Start des neuen Gedächtnisbuchseminars am Ignaz-Taschner-Gymnasium

Am Dachauer Ignaz-Taschner-Gymnasium startete am 20. September 2022 das neue W-Seminar des Gedächtnisbuchs unter der erfahrenen Leitung von Hedi Bäuml. In diesem Seminar wird der Schwerpunkt auf den Biographien jener Häftlinge liegen, die nicht nur das KZ Dachau, sondern auch das KZ Auschwitz erleiden mussten, vermutlich in manchen Fällen auch weitere Lager.

Zehn Teilnehmer*innen des neuen Seminars mit Lehrerin Hedi Bäuml

15 Schülerinnen und Schüler belegten das Seminar. Am Seminarstart nahmen auch die beiden Freiwilligen von Aktion Sühnezeichen Friedensdienst teil. Für Sara Brunner war es der erste Tag im Gedächtnisbuchprojekt. Ioanna Taigacheva, die das Gedächtnisbuch schon seit einem Jahr unterstützt, hielt ihre Eindrücke vom ersten Seminartag am Taschner-Gymnasium für uns fest:

„Es war eine gute Erfahrung. Ich bin sehr froh, dass ich am W-Seminar teilgenommen habe. Es war sehr interessant, die Gründe für die Wahl der Schüler zu hören und wie sie ihr Interesse am Thema Zweiter Weltkrieg begründen. Darüber hinaus erschien mir die Einbeziehung der Familiengeschichte sehr inspirierend für eine detailliertere Untersuchung der Biographie eines ehemaligen Häftlings von Konzentrationslagern.“

Auch Sabine Gerhardus, die Projektleiterin des Gedächtnisbuchs, ist erfreut über den Verlauf  des ersten Seminartermins:

„Ich fand die erste Sitzung des W-Seminars am 20. September vielversprechend. Die Schüler und Schülerinnen machen einen offenen und interessierten Eindruck. Es ist ein großer Kurs, aber alle scheinen motiviert und wollen auch an der Studienfahrt nach Oświęcim/Auschwitz teilnehmen.
Alle haben erzählt, weshalb sie das Seminar gewählt haben: Aus Interesse an der Geschichte des Nationalsozialismus, bei einigen spielte auch die Nähe des ehemaligen Konzentrationslagers eine Rolle. Bei einem Schüler wurde das Interesse, mehr zu erfahren, durch einen Besuch an der KZ-Gedenkstätte geweckt. Die Schüler erzählten auch über Familienerinnerungen an die NS-Zeit.“

Fünf Teilnehmerinnen mit Projektleiterin Sabine Gerhardus

(2.10.22; Fotos: Sara Brunner; IS)

 

Für eine verantwortungsvolle Erinnerungskultur

Mit mehr als 40000 Personen stellten polnische Gefangene die größte Häftlingsgruppe im KZ Dachau. An ihr Leiden erinnerte Kirchenrat Björn Mensing mit einer Gedenkfeier am 18. September 2022 in der Evangelischen Versöhnungskirche auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Dachau anlässlich des 83. Jahrestags der Deportation der ersten polnischen Häftlinge in das KZ Dachau. Es sprachen unter anderem der Dachau-Überlebende Leszek Żukowski, die Schriftstellerin Maria Aniśkowicz sowie Bundesratspräsident Bodo Ramelow. Hedwig Bäuml, Lehrerin am Ignaz-Taschner-Gymnasium, stellte das deutsch-polnische Projekt des Gedächtnisbuchs vor.

Der 93-jährige Leszek Żukowski  berichtete über seine Leidenszeit in den deutschen Konzentrationslagern. Die deutschen Besatzer verhafteten den Jugendlichen am 2. September 1944 in Warschau. Żukowski war bei der Befreiung des KZ Dachau 16 Jahre alt, schwer krank und hatte zu diesem Zeitpunkt 8 Monate Konzentrationslagerhaft nur knapp überlebt. In Flossenbürg zwang man ihn zur Arbeit im Steinbruch und in den Flugzeugwerken der Messerschmitt AG. Am 20. April 1945 musste er sich mit weiteren 5000 Häftlingen auf einen Todesmarsch begeben, nur 1200 von ihnen erreichten das KZ Dachau am 27. April 1945, zwei Tage vor der Befreiung.

Żukowski  erlitt in den Konzentrationslagern eine Vielzahl unmenschlicher Grausamkeiten, alle mit dem Ziel der Auslöschung der Häftlinge. Ohne die Hilfe anderer polnischer Gefangener hätte er nicht überlebt. „Aufgrund meiner eigenen Erfahrung in den beiden Konzentrationslagern behaupte ich, dass unser Überleben allein von der göttlichen Vorsehung abhing.“ Mit diesen Worten schloss Leszek Żukowski seine Rede.

Nicht überlebt hat Jakub Sabasz, der Uroßvater der 1953 geborenen polnischen Schriftstellerin Maria Aniśkowicz. Sie schrieb über seinen Tod im KZ Dachau ein Gedicht, das bewegender Bestandteil der Gedenkfeier wurde. Für Sabasz wurde eine Kerze entzündet, ebenso für die Überlebenden des KZ Dachau Woldemar Gastpary, Adam Kozłowiecki und Mania Knobloch, die jeweils mit Kurzbiographien gewürdigt wurden. Zu denjenigen, die an die Schicksale der polnischen Verfolgten erinnerten, gehörte auch der Shoah-Überlebende und Vorsitzende der Lagergemeinschaft Dachu Ernst Grube.

Ramelow: Plädoyer für eine verantwortungsvolle Erinnerungskultur

Bodo Ramelow, Bundesratspräsident und thüringischer Ministerpräsident, ergriff das Wort, um eine Lanze für eine verantwortungsvolle Erinnerungskultur zu brechen. „Man spürt und weiß: Ein System, dass die Unmenschlichkeit zum Handlungsprinzip erhebt, das andere vernichten will und für ‚vernichtbar‘ hält, ist in der Lage, unaussprechliches Leid zu erschaffen.“ Vor diesem Wissen müsse man sich der eigenen Verantwortung stellen. „Polen war das erste Land, das von Deutschland überfallen wurde. 6 Millionen Polen wurden ermordet – ein Ausmaß an Vernichtungswut und -willen, das die Worte fehlen lässt.“

Eine Geschichtswende oder eine Revision dessen, was passiert ist, dürfe es nicht geben, genauso wenig wie ein Ausgrenzen oder Auseinanderdividieren der Opfer, so Ramelow. „Es gibt nicht ‚mehr jüdische‘ oder ‚mehr polnische‘ Opfer, sondern es gibt nur die Opfer, für die wir die Verantwortung übernehmen müssen. Deswegen stehen wir hier zusammen.“
 
Deutsch-polnisches Erinnerungsprojekt des Gedächtnisbuchs
 

Hedwig Bäuml, Geschichtslehrerin am Ignaz-Taschner-Gymnasium in Dachau, betreut im begonnenen Schuljahr  zum wiederholten Mal ein W-Seminar des Gedächtnisbuchs. Sie stellte das Projekt Gedächtnisbuch sowie das deutsch-polnische Erinnerungsprojekt vor. Die Schüler*innen ihres Seminars werden an der Studienreise nach Auschwitz im Oktober 2022 teilnehmen. Für die Biographien, die die Seminarteilnehmer*innen in den nächsten zwei Jahren erarbeiten werden, gilt wie auch für bisherige Gedächtnisblätter: „Da jede Biographie anders ist, wird uns ein sehr persönliches und individuelles Erinnerungsbild eines Menschen, der oft Unsägliches erleiden musste, gegeben.“

Die Texte der Gedenkfeier lassen sich auf der Website der Versöhnungskirche nachlesen:
https://www.versoehnungskirche-dachau.de/aktuelles-0
Die gesamte Gedenkfeier steht als Audiostream online:
https://youtu.be/_Ae59ypmz-4

(27.9.22; Irene Stuiber)

Wir trauern um Henk van de Water

In den Niederlanden ist am 21. September 2022 Henk van de Water, der letzte niederländische Überlebende des KZ Dachau, gestorben. Sein großer Traum, am 29. Januar 2024 seinen hundertsten Geburtstag zu feiern, durfte er leider nicht erleben.

„Genießt das Leben, Jungs, so wie ich!“ Diesen Ratschlag gab Henk den Schülern Jelle und Ischa, die 2014 für das Gedächtnisbuch ein Interview mit ihm führten. Nach dem ernsten Interview über die Kriegszeit und Henks Haft im KZ Dachau fanden sie gleich ein leichtes Thema, über das sie (nun beim Bier) weiter plaudern konnten. Genauso wie die beiden Schüler liebte Henk Fußball. Leidenschaftlich erzählte er den beiden über den FC Eindhoven, dessen ältester Fan er war. Nie verpasste Henk ein Heimspiel der ersten Mannschaft seines Fußballclubs. Nachdem er im hohen Alter Ehrenmitglied des Vereins geworden war, schaute er sich jedes Heimspiel zusammen mit seiner Frau von der Skybox aus an. „Dort ist es bequem und ich bin natürlich froh darüber“, sagte er. „Aber eigentlich war es schöner, als ich jünger war und wir uns das Spiel noch von der Tribüne aus anschauen konnten. Denn da sitzen die wirklichen Fans und ist es richtig gemütlich.“

Henks Leben hatte einen schwierigen Anfang. Seine Mutter starb, als er erst drei Jahre alt war und hinterließ vier Kinder. Sein Vater heiratete von neuem und es kamen noch sechs Kinder dazu. Doch die Pflegemutter mochte Henk nicht und er wurde er in ein Heim geschickt. Für Henk war es eine besonders einsame Zeit. Als er 16 war und die Pflegemutter starb, wurden alle Kinder in Heime gebracht. Weil Henk dafür zu alt war, mietete sein Vater für sich und ihn ein Zimmer. Das war 1940, als die Niederlande von den Deutschen besetzt wurden.

Henk hatte eine Stelle bei Philips in Eindhoven, wurde 1943 jedoch gezwungen, im Rahmen des Arbeitseinsatzes nach Deutschland arbeiten zu gehen. In Stuttgart wurde er sehr von Heimweh gequält und als ihm nach zwei Jahren immer noch kein Urlaub gestattet wurde, beschloss er abzuhauen. Er wurde verhaftet, zurück zum Arbeitsplatz gebracht, verweigerte aber die Arbeit und wurde dann ins KZ Dachau verschleppt. Die fast drei Monate, die er hier bis zur Befreiung verbrachte, machten einen unauslöschlichen Eindruck auf ihm. Schwer erkrankt vom Flecktyphus überlebte er nur knapp.

Trotz oder vielleicht gerade wegen all dem, verstand Henk es, das Leben zu genießen. Zusammen mit seiner Frau Ria, die er nach dem Krieg kennenlernte, arbeitete er bis ins hohe Alter 43 Jahre lang als Marktkaufmann. Die Sommerferien verbrachten sie häufig in Monaco und im Winter ging es zum Skilaufen in die Berge in der Schweiz. Es war eine glückliche Ehe: Ria war seine große Liebe und Henk die ihre. „Ria, wir haben es zusammen so gut, nicht wahr?“, sagte er ihr oft. Henk betonte immer wieder, wie glücklich er mit ihr war. Ein großer Redner war er nicht, doch als am 22. März 2015 Henks Gedächtnisblatt von Ischa und Jelle in Dachau präsentiert wurde, überwand er seine Nervosität und nutzte die Gelegenheit, Ria in seinem Schlussworts eine öffentliche Liebeserklärung zur bevorstehenden Goldenen Hochzeit zu machen.

Die Beerdigung findet am Mittwoch, dem 28. September 2022, in kleinem Kreis statt. Wir wünschen Ria viel Kraft bei diesem Verlust.

Link zum Gedächtnisblatt
https://www.gedaechtnisbuch.org/gedaechtnisblaetter/?f=W&gb=7420

(24.9.22; Foto: Ria van de Water; Text: Jos Sinnema)

 

Willkommen im Team, Sara!

Sara Brunner, neue Freiwillige von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste an der Versöhnungskirche, verstärkt seit Mitte September 2022 das Team des Gedächtnisbuchs. Ihre Kollegin Ioanna Taigacheva bleibt ein weiteres Jahr  in Dachau, ihr Freiwilligendienst begann im September 2021.

V.l.n.r.: Ioanna Taigacheva, Sara Brunner, Projektleiterin Sabine Gerhardus

Sara Brunner kommt aus Pennsylvania (USA). Sie arbeitete 12 Jahre als Konditorin und beschloss dann einen Neuanfang. Daraufhin studierte Sara an der Shippensburg University International Studies und Deutsch. Während ihres Studiums lebte sie ein Jahr als Austauschstudentin an der Uni in Paderborn. Einen Schwerpunkt ihres Studiums bildete ein Kurs über den Holocaust, sie beschäftigte sich mit der Entwicklung des KZ-Systems. Nach dem Abschluss als Bachelor war sie auf der Suche nach einer Möglichkeit, in Deutschland leben und arbeiten zu können. Einer ihrer Professoren an der Shippensburg University empfahl ihr Aktion Sühnezeichen Friedensdienste als Anlaufstelle.

Die in Gedenkstätten geleistete Erinnerungsarbeit findet Sara Brunner sehr wichtig. Sie erhofft sich von der Zeit in Dachau eine Vertiefung ihrer Kenntnisse über die NS-Zeit. Und vielleicht, so meint sie, findet sie während ihres Freiwilligenjahrs ein Thema für ihre Masterarbeit.

Das Team des Gedächtnisbuchs heißt Sara sehr herzlich willkommen und freut sich über ihre Mitarbeit!

(20.9.2022; IS)

 

Gedenkfeier zur Erinnerung an polnische Häftlinge im KZ Dachau

Bei einer Gedenkfeier am 18. September 2022 erinnern neben anderen Rednern die Zeitzeugen Leszek Żukowski und Ernst Grube sowie Bundesratspräsident Bodo Ramelow an die polnischen Häftlinge im KZ Dachau. Polnische Häftlinge bildeten im Konzentrationslager Dachau die größte nationale Häftlingsgruppe.

Titelblatt des Gedächtnisblatts für Piotr Wodnik, Ausschnitt

Bereits am 16. September 1939, zwei Wochen nach dem deutschen Überfall auf Polen, wurden 25 Männer aus Ostoberschlesien ins KZ Dachau verschleppt. Am 23. September 1939 kamen mit dem nächsten Transport aus Polen 74 Gefangene nach Dachau. Bis zur Befreiung des Lagers litten insgesamt mehr als 40.700 Menschen aus Polen im KZ Dachau, unter ihnen fast 10.000 jüdische Häftlinge. Die polnischen Häftlinge waren im KZ Dachau die größte nationale Gruppe. Waren es zunächst nur Männer, so wurden in den letzten Kriegsjahren auch etwa 1600 Frauen aus Polen nach Dachau verschleppt.

Am Sonntag, 18. September 2022, 15 Uhr, veranstaltet die Evangelische Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau in Kooperation mit der Deutsch-Polnischen Gesellschaft München eine Gedenkfeier zum 83. Jahrestag der ersten Deportation von Polen ins Konzentrationslager Dachau.

Bei der Gedenkfeier sprechen

  • der polnische Widerstandskämpfer und KZDachauÜberlebende Leszek Żukowski (93) aus Warschau,
  • die polnische Schriftstellerin Maria Aniśkowicz, deren Urgroßvater Jakub Sabasz im KZ Dachau ermordet wurde,
  • der HolocaustÜberlebende Ernst Grube (89, Präsident der Lagergemeinschaft Dachau),
  • der Bundesratspräsident und Thüringer Ministerpräsident Bodo Ramelow,
  • die Studiendirektorin Hedwig Bäuml, die mit Jugendlichen vom  Dachauer IgnazTaschnerGymnasium an einem deutschpolnischen Austausch des Gedächtnisbuch für die Häftlinge des KZ Dachau teilnimmt,
  • Jan Kwiatkowski (Poznań), Historiker, früherer  Freiwilliger von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste an der Versöhnungskirche und im Gedächtnisbuch sowie Gedenkstättenreferent,
  • Anna Baumgartner vom Vorstand der DeutschPolnischen Gesellschaft München
  • sowie Pfarrer Edwin Pech (Karpacz), Vertreter der EvangelischAugsburgischen Kirche in
    Polen im Kuratorium der Versöhnungskirche,
  • und Kirchenrat Björn Mensing, Pfarrer und Historiker an der Versöhnungskirche.

Von den polnischen Häftlingen wurden im Dachauer KZSystem mindestens 8390 ermordet. Einer von ihnen war Jakub Sabasz (18731941). Seine 1953 geborene Urenkelin, die in Deutschland lebende polnische Schriftstellerin Maria Aniśkowicz, verarbeitete seinen Tod in einem Gedicht, das sie bei der Gedenkfeier vorträgt.

Unter den mehr als 14.000 am 29. April 1945 von der U.S. Army in Dachau befreiten polnischen Häftlingen war der damals sechzehnjährige Leszek Żukowski. Er hatte 1944 im Warschauer Aufstand in der Armia Krajowa (Heimatarmee) gegen die Deutschen gekämpft, war ins KZ Flossenbürg  verschleppt worden und am 27. April 1945 nach einem mörderischen Todesmarsch mehr tot als lebendig in Dachau eingetroffen. Bei seiner Befreiung wog er nur noch 29 Kilogramm. Leszek Żukowski, einer der wenigen noch als Zeitzeuge aktiven Kämpfer des Warschauer Aufstands, kommt nach Dachau, um erstmals am Ort seiner Befreiung öffentlich zu sprechen.

Bodo Ramelow, Ministerpräsident des Freistaates Thüringen, wurde im Herbst 2021 turnusgemäß für ein Jahr zum Präsidenten des Bundesrates gewählt. Er ist damit einer der höchsten Repräsentanten der Bundesrepublik Deutschland und Vertreter des Bundespräsidenten. Bodo Ramelow hat in den letzten Jahrzehnten mehrere KZGedenkstätten besucht, auch in Polen. Nach Dachau kommt er erstmals.

Eine Anmeldung zur Gedenkfeier ist nicht erforderlich, der Ton wird in den Innenhof der Versöhnungskirche übertragen. Da bei der Gedenkfeier in der Versöhnungskirche keine größeren Abstände eingehalten werden können, gilt FFP2Maskenpflicht.

Die Veranstaltung wird via Livestream übertragen und kann auch später noch gesehen werden:
https://www.facebook.com/events/1053082908680644

Weitere Informationen zur Veranstaltung finden sich auf der Website der Versöhnungskirche
https://www.versoehnungskirche-dachau.de/veranstaltungen

(11.9.21; PM/IS)

Im polnischen Ostrzeszów entstehen neue Gedächtnisbuch-Biographien

Der polnische Historiker Jan Kwiatkowski aus Posen unterstützt das Gedächtnisbuch bei der Erstellung polnischer Biographien. Auf Jans Anregung hin verfassen dort Nachkommen ehemaliger Dachau-Häftlinge neue Beiträge fürs Gedächtnisbuch.

Jan Kwiatkowski

Jan kennt das Gedächtnisbuch schon lange: Im Jahr 2014 war er als Freiwilliger der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste in der Versöhnungskirche auch beim Gedächtnisbuch eingesetzt. Seitdem ist er der Erinnerungsarbeit in Dachau verbunden und engagiert sich unter anderem bei der Internationalen Jugendbegegnung. Im Juli war Jan einige Wochen in Dachau, um für das Max Mannheimer Studienzentrum zu arbeiten.

Bei dieser Gelegenheit besprachen Jan Kwiatkowski und die Leiterin des Gedächtnisbuchs, Sabine Gerhardus, die neuen Lebensgeschichten, die gerade in Ostrzeszów entstehen. Das Städtchen im Kreis Posen gehörte Anfang des 20. Jahrhunderts zur preußischen Provinz Posen und hieß damals Schildberg. Zur Zeit verfassen dort Nachkommen ehemaliger Dachau-Häftlinge Gedächtnisblätter. Im März 2023 sollen die neuen Biographien im Rahmen des deutsch-polnischen Erasmus+-Projekts ins Gedächtnisbuch aufgenommen werden.

(3.9.2022; Sabine Gerhardus/IS)

Ausstellung, Gottesdienst und Veranstaltung in Pfreimd: gut besucht

Die Organisatoren der Ausstellung „Namen statt Nummern“ in Pfreimd freuen sich über das große Interesse an der Ausstellung und der dazugehörigen Veranstaltung. Die im Juli 2022 gezeigte Ausstellung begleitete das Gedenken an den Franziskanerpater Petrus Mangold anlässlich seines 80. Todestags. Hans Paulus hat über Petrus Mangold ein Gedächtnisblatt verfasst, aus dieser Biographie entstand ein neues Banner für die Ausstellung.

Den Gottesdienst zelebrierte Pater Bernhard Braun, der letzte in Pfreimd tätige Franziskanerguardian, begleitet von Orgel und Trompete. Nach dem Gottesdienst wurde eine Gedenkplatte neben dem Kirchenportal geweiht. Hans Paulus erläuterte an der Grabstelle im Kreuzgang den Lebenslauf von Petrus Mangold. Daran schloss sich die Eröffnung und eine Führung durch die Ausstellung „Namen statt Nummern“ an. 

Der Gottesdienst war sehr gut besucht, das Interesse an der Lebensgeschichte von Petrus Mangold und den anderen in der Ausstellung dargestellten Biographien auch in den Gesprächen nach der Veranstaltung groß, berichtete Hans Paulus.

(24.8.2022; Hans Paulus/IS)

Häftlingsbiografien und Fachaustausch: Gedächtnisbuch startet deutsch-polnische Partnerschaft

Das Gedächtnisbuch startet zusammen mit der Jugendbegegnungsstätte in Oświęcim/Auschwitz ein deutsch-polnisches Partnerschaftsprojekt. Die Projektträger planen, in den nächsten zwei Jahren mithilfe des Erasmus+-Projekts die Grundlagen für eine langfristige Zusammenarbeit zu legen.

Die Internationale Jugendbegegnungsstätte in Oświęcim/Auschwitz

Hier die Pressemitteilung, mit der das Gedächtnisbuch über Projekt informiert:

„Sehr berührt hat mich die Geschichte von Arthur Asur Berlinger, der trotz grausamer Haft seinen Glauben nie verloren hat. Um an diesen starken Mann zu erinnern, habe ich dieses Gedächtnisblatt erstellt.“ Arthur Berlinger war 1938 Häftling im Konzentrationslager Dachau, weil er Jude war. Sechs Jahre später wurde er aus demselben Grund in Auschwitz ermordet. Unter den Dachauer Häftlingen gab es viele, die auch im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz leiden mussten. Von ihnen erzählen bisher nur wenige Biographien im Gedächtnisbuch. Eine davon ist die Geschichte, die  von der Dachauer Schülerin Theresa Ziegler über Arthur Berlinger aufgeschrieben wurde. Nun sollen weitere Gedächtnisblätter über Häftlinge beider Lager entstehen. Das Gedächtnisbuch für die Häftlinge des KZ-Dachau startet ein internationales Projekt mit der Internationalen Jugendbegegnungsstätte in Oświęcim/Auschwitz als Partner. Das deutsch-polnische Projekt findet im Rahmen des europäischen Erasmus+ Programms statt und ist zunächst auf zwei Jahre angelegt. Die Projektpartner wollen in diesen zwei Jahren die Grundlagen für eine langfristige stabile Partnerschaft zwischen dem Gedächtnisbuch und der Jugendbegegnungsstätte Oświęcim schaffen.

Die Projektkoordination übernimmt für den Trägerkreis des Gedächtnisbuchs das Dachauer Forum. Geschäftsführerin Annerose Stanglmayr erläutert: „Mit der Jugendbegegnungsstätte in Oświęcim haben wir einen hochkarätigen und sehr kompetenten Partner in Polen gefunden. Ganz sicher werden beide Seiten von der Zusammenarbeit profitieren.“ Geplant ist ein Fachaustausch sowie eine Weiterentwicklung der Konzepte und Lernangebote. Die Projektpartner streben einen Erfahrungsaustausch, die gegenseitige Unterstützung und die Präsentation der Ergebnisse des Partnerschaftsprojekts in beiden Ländern an.

Im Lauf der Projektdauer des Erasmus+-Projekts erstellen Ehrenamtliche Biographien polnischer und deutscher Häftlinge für das Gedächtnisbuch. Recherchiert werden soll in den nächsten zwei Jahren vor allem über NS-Verfolgte, die sowohl im Konzentrationslager Dachau als auch in Auschwitz inhaftiert waren. Zwei Studienfahrten ergänzen die kontinuierliche Online-Zusammenarbeit der Projektpartner. Die Präsentation für die Öffentlichkeit erfolgt in Form von Gedächtnisblättern und in einer deutsch-polnischen Wanderausstellung. Auf der Website des Gedächtnisbuchs www.gedaechtnisbuch.org finden sich in den zwei Jahren der Laufzeit des Projekts aktuelle Berichte zum Projektverlauf.

Derzeit laufen die Vorbereitungen für zwei wesentliche Projektmeilensteine: Mit dem neuen Schuljahr im September beginnt ein W-Seminar des Gedächtnisbuchs am Dachauer Ignaz-Taschner-Gymnasium, in dessen Rahmen die Schüler und Schülerinnen Biographien für das Erasmus+-Projekt erstellen werden. Im Oktober fahren Projektteilnehmende für eine Woche nach Oświęcim.

 „Es ist uns wichtig, dass möglichst viele Menschen von dieser Partnerschaft profitieren.“, betont Annerose Stanglmayr. „So steht zwar der Fachaustausch der beteiligten Organisationen im Mittelpunkt, doch werden von Anfang an ehrenamtlich Mitwirkende und die interessierte Öffentlichkeit in beiden Städten und darüber hinaus einbezogen.“

Deutsch-polnische Zusammenarbeit ist für das Gedächtnisbuch kein Neuland: Bereits mehrmals haben polnische Freiwillige der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste im Rahmen ihres Freiwilligendiensts in Dachau das Gedächtnisbuch unterstützt. Auch hier gibt es einen Schnittpunkt mit dem polnischen Partner: Die Internationale Jugendbegegnungsstätte Oświęcim wurde 1986 auf Initiative von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste gegründet. Bis heute ist die Freiwilligenarbeit von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste dort ein wesentlicher Bestandteil der pädagogischen Aktivitäten.

(12.8.22; Foto: Internationale Jugendbegegnungsstätte Oświęcim/Auschwitz; PM/IS)

 

Gedenken an Werner Sylten

Am 12. August 2022 jährt sich der Todestag von Werner Sylten zum 80. Mal. Der Mitarbeiter des Büro Grüber wurde im August 1942 aus dem KZ Dachau nach Schloss Hartheim deportiert und dort ermordet. Die Evangelische Versöhnungskirche erinnert in einem Gottesdienst am 14. August 2022 an den im Widerstand aktiven Pfarrer.

Barbara Kittelberger mit Werner Sylten 2008

Im Gottesdienst in der Versöhnungskirche wird die emeritierte Münchner Stadtdekanin Barbara Kittelberger am 14. August 2022 den Widerstandskämpfer Werner Sylten würdigen. Barbara Kittelberger kennt Walter Sylten, den Sohn von Werner Sylten, von Tagungen des internationalen Kuratoriums der Versöhnungskirche. Walter Sylten war 12 Jahre alt, als er mit der Ermordung seines Vaters Vollwaise wurde.

Das Gedächtnisbuch widmete Werner Sylten bereits 2010 ein von Heinrich Bauer und Klaus Schultz verfasstes Gedächtnisblatt:
Gedächtnisblatt Werner Sylten

Weitere Informationen zum Gottesdienst:
https://www.versoehnungskirche-dachau.de/gottesdienste

(7.8.2022; IS)