zentralen Programmpunkten des deutsch-polnischen Partnerschaftsprojekts von Gedächtnisbuch und Dachauer Forum gehörte die Studienfahrt nach Auschwitz/Oświęcim im Oktober 2022. Sieben Tage dauerte die Exkursion, allein die An- und Abreise mit dem Bus nahm zwei ganze Tage in Anspruch.

An der Studienfahrt beteiligten sich alle Schülerinnen und Schüler des im September gestarteten W-Seminars „Namen statt Nummern“ am Ignaz-Taschner-Gymnasiums in Dachau. Lehrerin Hedi Bäuml, die Leiterin von Gedächtnisbuch und Projekt Erinnern Sabine Gerhardus sowie weitere erwachsene Teilnehmende vorwiegend aus Stadt und Landkreis Dachau, alle dem Bereich Zeitgeschichte und dem Gedächtnisbuch verbunden, fuhren ebenfalls mit. Annerose Stanglmayr, Geschäftsführerin des Dachauer Forums, leitete die Studienfahrt. Trotz der weiten Anreise nahm Marese Hoffmann, stellvertretende Dachauer Landrätin, zwei Tage in Oświęcim am Programm der Studienfahrt teil.

Das Programm in Oświęcim betreute Sylwia Stańska, die Leiterin der Bildungs- und Programmabteilung der Internationalen Jugendbegegnungsstätte Oświęcim. Es umfasste sowohl gemeinsame Veranstaltungen für Jugendliche und Erwachsene wie auch Programmpunkte, bei denen beide Gruppen getrennte Wege gingen.

Besuch in der Gedenkstätte

Zentral war für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Studienfahrt der Besuch der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. Zwei jeweils vierstündige Rundgänge durch das Stammlager und über das Lager Auschwitz-Birkenau informierten die Teilnehmenden über die Vorgänge im deutschen Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz in den Jahren 1940 bis 1945. Bis heute ist die Zahl der hier Ermordeten nicht eindeutig geklärt, sie bewegt sich im Bereich zwischen 1,1 und 1,5 Millionen Menschen.

Einblicke in die Geschichte der Gedenkstätte und die heutigen Herausforderungen, die sich dem Gedenkort stellen, wurden in weiteren Programmpunkten deutlich: Krystyna Oleksy erläuterte die Geschichte dieser seit 1947 bestehenden Institution. Die Arbeit des Archivs der Gedenkstätte erklärte Krystyna Leśniak der gesamten Gruppe.

Den Schülerinnen und Schülern bot sich dann die Gelegenheit, bereits an Ort und Stelle mit vorbereiteten Archivalien und Online-Ressourcen an ihren Gedächtnisblättern und den Biographien für das Projekt Erinnern des BLLV zu arbeiten. Nicht für alle Lebensgeschichten fanden sich Archivialien im Archiv der Gedenkstätte Auschwitz, aber dank der Hinweise auf digitalisierte und online veröffentlichte Bestände anderer Archive gab es für jeden Seminarteilnehmer Anknüpfungspunkte zur Recherche.

Parallel dazu erläuterte Margrit Bormann der restlichen Gruppe, wie die Gedenkstätte die Herkulesaufgabe bewältigt, bauliche Überreste, Dokumente und jene Güter zu konservieren, die den Ermordeten gehört hatten und die die SS nicht mehr wegschaffen oder zerstören konnte.

Erinnerungskultur in Auschwitz/Oswiecim

Zufällig war es möglich, Pfarrer Manfred Deselaers, Theologe, Buchautor und Mitarbeiter des katholischen „Zentrums für Dialog und Gebet“ in  Oświęcim, im Plenum der Studienfahrt zu begrüßen. Deselaers erzählte, wie es dazu kam, dass er seit über 30 Jahren in Auschwitz lebt und was ihn motiviert, in unmittelbarer Nähe des ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslagers Bildungs- und Versöhnungsarbeit zu leisten.

Der Erinnerungskultur vor Ort verpflichtet ist die Internationale Jugendbegegnungsstätte Oświęcim. Ein Vortrag von Elżbieta Pasternak, Pädagogin an der Jugendbegegnungsstätte, machte die Exkursionsteilnehmer mit der Geschichte dieser seit 1986 bestehenden Institution vertraut.

Nur für die Erwachsenen ergab sich die Gelegenheit, die raumgreifenden Zeichnungen und Installationen des Künstlers Marian Kołodziej in den Ausstellungsräumen des Franziskanerklosters Harmęże zu besichtigen. Kołodziej überlebte die Konzentrationslager Auschwitz, Buchenwald, Sachsenhausen, Gusen und Groß-Rosen. Seine Kunstwerke spiegeln die Monströsität und unfassbare Grausamkeit des Erlebten.

Land und Leute, Geschichte und Gegenwart

Mehrere Programmpunkte ermöglichten, mehr über polnische Geschichte und Gegenwart zu erfahren: Gleich am ersten Tag des Aufenthalts informierte sich die gesamte Gruppe bei einem Stadtrundgang in Oświęcim und einem Besuch des Jüdischen Museums über die Geschichte der weitgehend jüdischen Kleinstadt Oświęcim vor 1945 und die Gegenwart der heutigen Stadt. Die jugendlichen Teilnehmer tauschten sich am dritten Tag der Exkursion in einer zweistündigen Begegnung mit polnischen Jugendlichen aus und hörten etwas über deren Erinnerungsprojekte. Ein eintägiger Aufenthalt in Krakau inklusive einer Stadtführung bot schließlich allen die Gelegenheit, sich in der zweitgrößten Stadt Polens umzuschauen.

Gefördert durch die Europäische Union und den Landkreis Dachau.

Hinweis
Detailliertere Berichte über die einzelnen Programmpunkte der Studienfahrt sind in Vorbereitung und können dann hier im Blog gelesen werden.

(6.11.22; Irene Stuiber)

Vortrag zur Geschichte jüdischer Lehrer in Schwaben

In einem Referat zur Geschichte jüdischer Lehrer in Schwaben stellte Sabine Gerhardus unlängst zwei Lebensgeschichten jüdischer Lehrer vor, die Schüler im Rahmen des Schwesterprojekts des Gedächtnisbuchs, dem BLLV-Projekt Erinnern, unter ihrer Leitung erarbeitet hatten. Dies geschah im Rahmen der „34. wissenschaftlichen Tagung zur Geschichte und Kultur in Schwaben“.

Die „34. wissenschaftliche Tagung zur Geschichte und Kultur der Juden in Schwaben“ wurde durch den Heimatpfleger i.R. des Bezirks Schwaben, Peter Fassl, organisiert und moderiert. Mit dem Schwerpunktthema „Jüdische Ärzte, Juristen und Lehrer in Schwaben vom 19. Jahrhundert bis in die Neuzeit“ sollten Forschungslücken über die Vertreter dieser Berufsgruppen geschlossen werden, erläuterte Fassl. Zwar lägen zahlreiche Forschungsarbeiten zu diesen Gruppen für andere Regionen Deutschlands vor, jedoch nicht für Bayerisch-Schwaben. Mit einem Überblick über die Situation der jüdischen Lehrer in Schwaben eröffnete Gerhardus die Sektion „Lehrer“.

Sabine Gerhardus bedankte sich bei den Veranstaltern für die Einladung. Sie freue sich über die Gelegenheit, auf der Konferenz die Erinnerungsarbeit des BLLV vorstellen zu dürfen. Ihren Vortrag begann sie mit einem Zitat des BLLV-Ehrenpräsidenten Klaus Wenzel bei der Gedenkfeier in den Räumen der Landesgeschäftsstelle anlässlich der 150-Jahrfeier des Verbands: „Als BLLV schämen wir uns, weil wir Schuld auf uns geladen haben.“ Es sei unverzeihlich, „dass wir unsere jüdischen Kolleginnen und Kollegen in der Zeit ihrer Verfolgung im Stich ließen, dass auch wir sie aus unserer Solidargemeinschaft ausgeschlossen und dass wir sehr lange diesen Teil unserer Verbands- und unserer Professionsgeschichte verdrängt haben.“

Der BLLV hat sich der eigenen Geschichte gestellt und die Erforschung der jüdischen und verfolgten Kollegen in Bayern in Auftrag gegeben. Seitdem ist eine Datenbank mit mehreren hundert Namen von bayerischen Lehrern und ein Schülerprojekt entstanden, in dem Schüler und Schülerinnen Biographien von jüdischen und verfolgten Lehrern erstellen. 2020 veröffentlichte der Berufsverband eine Studie über jüdische Verbandsmitglieder: „Max Liedtke und Wolfgang Sosic: Von Aufbrüchen und Tragödien. Jüdische Mitglieder im Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) 1861-1945“. Mit dem „Forum Erinnern“ (forum-erinnern.de) hat der BLLV 2021 zudem eine Vernetzungs-Plattform der Erinnerungsarbeit geschaffen, über die Bildungsangebote und Erinnerungsprojekte zur Geschichte des Nationalsozialismus aktuell vorgestellt werden.

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts setzte die Landflucht den jüdischen Landgemeinden in Bayern zu, erläuterte Sabine Gerhardus weiter. Die Zahl der jüdischen Einwohner Schwabens sank von 6891 im Jahr 1840 auf nur noch 2490 im Jahr 1932 – von denen nur noch 412 in Landgemeinden lebten. In Schwaben gab es 1926 noch 13 israelitische Kultusgemeinden, die noch elf Religionsschulen bestrieben, davon drei mit einem Wanderlehrer. Dazu gab es noch vier jüdische Volksschulen. Im Vergleich dazu hatte der Regierungsbezirk Unterfranken noch 112 Kultusgemeinden und 97 jüdische Bildungseinrichtungen.

Auf der Grundlage von zwei von Schülerinnen verfassten Biographien referierte Sabine Gerhardus über den Ausbildungsweg und die soziale Lage der jüdischen Volksschullehrer zwischen dem auslaufenden 19. Jahrhundert und der Zerschlagung der jüdischen Gemeinden in der NS-Zeit.

Ein Gedächtnisblatt über den Augsburger Religionslehrer Ernst Fränkl schrieb 2022 die Schülerin des Dachauer Ignaz-Taschner-Gymnasiums Dachau, Marie-Sophie Albrecht. Fränkl wurde 1874 in Altenstadt an der Iller geboren. Bevor er sich für ein Universitätsstudium entschied, das er mit Promotion abschloss, durchlief er die zu seiner Zeit vorgeschriebene Volksschullehrer-Ausbildung und den Ausbildungsweg zum jüdischen Religionslehrer. Den Vorbereitungsdienst leistete Fränkl als Religionslehrer in der fränkischen Gemeinde Georgensgmünd. 1896 legte er die Anstellungsprüfung in Augsburg ab, wo er über 40 Jahre blieb. Im November 1938 war Ernst Fränkl im Konzentrationslager Dachau inhaftiert. Nach seiner Entlassung aus dem Konzentrationslager floh er nach Kapstadt/Südafrika. Dort fand er Arbeit als Privatlehrer. Ernst Fränkl starb am 29. März 1949 in Kapstadt.

Die Biographie des Religionslehrers und Kantors Moses Wetzler wurde 2017 von der Schülerin Franziska Haupt am Eichendorff-Gymnasium Bamberg verfasst. Moses Wetzler stammte aus Mittelfranken, er schloss ein Schullehrerseminar in Würzburg ab, sein Zeugnis wurde von der Königlich Bayerischen Schullehrer-Inspektion gezeichnet. Da er 1868 auch eine Prüfung bei Rabbiner Dr. Seligmann Bär Bamberger, dem Gründer der Israelitischen Lehrerbildungsanstalt Würzburg ablegte, konnte er als Religionslehrer arbeiten. Seine Anstellungsprüfung bestand er 1872. Wetzler war acht Jahre als Religionslehrer, Kantor und Schächter in Binswangen tätig, von 1874 bis 1882, anschließend kehrte er wieder nach Franken zurück. Bis 1921 war er Lehrer in Kronach.

Ein Tagungsband mit den Vorträgen der Konferenz soll 2023 erscheinen.

(29.10.22; Sabine Gerhardus/IS)

Ausstellung „Namen statt Nummern“ bis Ende Oktober in Dachau

In der Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte ist noch bis 31. Oktober 2022 die Wanderausstellung des Gedächtnisbuchs „Namen statt Nummern“ zu sehen. Ein Gottesdienst am 16. Oktober 2022, ebenfalls in der Versöhnungskirche, widmet sich den im KZ Dachau und seinen Außenlagern inhaftierten Frauen.

Parallel zur Ausstellung können Besucher im Gesprächsraum der Versöhnungskirche in den Originalfassungen der Gedächtnisblätter lesen oder an einem Monitor ihre digitale Fassung konsultieren. Diese Möglichkeiten stehen auch nach dem Ende der Ausstellung zur Verfügung, geöffnet ist jeden Tag von 10 bis 16 Uhr.

Im „Gedenkgottesdienst für die Frauen im KZ Dachau“ am Sonntag, dem 16. Oktober 2022 um 11 Uhr in der Versöhnungskirche, wird unter anderem auf die Niederländerin Willemijn Petroff-van Gurp hingewiesen, der ein Gedächtnisblatt gewidmet ist.

Ausführliche Informationen zur ausleihbaren Wanderausstellung des Gedächtnisbuchs „Namen statt Nummern“ finden sich hier:
https://www.gedaechtnisbuch.org/internationale-wanderausstellung/themen-und-inhalte/

Das Gedächtnisblatt zu Willemijn Petroff-van Gurp lässt sich hier nachlesen, auf Niederländisch und auch in deutscher Übersetzung:
https://www.gedaechtnisbuch.org/gedaechtnisblaetter/?f=P&gb=4494

Über die aktuelle Ausstellung und den Gedenkgottesdienst am 16. Oktober informiert die Website der Versöhnungskirche:
https://www.versoehnungskirche-dachau.de/

(12.10.22; Irene Stuiber)