Die graue Wand, auf der stand: „Drei Jahre KZ Dachau …“

Die Verfasserin des Gedächtnisblatts zu August Baumann, Amelie Kiermeier, zeigte sich auf der Präsentation neuer Gedächtnisblätter am 25. Oktober 2021 von dessen Lebensgeschichte zweifach beeindruckt: Zum einen zeigte sie sich fasziniert, davon, „er in seinem Leben alles erleben durfte“, zum anderen aber auch „schockiert darüber, was er alles erleben musste“. Neben der Biographie von August Baumann stellten ehrenamtliche Autorinnen und Autoren die Lebensgeschichten von neun weiteren Häftlingen des KZ-Dachau vor.

Amelie Kiermeier spricht über August Baumann

August Baumann hatte 1932 an der „Ersten Deutschen Arbeiter-Kaukasus-Expedition“ teilgenommen. Dadurch galt er den Nazis als aktives Mitglied der Arbeiterbewegung und saß 1933 zwei Monate lang in einem Münchner Gefängnis in Schutzhaft. Auf eine zweite Verhaftung 1935 folgte eine Verurteilung zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus, ab 1938 bis Anfang Mai 1945 schließlich erlitt er die Gefangenschaft in den Konzentrationslagern Dachau und Flossenbürg. Baumann setzte sich in der Nachkriegszeit für eine aktive Erinnerungsarbeit und die KZ-Gedenkstätte Dachau ein.

Walter Beier: Gefangener in Dachau und Flossenbürg

Selina Becker und Sabine Gerhardus

Drei W-Seminare erfuhren durch die Corona-Pandemie bisher Einschränkungen in ihrer Arbeit, erläuterte Projektleiterin Sabine Gerhardus. Auch Präsentationen konnten nicht oder nur in anderer Form stattfinden. Umso mehr freute Sabine Gerhardus, dass Arbeiten aus den W-Seminaren Grafing und des Dachauer Josef-Effner-Gymnasium im Lauf des Abends vorgestellt werden konnten.

Gemeinsam mit Gedächtnisbuch-Verfasserin Selina Becker präsentierte Gerhardus die Lebensgeschichte von Walter Beier, der wegen regimekritischer Äußerungen sein Jurastudium in Breslau nicht beenden konnte. Beier zog nach Österreich, dies schützte ihn bis zum Anschluss Österreichs vor einer Verhaftung. Bis 1943 war er dann Gefangener in Dachau und Flossenbürg, in der Nachkriegszeit lebte Beier in München.

Obdach für einen Verfolgten

Sarah Berghammer

Die Familie Meier in Untergiebung versteckte den wegen seiner Widerstandstätigkeit verfolgten Jesuitenpater Augustin Rösch auf ihrem Anwesen. Wolfgang Meier bezahlte dafür mit seinem Leben, seine beiden Söhne Wolfgang und Martin überlebten die Tortur des Konzentrationslagers.

Sarah Berghammer und die leider nicht anwesende Judith Fröhlich haben die Geschichte dieser drei Menschen in zwei Gedächtnisblättern festgehalten. Ein besonderer Dank der Verfasserinnen ging an Familie Meier: „Wir sind froh, dass sie uns das Vertrauen geschenkt haben, an dieser bewegenden Geschichte teilhaben zu können.“

Gedächtnisblatt Wolfgang Meier (geb. 1878)

Gedächtnisblatt Wolfgang und Martin Meier

 Abraham Müller: Lehrer und Kantor in München

Clara Farias Rocha, stellvertretend für Lisa Mainz

Im Grafinger W-Seminar widmete sich Lisa Mainz der Lebensgeschichte von Abraham Müller, der von 1914 bis 1938 als Kantor und Lehrer der Israelitischen Kultusgemeinde in München wirkte. Die Präsentation und die Übermittlung eines persönlichen Statements der Autorin übernahm Clara Farias Rocha. Im November 1938 wurde Müller in das KZ Dachau gebracht, einen knappen Monat später starb er im Konzentrationslager.

Lisa Mainz berichtete über die Arbeit am Gedächtnisblatt: „Bei der Recherche hat mich vor allem die Nähe zum ganzen Thema beschäftigt. Ich habe unter anderem im Archiv der KZ-Gedenkstätte Dachau recherchiert und konnte von dort aus direkt auf den Appellplatz schauen, das hat mich sehr aufgewühlt.“ Über ihre Gefühle erzählte die Gedächtnisbuch-Autorin: „An dem Ort zu sein, an dem so viele Menschen leiden und sterben mussten, hat mich sehr stark beschäftigt und bewegt.“

Gedächtnisblatt Abraham Müller

Geschichtliches Wissen wurde erlebbar

Zoriana Shainiuk, stellvertretend für Lola Spiegl

Verfasserin Lola Spiegl vom Max-Mannheimer-Gymnasium in Grafing schätzt besonders die Veranschaulichung von trockenen Fakten, die sie durch die Teilnahme am Gedächtnisbuch W-Seminar erlebt hat: „Geschichtliches Schulwissen wurde nun intensiv, detailreich und visuell für mich erlebbar. Dadurch habe ich ganz neue Erkenntnisse mitgenommen.“

Ihre Recherchen konnte sie nicht selbst vorstellen, ASF-Freiwillige Zoriana Shainiuk sprang ein. Gerson Feinberg hatte als jüdischer Religionslehrer und Rabbiner in den Gemeinden Regensburg, Weiden, Hof und Kitzingen, als Seminarlehrer in Würzburg, schließlich Heilbronn, Groß-Strehlitz und Schönlanke gearbeitet. Er wurde 1942 im Ghetto Riga ermordet.

Durch die Fülle seiner Arbeits- und Aufenthaltsorte ergaben sich auch eine Fülle an Recherchemöglichkeiten.„Mir fiel es tatsächlich nicht leicht, nach einem Jahr Recherche zum Ende der Arbeit zu kommen, wohlwissend dass sicherlich noch weitere Hinweise auf das Leben Gerson Feinbergs irgendwo tief in den Archiven schlummern.“, teilte die Autorin Lola Spiegl in ihrem von Zodiana Shainiuk vorgelesenen Erfahrungsbericht mit.

Christoph Triebfürst über Alice Behr

Christoph Triebfürst stellt die Biographie von Alice Beer vor

Christoph Triebfürst, Lehrer am Dachauer Josef-Effner-Gymnasium, präsentierte stellvertretend für die Verfasserin Nele Behrens die Biographie der Lehrerin Alice Beer. Die aus Mannheim stammende Jüdin wurde 1933 aus dem badischen Schuldienst entlassen und arbeitete bis zu ihrer Emigration 1938 zunächst im Kinderheim der Israelitischen Jugendhilfe in München und schließlich an der jüdischen Schule Mannheim. In den USA konnte sie ihren Beruf als Lehrerin nicht mehr ausüben, sie arbeitete als Kindermädchen und Hotelangestellte, schließlich in einem Kinderheim. Alice Behr schrieb Artikel und Kurzgeschichten.

Langjährige Zusammenarbeit zwischen BLLV und Gedächtnisbuch

Dieter Reithmeier, Landesgeschäftsführer des BLLV

Mit den Lebensläufen von Alice Beer und Gerson Feinbergs umfasste die Präsentation auch Biographien, die ausschließlich dem Projekt Erinnern des BLLV zuzuordnen sind, einem engen Partnerprojekt des Gedächtnisbuchs. Das Projekt Erinnern hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Lebensläufe jüdischer und verfolgter bayerischer Lehrerinnen und Lehrer in Erinnerung zu rufen. Dieter Reithmeier, Landesgeschäftsführer des BLLV, erläuterte die langjährige Zusammenarbeit. Er bedankte sich bei den als Autorinnen und Autoren für deren Bereitschaft, sich über ein bis zwei Jahre mit der Biographie eines verfolgten Menschen intensiv auseinanderzusetzen.

Karl Otto Watzinger: Als Jurist im Unrechtsstaat

Benedikt Leonhard

Der Jurist Karl Otto Watzinger brach 1937 seinen Vorbereitungsdienst ab, weil er „in einem Unrechtsstaat kein Recht sprechen“ konnte. Benedikt Leonhard stellte dessen Lebensgeschichte vor, die er im Rahmen des W-Seminars in Grafing recherchiert und in einem Gedächtnisblatt festgehalten hat. Karl Otto Watzingers Sohn Jörg Watzinger konnte leider nicht zur Veranstaltung kommen, schickte aber ein Grußwort.

Gedächtnisblatt Karl Otto Watzinger

Friedl Volgger: „Ein bemerkenswerter, mutiger und völlig unerschrockener Mensch“

Larissa Heindl

Larissa Heindl hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die Biographie von Friedl Volgger in einem Gedächtnisblatt nachzuvollziehen. Volgger war ein Südtiroler Antifaschischt, Journalist und Politiker. Larissa Heindl berichtete über ihre Erfahrungen während der Arbeit am Gedächtnisblatt:„Ich  fand die Recherchezeit sehr spannend, weil ich einen tiefen Einblick in das Leben eines bemerkenswerten, mutigen und völlig unerschrockenen Menschen erhielt.“ Auch sei die Reise nach Südtirol „eine tolle und einprägsame Lebenserfahrung“ gewesen, da für die Autorin das Leben von Friedl Volgger in Bozen sehr viel anschaulicher geworden sei. Larissa Heindl bedankte sich besonders bei Friedl Volggers Tochter Burgi Vollger für deren tatkräftige Unterstützung.

Gedächtnisblatt Friedl Volgger

Die graue Wand unausgesprochener Erfahrungen

Burgi Volgger

Als graue Wand empfand Burgi Volgger, die nach dem Krieg geborene Tochter des Dachau-Häftlings Friedl Volgger, die unausgesprochenen Erfahrungen ihres Vaters im KZ-Dachau. Burgi Volgger schilderte die Gespräche und Zusammenkünfte mit der Biographin Larissa Heindl: „Larissa Heindl hat mein Herz bewegt“, so die Tochter Friedl Volggers.

Veränderungen im Trägerkreis

V.r.n.l.: Ludwig Schmidinger, Frank Schleicher, Klaus Schultz

Annerose Stanglmayr, Trägerkreisvertreterin für das Dachauer Forum, eröffnete die Veranstaltung und wies auf die Veränderungen im Trägerkreis während der letzten zwei Jahre hin. Klaus Schultz und Ludwig Schmidinger haben sich in den Ruhestand verabschiedet, ihren Platz im Trägerkreis haben nun Frank Schleicher für die Evangelische Versöhnungskirche und Judith Einsiedel als katholische Seelsorgerin an der Gedenkstätte Dachau übernommen. Judith Einsiedel sprach das Schlusswort.

Schlusswort von Judith Einsiedel

 

(1.11.2021; IS)