15. März 2026
Marine stellte Biografie von Justin Blanc vor
Die Lebensgeschichte des französischen Resistance-Mitglieds Justin Blanc hatte Marine, ASF-Freiwillige in Dachau im Jahr 2024/25, zum Thema ihres Gedächtnisblatts gemacht. Anfang März konnte sie diese Biografie bei einem Gottesdienst in der Versöhnungskirche vorstellen.
Wir dokumentieren hier den Originaltext ihres Vortrags:
„Liebe Gesellschaft,
ich bin geehrt, heute auf die großherzige Einladung von Frank hin die Geschichte von Justin Blanc vorstellen zu dürfen. Er ist einer der 200.000 Menschen, die zwischen 1933 und 1945 nach Dachau verschleppt wurden. Justin Blanc war weder laut noch berühmt noch mächtig – er war ein einfaches, typisches Kind der provenzalischen Landschaft. Es ist mir eine Ehre, durch seine Geschichte an das Schicksal eines Kindes aus jenem Kanton zu erinnern, in dem meine eigenen Großeltern und Urgroßeltern lebten und in dem mein Vater aufgewachsen ist.
Justin Blanc wurde in einem kleinen Dorf geboren, eingebettet in die trockenen Wälder der Provence, auf roter Erde, zwischen Hügeln und Tälern. Er war der einzige Sohn einer bescheidenen Schreinerfamilie. Dort, in der Rue du Rastel, wuchs er auf – in einer Umgebung voller Vertrautheit und Einfachheit.
Als der Erste Weltkrieg ausbrach, war Justin noch minderjährig. Doch an seinem 18. Geburtstag meldete er sich freiwillig zur Marine. Später trat er in die Militärluftfahrt ein und diente in französischer Algerien. Wie viele junge Männer jener Zeit sah er mehr von der Welt, als er sich vielleicht je hätte träumen lassen – und er zahlte dafür einen Preis: Eine schwere Lungeninfektion zwang ihn 1920 zur Rückkehr nach Frankreich.
Wieder zuhause übernahm er den Beruf seiner Vorfahren und wurde Schreiner. Als sein Vater starb, übernahm Justin Verantwortung für die Familie. 1926 heiratete er Joséphine Barolat-Massole, die Tochter einer Nachbarfamilie italienischer Immigranten. Sie lebten gemeinsam mit Teilen beider Familien in einem einfachen Haushalt – bescheiden, aber voller Würde. So verlief ihr Leben still und unauffällig, bis der Krieg es erneut veränderte.
Mit der Besetzung Frankreichs durch Nazi-Deutschland begann Justin Blanc, im Verborgenen zu handeln. Er schloss sich durch eine Vereinbarung mit Bekannten aus seiner Zeit beim Wehrdienst, mit denen er sich angeblich wieder beim Syrisch-Libanesischen Feldzug 1941 engagiert hatte, der Sektion für Landung und Fallschirmabwurf (SAP) an und wurde Leiter des Fayence-Netzwerks. Seine Aufgabe war gefährlich und entscheidend: Er koordinierte die nächtlichen Landefelder, markierte sie mit Feuern und sorgte für den Empfang der abgeworfenen Container – Waffen, Lebensmittel, Medikamente für die Maquisards – diese junge Männer, die sich der Zwangsarbeit verweigert hatten und versteckt in den Wäldern lebten.
In einer Landschaft, in der jeder jeden kannte, konnte Geheimhaltung nur schwer gelingen. Dazu waren die Franzosen nicht geeignet: Manche unterstützten das Vichy-Regime ausdrücklich, andere schämten sich und waren über die deutsche Besetzung empört, wieder andere fühlten sich nicht besonders betroffen, sei es aus Opportunismus oder aus echtem Desinteresse. Bald wussten Gestapo und französische Miliz von den Aktivitäten der Widerständler in dem Kanton. Und so kam der 10. Juli 1944: Der 45-jährige Justin Blanc wurde bei einer Razzia in Montauroux und Callian verhaftet und nach Nizza verschleppt.
Dort wurde er verhört und vermutlich gefoltert. Er verriet jedoch niemanden und bis zur Befreiung wurde kein weiterer Teilnehmer des Fayence-Netzwerks verhaftet. Als sich die Nachricht von der bevorstehenden Landung der Alliierten in der Provence verbreitete, stellte die Gestapo einen Konvoi mit 13 provenzalischen Widerstandskämpfern zusammen. Justin war einer der Ältesten.
Ihre Reise führte sie über Genua, Bergamo und Verona tief hinein ins Herz des feindlichen Dritten Reiches. Anfang November gelangten sie nach Ingolstadt, dann für eine Nacht in das Polizeipräsidium München, und am 9. November 1944 schließlich in das Konzentrationslager Dachau. Der Konvoi hatte die vertraute Provence im Sommer verlassen und war im Herbst im kalten, fremden Bayern angekommen.
Dort wurde die Gruppe getrennt. Justin kam mit zwei weiteren Männern aus dem Kanton Fayence, Honoré Bourguignon und Camille Laroute, in die Baracke 27. Der Winter war hart, das Lager überfüllt, Krankheit und Hunger allgegenwärtig. Die drei älteren Männer des provenzalischen Konvois starben nacheinander. Justin war der letzte von ihnen.
In der Nacht des 3. Februar 1945 starb er in Baracke 15, einem Nebengebäude des Krankenreviers. Was mit seinem Körper geschah, wissen wir nicht. Wahrscheinlich wurde er wie viele andere in ein Massengrab am Etzenhausener Berg gebracht. Nur wenige Monate später, am 29. April 1945, wurde das Lager befreit.
Einer der Mitgefangenen, Roger Bricoux, überlebte und kam im Juli 1945 nach Montauroux, um der Gemeinde von Justins letzten Tagen zu berichten. Durch ihn wissen wir, dass Justin inmitten der Dunkelheit des Lagers nicht allein war, sondern von Kameraden umgeben, mit denen er den langen Weg von der Provence bis nach Bayern geteilt hatte.
Letztes Jahr jährte sich Justin Blancs Tod zum 80. Mal.
Heute stehen wir hier, um seine Geschichte lebendig zu halten – und um alle 200.000 Häftlinge von Dachau in Erinnerung zu bewahren. Vielleicht wissen wir nicht, wie religiös Justin war. Er stammte aus einer Familie mit republikanischen, antiklerikalen Werten. Doch heute können wir ihm – und all den anderen – etwas schenken, das über Glaubensgrenzen hinausgeht: die Wärme unserer Herzen.
Möge unsere Erinnerung ihnen Frieden bringen. Möge unser Gedenken ein Zeichen der Versöhnung sein. Und mögen Justin Blanc, die zwölf Provenzalen und alle, die in Dachau litten, in der Heimat Ruhe finden, die sie nie wieder betreten durften.
Danke.“
Hier gehts zum Gedächtnisblatt:
https://www.gedaechtnisbuch.org/gedaechtnisblaetter/?f=B&gb=14773
(15.3.26; Foto: Klaus Schulz, Text: Marine/IS)